Züri West, diesseits der Brücke

„Menschen, die niemand will“

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Chris Häsler beim Anschlagbrett. Am meisten interessiert die Bewohner, ob sie Post erhalten haben – und wann das Geld ausgezahlt wird.
Es steht im Schatten der Zürcher Hardbrücke, eingeklemmt von Zubringern und Bahngleisen und nur zwei Steinwürfe von den Event-Tempeln des Maag-Areals: das Wohnheim der Heilsarmee. Wer hier lebt, sprintet nicht mit im adventlichen Kaufrummel der Grossstadt.

Das Sozialamt der Stadt Zürich bringt an der Geroldstrasse Menschen unter, die alles verloren haben oder mit dem Leben nicht mehr zurechtkommen. Die 25 Betten sind meistens belegt; für Männer ist derzeit keines frei.

Suche nach Arbeit und eigenen vier Wänden

Die Heilsarmee führt in Zürich drei Heime, dazu Aussenwohngruppen. Das Haus neben dem Heilsarmee-Brocki (gleich neben der Bahnlinie) diente früher als Wohnheim mit Beschäftigung. Nach einer Renovation ging es 2004 neu als Wohnheim auf.

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Seine Eltern haben sich (noch) keine Existenz aufbauen können.
Einzelne Zimmer des Wohnheims sind für Mütter und Kinder und für Familien eingerichtet. Im letzten August hat Chris Häsler die Teamleitung übernommen. Eine seiner Hauptaufgaben ist die Suche von Arbeitstellen und Wohnungen – mit dem ganzen Papierkram. Oft hilft er den Bewohnern, im Internet selbständig zu suchen.

Lieber hier als in der Psychi

Nicht selten haben Bewohner keine Lust weiterzuziehen, denn es behagt ihnen im Heim. Vor allem psychisch beeinträchtigte Menschen schätzen die menschliche Wärme und die Sorgfalt der Betreuer. „Manche kommen nach drei Tagen in der Psychiatrischen Klinik wieder zu uns, weil es ihnen hier besser gehe.“

Freundlich und bestimmt

Das Zusammenleben auf engem Raum führt unausweichlich zu Reibereien und Konflikten. Täglich betet das Team für die Leute im Haus und bietet eine kurze Besinnung an. Chris Häsler ist überzeugt, dass das Gebet wesentlich zum Wohlbefinden der Bewohner beiträgt. Der erfahrene Sozialpädagoge (50), der selbst nach einem schweren Unfall seine frühere Stelle verlor, ist regelmässig für Gespräche zu haben.

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Für Menschen, die niemand will: das Wohnheim der Heilsarmee an der Geroldstrasse.
„Früher wusste ich, dass Gott helfen kann. Heute erlebe ich seine Hilfe; ich kann seine Kraft anzapfen.“ Kraft braucht es, um Streit zu schlichten und Drogen- und Medikamentenabhängigen Schranken zu setzen. Viele Bewohner, die nicht mit grösseren Summen umgehen können, erhalten das Geld des Sozialamts täglich.

„Menschen, die niemand will“

„Wir haben auch viele gläubige Menschen hier, die psychisch krank sind; sie schätzen unsere Atmosphäre.“ Eben hat Häsler einen Mann im Spital besucht, einen Altrocker, der vor und nach einem Kuraufenthalt im Wohnheim weilte und wegen epileptischer Anfälle in die Klinik eingeliefert werden musste. „Er konnte damals nicht mehr reden; heute kann er schon wieder ganze Sätze sagen.“ Die meisten Bewohner haben sonst (ausser vielleicht auf den Ämtern) keine Bezugsperson – „es sind wirklich die, die niemand will“. Immer wieder werden Männer (auch jüngere) im Heim aufgenommen, die den Verlust der Arbeitsstelle und – mehr oder weniger gleichzeitig – die Scheidung nicht verkraftet haben und aus dem Tritt gerieten.

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Sie rühmt die herzliche Atmosphäre im Heim. Mit ihrem Mann hat sie eben in eine eigene Wohnung zügeln können.

Nicht als Bleibe gedacht

Eine Frau mit einem zwei Wochen alten Baby hielt es in ihrer Vorortsgemeinde nicht mehr aus – „nun staunen wir, wie gut es dem Kind geht, und auch die Mutter fühlt sich besser“. Die Frau hilft in der Wäscherei mit. So gern Häsler seinen Leuten hilft, achtet er doch darauf, ihre eigene Initiative zu fördern. „Was sie können, müssen sie selbst an die Hand nehmen. Wir setzen Ziele, vereinbaren Schritte.“ Weil manche verschuldet sind oder Betreibungen am Hals haben, gehören sie nicht zu den bevorzugten Mietern. Aber das Heim der Heilsarmee, so heimelig es sein soll, ist nicht als Bleibe gedacht.

Webseite der Heilsarmee
www.heilsarmee.ch

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Weihnachtszeit – und draussen rauschen die Züge in die Nacht.

Datum: 24.12.2005
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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