Die Tempelritter

Nach Dan Brown und seinen auf Sensationen abzielenden Quellen hat die Kirche das Geheimnis unterdrückt, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war. Dennoch sei das "Geheimnis" nicht verloren gegangen. Die Prieure de Sion hat angeblich den ältesten militärisch-religiösen Orden der Kirche gegründet, der dieses Geheimnis hüten bzw. weitergeben und die Sangreal-Dokumente als entsprechendes Beweismaterial aus dem Versteck unter dem Jerusalemer Tempel bergen sollte. Sein Name: die Tempelritter.

Während der Kreuzzüge entstanden, sollte dieser Orden Pilger auf ihrem Weg in das Heilige Land und bei ihrer Rückkehr schützen. Er wurde tatsächlich 1118 gegründet und sollte seine Funktion verlieren, als die letzte Kreuzfahrerfestung in Akko im Jahre 1291 fiel. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch einen beträchtlichen Reichtum angehäuft und sich zu einem mittelalterlichen Bankhaus gewandelt, das gleichzeitig als Reiseunternehmen arbeitete. So weit die Fakten.19

Doch Brown will die Geschichte umschreiben: Ihm zufolge wurden die Templer angeblich von Papst Klemens V. unterdrückt, weil sie ihn mit dem Geheimnis des Heiligen Grals erpressten (Dieses Symbol des unerreichbaren Ideals ist eines der am schwersten zu definierenden und vielgestaltigsten Objekte einer jahrtausendelangen menschlichen Suche, das für alle möglichen Gegenstände - vom Kelch, den Jesus beim Letzten Mahl benutzte, bis zum Grabtuch von Turin - steht.). Auf Der Heilige Gral und seine Erben zurückgreifend, unterteilt Brown den Begriff Sangreal (altfranzösisch für Heiliger Gral) in Sang (Blut) und Real (königlich).

Dieses königliche Blut findet sich nach Browns Story in der Blutlinie, die aus der Verbindung zwischen Jesus und Maria Magdalena hervorgegangen und über die Dynastie der Merowinger gelaufen ist. Maria selbst war der eigentliche Heilige Gral, der "Kelch, der Christi königliches Blut aufgefangen hat" (S. 342). Die Templer wussten, dass dieses gefährliche Geheimnis - sollte es offenbart werden - die Autorität sowohl des Papsttums als auch der Kirche untergraben könnte. Daher nutzten sie ihr Wissen, um politische Vorteile zu erreichen. Statt sich erpressen zu lassen, inszenierte Papst Klemens V. seine "genial geplante Nacht-und-Nebel-Aktion" (S. 221): Er liess alle Templer verhaften und als Ketzer verbrennen. So weit die fiktive Darstellung.

Nüchtern betrachtet war es der französische König Philipp IV. ("der Schöne"), der zu allem entschlossen war, um sich den Reichtum der Templer anzueignen. Daher zwang er den Papst, ihren Orden zu verbieten. Anschliessend liess der französische König - nicht der Papst - sie verhaften und einige davon, darunter den Grossmeister Jacques de Molay, 1314 auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Wer sollte nun, da die Templer nicht mehr bestanden, das grosse Geheimnis hüten? Natürlich seine ursprünglichen Wächter, die Angehörigen der Prieure de Sion, jener Gruppe in der "letzten Zeit", deren fiktive Wurzeln bis auf die Templer zurückgehen! Ja, die Prieure verehrt nach Brown

"… Maria Magdalena bis zum heutigen Tag als die Göttin des Heiligen Grals, als die Rose und die göttliche Mutter. … [Sie] war … zum Zeitpunkt der Kreuzigung schwanger. Um das ungeborene Kind nicht zu gefährden, hatte sie keine andere Wahl, als ausser Landes zu gehen. Mit der Hilfe des Joseph von Arimatäa, dem vertrauenswürdigen Onkel von Jesus, ist Maria Magdalena heimlich nach Frankreich gereist, das damals ›Gaul‹ genannt wurde, und wo sie eine sichere Zuflucht in der dortigen grossen jüdischen Gemeinde fand. Hier in Frankreich hat sie eine Tochter zur Welt gebracht, die den Namen Sarah erhielt" (S. 349).

Doch damit genug von solchen Fiktionen! Wir haben bereits die wahren Ursprünge der Prieure de Sion und die Tatsache erörtert, dass der Gedanke, Jesus sei verheiratet gewesen, aus der Luft gegriffen ist. Hier stellen wir lediglich fest, dass Josef von Arimathäa eindeutig nicht Jesu Onkel war.

Autor: Paul L. Maier
Quelle: Dan Browns Sakrileg, Hank Hanegraaff & Paul L. Maier, CLV , ISBN 3-89397-553-5

Fussnote:
19: Im Blick auf den Ursprung der Tempelritter bildet der Chronist Wilhelm von Tyrus die wichtigste Primärquelle (Historia rerum in partibus transmarinis gestarum, xii, 7). Der grösste Teil der Sekundärliteratur liegt auf Französisch vor, während der ins Deutsche übersetzte Klassiker folgenden Titel trägt: E. u. R. Kausler (Übersetzer), Geschichte der Kreuzzüge und des Königreiches Jerusalem, aus dem Lateinischen des Erzbischofs Wilhelm von Tyrus, Stuttgart 1840. Eine weitere, englischsprachige Quelle ist G.G. Addison, The History of the Knights Templars, the Temple Church, and the Temple, 3. Auflage, 1852; New York: AMS Press (Nachdruck), 1978. Siehe auch G.A. Campbell, The Knights Templar (New York: AMS Press, 1980); Helen Nicholson, The Knights Templar: A New History (Stroud: Sutton, 2001) und Frank Sanello, The Knights Templar: God's Warriors and the Devil's Bankers (Lanham: Taylor, 2003).


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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