Antikonstantinische Ausfälle

Als Nächstes stossen wir auf eine der umfassendsten Verfälschungen einer historischen Persönlichkeit, der ich in literarischen Werken - ob in Romanen oder in Sachbüchern - je begegnet bin. Das Opfer ist Konstantin, der erste christliche Kaiser des Römischen Reiches. Brown schreibt: "Die Prieure ist überzeugt, dass Kaiser Konstantin und seine männlichen Nachfolger den Übergang der Welt vom heidnisch-matriarchalischen Mutterkult zum patriarchalischen Christentum mit einem Propagandafeldzug ohnegleichen durchgedrückt haben, der das göttlich Weibliche dämonisiert und die Göttinnen für immer aus der modernen Religionsausübung verdrängt hat" (S. 172).

Der Autor behauptet, dass Konstantin nicht nur die Verehrung von Göttinnen im Römischen Reich abgeschafft, sondern auch die Bibel umgeschrieben habe. Ferner habe er das Christentum für politische Zwecke ausgenutzt, den Feiertag der Christen von Samstag auf Sonntag verlegt und beschlossen, Jesus zum Gott zu erklären, weil dies zu seinen Zielen gepasst habe. In Wirklichkeit erwarb sich der erste christliche Kaiser am Anfang des 4. Jahrhunderts viele Verdienste um Kirche und Gesellschaft. Und keine einzige dieser Behauptungen trifft zu.

Nach Browns Gestalt Leigh Teabing, gab Konstantin "eine neue Evangeliensammlung in Auftrag, die er obendrein finanzierte. In diese Sammlung durfte keine jener Darstellungen aufgenommen werden, in denen Jesus als Mensch gesehen wurde, während alles, was ihn in ein göttliches Licht rückte, besonders hervorzuheben war" (S. 322; Hervorhebung durch den Autor). Falsch! Der grösste Teil des Kanons war bereits fast zwei Jahrhunderte vor Konstantin in der Christenheit allgemein bekannt und verbreitet. Zum Abschluss der Kanonbildung hatte die Kirche der Frühzeit die vielen apokryphen Evangelien nämlich schon verworfen, die später im zweiten Jahrhundert auftauchten. Die abgelehnten Evangelien enthielten nicht die wahren Sachverhalte im Blick auf Jesus - ganz im Gegenteil: In diesen verzerrten Darstellungen griffen die Schreiber ausnahmslos die kanonischen Evangelien des 1. Jahrhunderts auf, um sie fantasievoll auszuschmücken.15

Für Brown war Konstantin "sein Leben lang ein Heide. Man hat ihn auf dem Totenbett getauft, als er sich nicht mehr dagegen wehren konnte" (S. 318). Diese Behauptung ist ebenfalls völlig falsch. Obwohl Konstantin unbestreitbar Fehler machte, stimmen die Historiker darin überein, dass er dem Heidentum zweifellos abschwor, aufrichtig zum Christentum konvertierte und die Kirche für die furchtbaren Verluste, die sie während der Verfolgungen erlitten hatte, entschädigte. Ausserdem begünstigte er den Klerus und liess viele Kirchen in seinem gesamten Reich bauen. Er berief auch das erste ökumenische Konzil nach Nizäa ein und kam dabei für die Teilnahmekosten aller Anwesenden auf. Kurz vor seinem Tod wurde er noch auf eigenen Wunsch getauft. Bezüglich des letztgenannten Sachverhalts hielt er sich lediglich an den damaligen Brauch (den er nicht anders kannte und der dennoch falsch war): Man zögerte die Taufe bis ans Lebensende hinaus, um vorher begangene Sünden ein für alle Mal bereinigen zu lassen.16

Hat Konstantin den Feiertag der Christen von Samstag auf Sonntag verlegt, "damit er mit jenem Tag zusammenfiel, an dem die Heiden die Sonne verehrten" (S. 320)? Nein! Die ersten Christen begannen damit, ihre Gottesdienste am ersten Tag der Woche - dem Sonntag - abzuhalten, den sie als "Tag des Herrn" bezeichneten. Damit wollten sie jenen Tag ehren, an dem Christus aus den Toten auferstanden war. Dies geht sowohl aus dem Neuen Testament (Apostelgeschichte 20,7; 1. Korinther 16,2 und Offenbarung 1,10) als auch aus den Schriften der ersten Kirchenväter - darunter Ignatius von Antiochia, Justin der Märtyrer - sowie der Didache eindeutig hervor. Selbst der heidnische Autor Plinius der Jüngere bezeugte diese Praxis.17

Das Konzil von Nizäa hat nach Browns Umdeutung der Geschichte Jesus zum Gott erhoben. Zuvor "wurde Jesus von seinen Anhängern als sterblicher

Prophet betrachtet, als ein grosser und mächtiger Mensch, aber eben als Mensch - (als) ein sterblicher Mensch" und nicht als Sohn Gottes (S. 320). Erneut geht Brown von einer völlig falschen Voraussetzung aus. Jesu Göttlichkeit wurde von vielen neutestamentlichen Stellen sowie von den ersten Christen und allen Kirchenvätern bezeugt, selbst wenn es im Blick darauf, worin genau diese Göttlichkeit bestand, einige Meinungsverschiedenheiten gab. Das Konzil von Nizäa debattierte nicht darüber, ob Jesus göttlichen Ursprungs oder nur ein sterblicher Mensch war, sondern vielmehr darüber, ob er genauso wie der Vater von Ewigkeit her existierte.

Dennoch erkannte das Konzil von Nizäa nach Browns Behauptungen mit "einer ziemlich knappen Mehrheit" die Göttlichkeit Jesu an (S. 321). In Wirklichkeit fiel das Votum eindeutig aus: 300 Ja-Stimmen gegenüber 2 Nein-Stimmen!18 Auf Konstantin zielen demnach einige der ungeheuerlichsten historischen Verzerrungen Browns ab, während er gegen die Wahrheit kämpft.

Autor: Paul L. Maier
Quelle: Dan Browns Sakrileg, Hank Hanegraaff & Paul L. Maier, CLV , ISBN 3-89397-553-5

Fussnoten:
15: Der Kirchengeschichtsschreiber Eusebius von Caesarea, der die ersten drei Jahrhunderte des Christentums darstellte, liefert eine Vielzahl von Beweisen dafür, dass der Kanon bereits vor der Zeit Konstantins allgemein anerkannt war. Siehe Eusebius, Kirchengeschichte (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1989, 3., unveränderte Auflage), 3.3-4,24-25; 5.8; 6.14,25. Wenn Konstantin wirklich in irgendeiner Weise daran beteiligt gewesen wäre, den Kanon zu revidieren oder neu festzulegen, hätte Eusebius als Erster darüber berichtet, da er den ersten christlichen Kaiser des Römischen Reiches ausserordentlich bewunderte.
16: Im 19. Jahrhundert stellte der schweizerische Historiker Jacob Burckhardt - wie Dan Brown - Konstantins Hinwendung zum christlichen Glauben in Frage. Er behauptete, dass seine Massnahmen zugunsten des Christentums auf der Grundlage kaltblütiger politischer Berechnungen erfolgt und nicht der Überzeugung seines Gewissens entsprungen seien. Mit dieser Strategie habe erdie Kirche für seine Politik vereinnahmen wollen. Die meisten modernen Historiker schlussfolgern jedoch, dass Konstantins Übertritt zum Christentum tatsächlich echt war, da eine Fülle von Beweisen vorliegt. Eine ganze Reihe von Buchtiteln und wissenschaftlichen Artikeln befasst sich mit dem Leben Konstantins, die mehrheitlich mit der meisterhaften Untersuchung von Timothy D. Barnes übereinstimmen. Er legt dar: "Obwohl er viele Fehler machte …, glaubte [Konstantin] aufrichtig daran, dass Gott ihm einen besonderen Auftrag gegeben habe, das Römische Reich zum Christentum zu führen" (Timothy D. Barnes, Constantine and Eusebius [Cambridge, USA: Harvard University Press, 1981], S. 275.) Sie-he auch Paul L. Maier, Eusebius - The Church History (Grand Rapids: Kregel, 1999), S. 306ff.
17: Der Sonntag wird von Ignatius, Justin dem Märtyrer und später in der Didache 14 als "der Tag des Herrn" bezeichnet. Auch in einer Abhandlung des Melito von Sardes (ca. 190 gestorben) wird er der Tag des Herrn genannt. Von den entsprechenden Hinweisen ist derjenige am interessantesten, der auf Plinius den Jüngeren Bezug nimmt, weil dieser als Heide schreibt. In seinem Brief an den Kaiser Trajan (117-138 n.Chr.) bezüglich der Christen in Kleinasien schreibt Plinius, dass die Christen "an einem bestimmten Tag vor Sonnenaufgang sich zu versammeln pflegten, um Christus, ihrem angeblichen Gott, ein Lied im Wechselgesang zu singen" (Betty Radice, Hrsg., The Letters of Pliny the Younger [Baltimore: Penguin Books, 1967], S. 294; deutscher Wortlaut entnommen aus: Josh McDowell und Bill Wilson, Jesus von Nazareth, Neuhausen/Stuttgart: Hänssler-Verlag, 1995, S. 83). In Apostelgesichte 20,7 wird vom Besuch des Paulus bei den Christen in Troas "am ersten Tag der Woche" berichtet. Damals begann dieser Tag (nach jüdischem Modus) am Samstagabend, als sie gewöhnlich zusammenkamen, "um das Brot zu brechen" d.h. das Mahl des Herrn zu feiern. Weil diese abendlichen Zusammenkünfte unter Trajan verboten waren, wurde diese Praxis am von Plinius erwähnten "bestimmten Tag" auf die Zeit vor Sonnenaufgang am Sonntag verlegt.


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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