Die Prieuré de Sion

Noch bevor der Roman so richtig losgeht, erkennen wir diese Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Im bereits oben erwähnten Einleitungsteil ("FAKTEN UND TATSACHEN") stellt Brown jene vatikanische Prälatur, die als Opus Dei bekannt ist, unmittelbar neben "Die Prieuré de Sion". Beide Institutionen spielen in diesem Roman eine äusserst wichtige Rolle, wobei die Vertreter des Opus Dei die Gegenspieler und die Angehörigen der Prieuré irgendwelche Helden verkörpern, die im Geheimen die Wahrheit über Jesus und die Kirche der Frühzeit weitergeben. Doch während Opus Dei tatsächlich eine massgebliche, erzkonservative Organisation der römisch-katholischen Kirche ist, brauchen wir die Prieuré überhaupt nicht ernst zu nehmen.

"Die Prieuré de Sion" ist angeblich eine europäische Geheimgesellschaft, die von einem französischen Kreuzfahrerkönig namens Gottfried von Bouillon 1099 in Jerusalem gegründet worden ist (in Wirklichkeit geschah dies 1956, als sie in Frankreich offiziell ins Vereinsregister aufgenommen wurde). Ihr Ziel bestehe nach Brown darin, ein grosses Geheimnis zu bewahren, das seit der Zeit Christi unter Gottfrieds Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben worden sei. Verborgene Dokumente, die unter den Ruinen des Tempels in Jerusalem begraben liegen, sollen die Echtheit dieses Geheimnisses bestätigen. Und worin bestand das "grosse Geheimnis", das sie angeblich hüteten? In der Ehe Jesu mit Maria Magdalena, aus der eine Tochter namens Sarah hervorgegangen sei. Jesu Blutlinie lief angeblich über die merowingische Dynastie der französischen Könige und soll noch heute existieren. Die Prieuré de Sion besteht nach Browns Behauptungen, um über Jesu und Marias Nachkommen zu wachen und den idealen Augenblick abzuwarten, in dem der Welt das Geheimnis offenbart werden kann.

Wenn Sie in einer Universitätsbibliothek nach der Prieuré de Sion suchen, werden Sie wahrscheinlich sehr wenig oder gar nichts finden. Wenn Sie dagegen ins Internet überwechseln - dorthin, wo sich Weise und Scharlatane gleichermassen tummeln - stellen Sie fest: Sie müssen sich durch ein Brachland des Bizarren, Okkulten und Unheimlichen - ein allgemeines virtuelles Sammelbecken für Anhänger esoterischen Gedankenguts und Fanatiker der Randgruppen im Sinne des New Age - kämpfen. Einen zuverlässigen Buchtitel zeigt die (englischsprachige) Suchmaschine allerdings an: "The Priory of Sion Hoax" (so viel wie "Der Schwindel im Blick auf die Prieuré de Sion"). Wer behauptet, dass sich Grössen der Vergangenheit wie Sandro Botticelli, Leonardo da Vinci und Isaac Newton dieser Gruppe verschrieben hatten, schadet im Grunde dem Andenken und Ansehen der Betreffenden.

Die Rolle der Prieuré in diesem Roman wird durch ein geheimes Versteck von Dokumenten, die in der Pariser Nationalbibliothek entdeckt wurden, angeblich "nachgewiesen". Obwohl diese Dokumente tatsächlich existieren, steht fest, dass sie von einem Mann namens Pierre Plantard eingeschmuggelt wurden. Ja, einer von Plantards Helfershelfern hat zugegeben, ihm bei der Fälschung dieser Materialien - darunter der Ahnentafeln und der Listen der Prieuré-Grossmeister - behilflich gewesen zu sein. Das alles wird in Sakrileg jedoch als Wahrheit ausgegeben. Obwohl Plantards Schwindel in einer französischen Buchreihe und einer BBC-Dokumentation 1996 im Grunde entlarvt worden ist, scheint die entsprechende Nachricht - zum Glück für Dan Brown - in den USA kaum registriert worden zu sein. Plantard erwies sich als Antisemit, der wegen Betrugs vorbestraft war, während die real existierende Prieuré de Sion eine kleine soziale Splittergruppe darstellt, die vor einem halben Jahrhundert gegründet wurde.14 Der wichtigste Strang in der zentralen Handlung des Romans Sakrileg umfasst demnach einen einzigen Betrug. So viel zu den "Fakten und Tatsachen", die Brown auf der ersten Romanseite platziert!

Fussnote: 14: In einem ausgezeichneten Artikel in der New York Times entlarvt Laura Miller den ganzen Schwindel. Siehe Laura Miller, "The Da Vinci Con", The New York Times Book Review (Sonntag, 22. Februar 2004), S. 23.
Autor: Paul L. Maier
Quelle: Dan Browns Sakrileg, Hank Hanegraaff & Paul L. Maier, CLV , ISBN 3-89397-553-5


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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