Sind die biblischen Berichte zuverlässig?

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Das Neue Testament ist die wichtigste historische Quelle zur Information über Jesus. Aus diesem Grunde haben im 19. und 20. Jahrhundert viele Kritiker die Zuverlässigkeit der biblischen Dokumente in Zweifel gezogen. Es scheint noch immer eine Unzahl von Vorurteilen und Fehlschlüssen zu existieren, für die es entweder keine geschichtliche Grundlage gibt oder die inzwischen von archäologischen Funden und Forschungsarbeiten widerlegt wurden.

An der Arizona State-Universität sprach mich ein Professor an, der mit seinem Literaturseminar zu meiner "free-speech"-Vorlesung unter freiem Himmel gekommen war: "Herr McDowell, Sie gründen alle Ihre Behauptungen über Christus auf ein zweifelhaftes Dokument aus dem 2. Jahrhundert. Gerade heute habe ich im Seminar davon gesprochen, dass das Neue Testament so lange nach Christus geschrieben worden ist, dass seine Berichte unmöglich genau sein können."

Ich antwortete ihm: "Leider ist Ihre Ansicht und Schlussfolgerung bezüglich des Neuen Testamentes seit 25 Jahren überholt."

Mein Gegenüber führte seine Stellungnahme zu den biblischen Berichten über Jesus auf die Ergebnisse des deutschen Exegeten F. C. Baur zurück. Baur hatte angenommen, die überwiegende Zahl der neutestamentlichen Schriften sei nicht vor Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christus aufgezeichnet worden. Er ging davon aus, dass es sich dabei in der Hauptsache um Texte aus Mythen und Legenden handle, die in dem langen Zeitraum zwischen der Lebenszeit Jesu und der schriftlichen Niederlegung dieser Berichte entstanden seien.

Im 20. Jahrhundert bewiesen archäologische Funde jedoch die Genauigkeit der neutestamentlichen Manuskripte. Die Entdeckung der frühen Papyri (die John-Ryland-Handschriften 130 n. Chr.; die Chester Beatty Papyri 155 n. Chr. und die Bodmer Papyri II 200 n. Chr.) füllte die Lücke zwischen der Zeit Christi und bereits vorhandenen, später datierten Manuskripten.

Millar Burrows von der Yale-Universität sagt dazu: "Ein Vergleich des neutestamentlichen Griechisch mit der Sprache der gefundenen Papyri bestärkt das Vertrauen in die Genauigkeit der Wiedergabe des Textes im Neuen Testament selbst." 1 Funde wie diese haben dazu beigetragen, das Vertrauen der Exegeten in die Zuverlässigkeit der Bibel zu stützen.

William Albright, einst der erfolgreichste biblische Archäologe, schreibt: "Wir können bereits mit Nachdruck behaupten, dass wir nicht mehr über eine solide Basis verfügen, um irgendein Buch des Neuen Testamentes später als 80 n. Chr. zu datieren, also zwei volle Generationen vor der Datierung der radikaleren Textkritik, die bei 130 und 150 angesetzt wird." 2 In einem Interview mit "Christianity Today" geht er noch weiter, wenn er sagt: "Meiner Ansicht nach wurde jedes Buch des Neuen Testamentes zwischen 40 und 80 des ersten Jahrhunderts von einem getauften Juden geschrieben (wahrscheinlich zwischen 50 und 75 n. Chr.)."

Den Ruf als bester Archäologe aller Zeiten geniesst William Ramsay. Er war ein Schüler der deutschen historisch-kritischen Methode, die lehrte, dass die Apostelgeschichte ein Produkt der Mitte des zweiten Jahrhunderts sei und nicht des ersten, wie sie vorgibt. Die Bücher der modernen Kritiker führten ihn zu der Überzeugung, dass es sich bei der Apostelgeschichte nicht um eine vertrauenswürdige Abhandlung von Tatsachen jener Zeit handle (50 n. Chr.), und dass sie damit der weiteren Beachtung eines Historikers nicht wert sei. In seinen Forschungen zur Geschichte Kleinasiens schenkte Ramsay folglich dem Neuen Testament wenig Aufmerksamkeit. Seine Untersuchungen zwangen ihn schliesslich dennoch dazu, die Aufzeichnungen von Lukas mit heranzuziehen. Er erkannte, mit welch grosser Genauigkeit und Sorgfalt hier historische Einzelheiten aufgezeichnet waren, und so begann sich seine Einstellung zur Apostelgeschichte allmählich zu ändern. Er musste eingestehen, dass "Lukas ein Historiker ersten Ranges [war] … und dieser Autor mit den grössten Historikern in eine Reihe gestellt werden kann". Aufgrund der Detailgenauigkeit und Sorgfalt gab Ramsay schliesslich zu, dass es sich bei der Apostelgeschichte nicht um ein Dokument des zweiten Jahrhunderts handeln könne, sondern dass man es mit einem Bericht aus der Mitte des ersten Jahrhunderts zu tun haben müsse.

Viele liberale Theologen sind daher zu einer Vordatierung des Neuen Testamentes gezwungen. Auch Dr. John A. T. Robinson zieht in seinem neuen Buch "Wann entstand das Neue Testament?" erstaunlich radikale Schlüsse. Seine Forschungsarbeit führte ihn zu dem Ergebnis, das gesamte Neue Testament müsse vor dem Fall Jerusalems 70 n. Chr. geschrieben worden sein.

Heute heisst es von seiten der Formkritik, dass das Material bis zur Niederschrift in Form von Evangelien durch mündliche Überlieferung weitergegeben worden sei. Obwohl diese Zeitspanne viel kürzer war als ursprünglich angenommen, vertreten die Anhänger dieser Schule die Meinung, dass die Evangelienberichte die Form volkstümlicher antiker Literatur (Legenden, Märchen, Mythen und Gleichnisse) annahmen.

Gegen diese These der Veränderung im Laufe der mündlichen Überlieferung, wie sie von der Formkritik vertreten wird, spricht vor allem, dass die angegebene Zeit zu kurz ist, um die vermeintlichen Abweichungen in der Überlieferung entstehen zu lassen. Bezüglich der Kürze dieser Zeitspanne bis zur Abfassung des Neuen Testamentes schreibt Simon Kistemaker, Professor für Bibelkunde am Dordt-College: "Gewöhnlich benötigt die Entwicklung einer volkstümlichen Kultur bei Menschen einer primitiven Entwicklungsstufe mehrere Generationen, es handelt sich dabei um einen allmählichen Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckt. Doch in Übereinstimmung mit der formkritischen Denkweise müssen wir annehmen, dass die Erzählungen der Evangelien innerhalb von ein bis zwei Generationen entstanden sind und gesammelt wurden. Verfolgen wir diesen Ansatz weiter, dann haben wir es bei der Entstehung der einzelnen Evangelienteile mit einer verkürzten und verdichteten Darstellung der Ereignisse zu tun." 4

Auch A. H. McNeile, ehemaliger Theologieprofessor an der Universität Dublin, stellt das Konzept einer mündlichen Überlieferung, wie es die formkritische Schule vertritt, in Frage. Er weist darauf hin, dass die Formkritiker sich nicht eingehend genug mit der Überlieferung der Worte Jesu befassen. Eine Überprüfung von 1. Korinther 7,10.12.25 zeigt, wie genau diese Worte erhalten geblieben sind und überliefert wurden. In der jüdischen Religion war es im Allgemeinen so, dass ein Schüler die Lehre seines Rabbi auswendig lernte. Ein guter Schüler glich einer "verschlossenen Zisterne, die keinen Tropfen verliert" (Mishna Aboth 2,8). Nach C. G. Burneys Theorie soll ein grosser Teil der ursprünglich aramäischen Lehre unseres Herrn lyrisch abgefasst worden sein, damit sie leichter behalten werden konnte.

Paul L. Maier, Professor für Alte Geschichte an der Western Michigan-Universität, schreibt: "Die Argumente, dass die Christenheit den Ostermythos erst über eine längere Zeitperiode hin ausgebrütet habe, oder dass die Quellen erst viele Jahre nach dem Ereignis niedergeschrieben worden seien, entsprechen einfach nicht den Tatsachen." 5 Zur Analyse der Formkritik heisst es bei Albright: "Nur moderne Theologen, die von historischer Methodik und Perspektive nichts wissen, können ein spekulatives Gewebe spinnen wie das, mit dem die Formkritik die Überlieferung der Evangelien umwoben hat." Albrights eigener Schluss lautet daher: "Eine Zeitperiode von zwanzig bis fünfzig Jahren ist zu kurz, um eine wesentliche Verfälschung des Inhalts oder selbst des Wortlauts der Aussagen Jesu anzunehmen." 6

Wenn ich mich mit Menschen über die Bibel unterhalte, erhalte ich oft die sarkastische Antwort, der Bibel sei ohnehin nicht zu trauen. Sie sei immerhin schon vor fast 2000 Jahren verfasst worden. Sie stecke voller Fehler und Widersprüche. Ich antworte darauf immer, dass ich persönlich der Bibel durchaus vertraue. Dann berichte ich von einer Begebenheit, die sich kürzlich in einer Geschichtsvorlesung zutrug. Ich stellte die Behauptung in den Raum, dass es mehr Beweise für die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des Neuen Testamentes gäbe als für zehn beliebige andere Werke antiker Literatur zusammengenommen. Dem Professor, der auf der anderen Seite des Raumes sass, war die Entrüstung deutlich anzusehen. "Wollen Sie dazu irgendeine Anmerkung machen?", fragte ich ihn. "Mich stört die Dreistigkeit, mit der Sie in einem Geschichtsseminar von der Glaubwürdigkeit des Neuen Testamentes sprechen. Das ist doch einfach lächerlich." - Nun, ich bin immer dankbar für Offenheit, besonders wenn sie mir die Gelegenheit zu folgender Rückfrage gibt (bislang hat sie keiner positiv beantwortet): "Welche Methode wenden Sie an, um bei einem Dokument antiker Geschichtsschreibung festzustellen, ob es zutreffend und verlässlich ist?" Hier wich er aus. Er konnte keine Methode nennen. Es gibt aber deren mehrere. Ich meine, die historische Glaubwürdigkeit der biblischen Schriften sollte nach denselben Kriterien geprüft werden, wie andere historische Dokumente auch. Der Militärhistoriker C. Sanders führt in diesem Zusammenhang drei Grundprinzipien der Geschichtsschreibung an, die den Realitätsbezug bekunden. Es handelt sich um den bibliografischen Test, den Test der inneren Schlüssigkeit und den Test, der auf äusseren Beweisen beruht.

Bibliografischer Test

Der bibliografische Test versteht sich als Prüfung des Übermittlungsweges, durch den die Dokumente zu uns gelangten. Mit anderen Worten, da die Originalhandschriften fehlen, geht es um die Klärung der Frage, wie verlässlich die Abschriften in Hinblick auf die Zahl der Manuskripte und hinsichtlich des zeitlichen Zwischenraumes von Original und Abschrift sind.

Im Gegensatz zu anderen wichtigen Quellen antiker Literatur finden wir bei neutestamentlichen Manuskripten ein erstaunliches Mass an Authentizität.

Die Geschichtsschreibung des Thukydides (460-400 v. Chr.) ist uns nur auf acht Manuskripten zugänglich, die um 900 n. Chr. datiert sind - also 1300 Jahre nachdem er geschrieben hat. Die Manuskripte der Geschichte des Herodot sind genauso dürftig und ebenso späten Datums, und dennoch meint F. F. Bruce: "Es würde jedoch kein Altphilologe auf den Gedanken kommen, die Echtheit des Herodot oder Thukydides anzuzweifeln, weil die frühesten brauchbaren Manuskripte ihrer Werke mehr als 1300 Jahre jünger sind als die Originale." 7

So verfasste zum Beispiel Aristoteles seine "Poetik" um 343 v. Chr., obwohl die früheste Abschrift, die wir haben, auf 1100 n. Chr. datiert ist. Es besteht also ein zeitlicher Zwischenraum von 1400 Jahren, und nur fünf Manuskripte sind erhalten.

Cäsar trug seine Geschichte der gallischen Kriege zwischen 58 und 50 v. Chr. zusammen, und die Glaubwürdigkeit dieser Manuskripte beruht auf neun oder zehn Kopien, die 1000 Jahre nach seinem Tod entstanden.

Bei der Frage nach der Verlässlichkeit der neutestamentlichen Manuskripte macht die Materialfülle fast verlegen. Nach den ersten Papyrifunden, die die Lücke zwischen der Zeit Jesu und dem 2. Jahrhundert füllten, kam noch eine Fülle anderer Manuskripte ans Licht.

Heute gibt es etwa 20 000 Kopien des Neuen Testamentes. Von der Ilias existieren 643 Manuskripte, und sie kommt in der Manuskriptautorität an zweiter Stelle hinter dem Neuen Testament.

Sir Frederic Kenyon, der frühere Direktor und Chefbibliothekar des Britischen Museums, galt als höchste Autorität auf dem Gebiet alter Handschriften. Er kommt zu dem Schluss: "Der Zwischenraum zwischen dem Zeitpunkt der Zusammenstellung und den frühesten noch vorhandenen Beweisstücken verringert sich (durch die jüngsten Funde) so sehr, dass er in der Tat zu vernachlässigen ist. Die letzte Grundlage für Zweifel, ob uns die Schrift im Wesentlichen so vermittelt wurde, wie sie zuerst niedergeschrieben wurde, ist beseitigt. Sowohl die Authentizität wie auch die allgemeine Integrität der Bücher des Neuen Testamentes darf als endgültig sichergestellt betrachtet werden." 8 Als Experte für neutestamentliches Griechisch fügt J. Harold Greenlee hinzu: "Da die Wissenschaftler im Allgemeinen die Verlässlichkeit der Manuskripte antiker klassischer Literatur als gegeben betrachten, obwohl sie beträchtliche Zeit nach den Originalen niedergeschrieben wurden und die Anzahl der noch vorhandenen Manuskripte in vielen Fällen sehr gering ist, liegt es auf der Hand, dass die Verlässlichkeit des Neuen Testamentes mindestens ebenso gross ist." 9

Die Anwendung der bibliografischen Testmethode auf das Neue Testament lässt erkennen, dass es über grössere Manuskriptauthentizität verfügt als irgendein anderes Werk antiker Literatur. Wenn wir jener Autorität noch die über 100 Jahre intensiver neutestamentlicher Textkritik hinzufügen, muss man zu dem Schluss kommen, dass uns ein authentischer neutestamentlicher Text vorliegt.

Überprüfung der Schlüssigkeit in sich selbst

Bei der Überprüfung nach bibliografischen Gesichtspunkten ging es allein um die Feststellung, ob der Text, über den wir heute verfügen, ursprünglich so abgefasst wurde. Es bleibt daher festzustellen, ob und in welchem Ausmass dieser schriftliche Bericht glaubwürdig ist. Mit dieser Frage beschäftigt sich die textimmanente Forschung, die C. Sanders als zweiten Test für die Prüfung der Historizität aufführt.

Hier folgt die Literaturkritik immer noch dem Diktat des Aristoteles: "Die Frucht des Zweifels sollte dem Dokument selbst und nicht dem Kritiker zugute kommen." Oder wie John W. Montgomery zusammenfassend sagt: "Man sollte bei der Analyse auf die Ansprüche des Dokumentes achten und weder Fälschung noch Fehler annehmen, solange der Autor sich nicht selbst durch Widersprüche oder offensichtliche faktische Ungenauigkeiten als unglaubwürdig erweist." 10

Der ehemalige Professor für Geschichte an der Universität Chicago, Dr. Louis Gottschalk, erläutert diese historische Methode in einem Handbuch, das von vielen als Grundlage ihrer historischen Forschungsarbeit verwendet wird. Gottschalk weist darauf hin, dass die Fähigkeit des Schreibers oder Zeugen, wahre Aussagen zu machen, bei der Bestimmung seiner Glaubwürdigkeit von entscheidender Bedeutung für den Historiker ist, "selbst wenn es um ein Dokument geht, das unter Gewalt oder aus betrügerischen Motiven entstanden oder auf andere Weise anfechtbar ist, das sich etwa nur auf Hörensagen beruft oder von einem parteiischen Zeugen stammt." 11

Diese "Fähigkeit, wahre Aussagen zu machen", ist aufs engste verbunden mit der chronologischen und geografischen Nähe des Schreibers zu den Ereignissen, die er beschreibt. Die neutestamentlichen Berichte über das Leben und die Lehre Jesu wurden von Männern geliefert, die entweder selbst Augenzeugen waren oder jedenfalls Berichte von Augenzeugen des eigentlichen Geschehens und der Aussagen Jesu wiedergaben.

Lukas 1,3: "So habe auch ich's für gut gehalten, nach-dem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben."

2. Petrus 1,16: "Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen."

1. Johannes 1,3: "Und was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus."

Johannes 19,35: "Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiss, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt."

Lukas 3,1: "Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa, und Herodes Landesfürst von Galiläa, sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene …"

Diese Nähe zum berichteten Geschehen ist eine ausserordentliche Hilfe, um die Genauigkeit eines Zeugenberichts festzustellen. Der Geschichtsforscher muss jedoch auch damit rechnen, dass der Augenzeuge bewusst oder unbewusst falsche Aussagen macht, obwohl er sich in der Nähe des Geschehens befindet und in der Lage wäre, einen wahrheitsgetreuen Bericht zu liefern. Die neutestamentlichen Berichte über Christus kamen in Umlauf, als seine Zeitgenossen noch lebten. Diese konnten die Glaubwürdigkeit bestätigen oder widerlegen. In ihrer Verteidigung des Evangeliums machten die Apostel (selbst gegenüber ihren ärgsten Feinden) davon Gebrauch und beriefen sich auf Allgemeinwissen über Jesus. Sie behaupteten nicht nur: "Schaut, wir sahen das …" - "wir hörten jenes", sondern sie drehten auch den Spiess um und sagten den Kritikern: "Ihr wisst ja selbst um diese Dinge … Ihr habt sie gesehen, sie sind euch bekannt." Dieser Hinweis: "Das wisst ihr ja selbst" ist bekanntlich nicht ungefährlich. Ein Fehler im kleinsten Detail kann zur Munition der Kritiker werden.

Apostelgeschichte 2,22: "Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst …"

Apostelgeschichte 26,24-28: "Als er (Paulus) aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen! Das grosse Wissen macht dich wahnsinnig. Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts davon verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen."

Was den Wert der neutestamentlichen Berichte als Primärquelle angeht, so sagt F. F. Bruce, Professor für Bibelkritik und Exegese an der Universität Manchester: "Zudem hatten die ersten Prediger nicht nur mit freundschaftlich gesonnenen Augenzeugen zu rechnen; es gab andere, die weniger wohlwollend, aber dennoch mit den Haupttatsachen von Jesu Wirken und Tod vertraut waren. Die Jünger konnten sich Ungenauigkeiten einfach nicht leisten (von bewussten Verdrehungen der Tatsachen ganz zu schweigen), weil sie sofort von denen aufgedeckt worden wären, die nur zu sehr auf eine solche Gelegenheit warteten. Im Gegenteil: Die Stärke der frühen apostolischen Predigt ist der zuversichtliche Appell an das Wissen der Hörer. Die Apostel sagten nicht nur: ›Wir sind Zeugen dieser Dinge‹, sondern auch ›wie ihr selbst wisst‹ (Apg 2,22). Hätte sich irgendeine Tendenz gezeigt, von den Tatsachen abzuweichen, so würden die unter den Zuhörern oft genug anwesenden Augenzeugen zweifellos eine Richtigstellung herbeigeführt haben." 7

Auch Lawrence J. McGinley vom Saint Peter's College macht auf den Stellenwert der feindlichen Augenzeugen in Verbindung mit den aufgezeichneten Ereignissen aufmerksam: "Zunächst waren die Augenzeugen der fraglichen Geschehnisse immer noch am Leben, als die Überlieferung schon in ihrer späteren Form feststand, und zudem befanden sich unter ihnen erbitterte Gegner der neuen religiösen Bewegung. Doch die Überlieferung erhob den Anspruch, von einer Reihe wohlbekannter Taten und öffentlich verkündeter Lehren zu berichten, zu einem Zeitpunkt, an dem falsche Behauptungen hätten angegriffen werden können und sicher auch angegriffen worden wären." 12

Als Neutestamentler an der Universität von Chicago kommt Robert Grant zu dem Schluss: "Zur Zeit ihrer (der synoptischen Evangelien) Aufzeichnung oder mutmasslichen Aufzeichnung waren Augenzeugen vorhanden, und ihr Zeugnis konnte nicht unbeachtet bleiben … Dies wiederum bedeutet, dass die Evangelien als weithin glaubhafte Zeugnisse des Lebens, Todes und der Auferstehung Jesu bezeichnet werden müssen." 13

Der Historiker Willi Durant, der eine lebenslange Erfahrung in der Analyse antiker Berichte mitbringt, schreibt: "Trotz der Vorurteile und der theologischen Voreingenommenheit der Evangelisten berichten sie viele Ereignisse, die bei einer reinen Erfindung der Geschichten sicher vermieden worden wären - der Streit der Apostel um eine hohe Stellung im Reich Gottes, ihre Flucht nach der Gefangennahme Jesu, Petri Verleugnung, die Bemerkungen einiger seiner Zuhörer bezüglich seines möglichen Wahnsinns, seine anfängliche Unsicherheit seinem Auftrag gegenüber, sein Bekenntnis, keine Auskunft über den Verlauf der Zukunft geben zu können, seine Momente von Enttäuschung, sein verzweifelter Schrei am Kreuz - niemand, der diese Szene liest, kann die Realität dahinter bezweifeln. Dass eine Handvoll einfacher Männer in einer Generation eine solch mächtige und eindrückliche Persönlichkeit, solche ethischen Grundsätze und dazu eine derartig mitreissende Vision der Brüderlichkeit aller Menschen erfunden haben sollten, dieses Wunder wäre an sich schon weit grösser als jedes der in den Evangelien aufgezeichneten. Trotz zwei Jahrhunderten ›höherer Kritik‹ bleiben uns klare Entwürfe des Lebens, Wesens und der Lehre Christi und bieten das faszinierendste Bild der Menschheitsgeschichte." 14

Der Test nach äusseren Beweisen

Als dritter Test für die geschichtliche Authentizität gelten die Beweise ausserhalb des Textes. Man untersucht sekundäres historisches Material auf die Frage hin, ob es das innere Zeugnis der Dokumente selbst be- oder entkräftigt. Dabei gilt es zunächst, Quellen ausfindig zu machen, die Licht auf das textimmanente Zeugnis der eigentlichen Dokumente werfen könnten.

Der New Yorker Historiker Gottschalk meint: "Konformität oder Übereinstimmung mit anderen erhaltenen historischen Daten oder wissenschaftlichen Tatsachen ist oft der entscheidende Beweis für die Glaubwürdigkeit, sei es nun eines oder mehrerer Zeugen." 11

So bestätigen zwei Freunde des Apostels Johannes dessen Berichte. Der Historiker Eusebius hat die Aufzeichnungen von Papias, dem Bischof von Hierapolis (130 n. Chr.) festgehalten: "Der Älteste (der Apostel Johannes) pflegte zu sagen: ›In seiner Funktion als Übersetzer von Petrus schrieb Markus sorgfältig alles nieder, was dieser (Petrus) erwähnte, Aussagen Jesu genauso wie seine Taten - wenn auch nicht immer in der richtigen Reihen-folge. Denn er war weder ein Zuhörer noch ein Jünger des Herrn, begleitete jedoch später Petrus, der die Lehre des Herrn nach den Gegebenheiten der jeweiligen Situation verkündete, ohne dabei jedesmal ein Gesamtbild der Botschaft Jesu vermitteln zu wollen. Markus beging daher durchaus keinen Fehler, wenn er entsprechend die Dinge so niederschrieb, wie Petrus sie berichtete; denn er achtete sehr darauf, dass er nichts, was er hörte, aus-liess oder etwa Falsches hinzufügte." 15

"Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht der Reihe nach, aufgeschrieben. Denn er hatte den Herrn nicht gehört und begleitet; wohl aber folgte er später, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge nach den Bedürfnissen einrichtete; nicht aber so, dass er eine zusammenhängende Darstellung der Reden des Herrn gegeben hätte. Es ist daher keineswegs ein Fehler des Markus, wenn er einiges so auf-zeichnete, wie es ihm das Gedächtnis eingab. Denn für eines trug er Sorge: nichts von dem, was er gehört hatte auszulassen oder sich im Berichte keiner Lüge schuldig zu machen."

Irenäus, der Bischof von Lyon (180 n. Chr.; er war ein Schüler von Polykarp, dem Bischof von Smyrna, der auf 86 Jahre Christenleben zurückschauen konnte und als Jünger des Apostels Johannes galt), schrieb: "Matthäus veröffentlichte sein Evangelium im Kreis der Hebräer (d. h. der Juden) in deren Muttersprache, während Petrus und Paulus in Rom das Evangelium verkündigten und die Gemeinden dort gründeten. Nach ihrem Weggang (d. h. nach ihrem Tod, der der Überlieferung nach zur Zeit der Verfolgung unter Nero 64 n. Chr. gewesen sein dürfte) gab Markus, der Jünger und Übersetzer des Petrus, den Inhalt seiner Predigten schriftlich an uns weiter. Lukas, als Begleiter von Paulus, hielt dagegen in einem Buch das von seinem Lehrer verkündigte Evangelium fest. Johannes schliesslich, als der Jünger, der sich an des Herrn Brust gelehnt hatte (wie wir aus Johannes 13,25 und 21,20 entnehmen können), schuf während seines Aufenthaltes in Ephesus, in Kleinasien, sein eigenes Evangelium."

Die Archäologie liefert oft eindrückliche äussere Beweise. Sie trägt zur Bibelforschung bei, nicht auf dem Gebiet von Inspiration und Offenbarung, sondern indem sie genaue Beweise für dokumentierte Geschehnisse erbringt. So schreibt der Archäologe Joseph Free: "Die Archäologie bestätigt zahllose Schriftstellen, die von den Kritikern entweder als unhistorisch oder als im Widerspruch zu bekannten Tatsachen stehend abgelehnt wurden." 16

Wir haben bereits gesehen, dass Sir William Ramsay aufgrund seiner archäologischen Forschungen seine anfänglich negative Einstellung zur Historizität von Lukas ändern musste, und dass er zu der Überzeugung kam, dass die Apostelgeschichte genaue Daten über Geografie, Bauwerke und die Gesellschaft Kleinasiens liefert.

F. F. Bruce schreibt: "Man hat Lukas der Ungenauigkeit verdächtigt. Seine Genauigkeit wurde aber durch alte Inschriften erwiesen. Es ist also durchaus legitim zu behaupten, dass die Archäologie den Bericht des Neuen Testamentes bestätigt hat." 17

Der Althistoriker A. N. Sherwin-White betont, die Belege für die geschichtliche Authentizität der Apostelgeschichte seien überwältigend. "Jeder Versuch, die grundsätzliche Geschichtlichkeit auch nur in Einzelheiten anzweifeln zu wollen, ist absurd. Schon die römischen Geschichtsschreiber hatten sie als gegeben angenommen."

Auch meine Versuche, an der geschichtlichen Authentizität und Gültigkeit der Schrift zu rütteln, brachten mich zu dem Schluss, dass sie, was geschichtliche Aussagen angeht, verlässlich ist. Wenn man die Bibel in diesem Punkt für unzuverlässig hält, dann muss dies für nahezu die gesamte antike Literatur gelten. Ich werde ständig mit dem Problem konfrontiert, dass man bei der Prüfung von säkularen Texten mit einem anderen Mass messen will als bei der Prüfung der Bibel. Wir müssen jedoch grundsätzlich den gleichen Massstab anlegen, ob es sich bei dem zu prüfenden Material nun um säkulare oder religiöse Literatur handelt. Da wir diese Voraussetzung erfüllt haben, glaube ich sagen zu können: Die Bibel ist glaubwürdig und historisch zuverlässig in ihrem Zeugnis von Jesus Christus.

Dr. Clark H. Pinnock, Professor für Systematische Theologie am Regent College, sagt: "Kein anderes antikes Dokument ist so ausgezeichnet textlich und historisch belegt und liefert so hervorragende historische Daten als Basis einer vernünftigen Entscheidung. Kein Mensch kann, wenn er ehrlich ist, eine solche Quelle von der Hand weisen. Jede Skepsis bezüglich der historischen Glaubwürdigkeit des Christentums beruht daher auf irrationalen (aus der Ablehnung des Übernatürlichen stammenden) Vorurteilen." 18

Fortsetzung: Für eine Lüge sterben?

1 Millar Burrows, What Mean These Stones, New York 1956, S.52
2 William F. Albright, Recent Discoveries in Bible Lands, New York 1955
3 Sir William Ramsay, zit. bei John A. T. Robinson, Wann entstand das Neue Testament, Wuppertal 1986
4 Simon Kistemaker, The Gospels in Current Study, Grand Rapids 1972, S. 48/49
5 Paul Maier, Der grösste Sieg, Neukirchen 1979
6 William F. Albright, From The Stone Age to Christianity, 2. rev. Auflage, Baltimore 1946, S. 297/298
7 F. F. Bruce, Die Glaubwürdigkeit der Schriften des Neuen Testaments, Liebenzell 1976, S. 21/52
8 Sir Frederick Kenyon, The Bible and Archeology, New York 1940, S. 288/289
9 J. Harold Greenlee, Introduction to New Testament Textual Criticism, Grand Rapids 1946, S. 16
J.10 W. Montgomery, History and Christianity, Davness Grove 1971, S. 29
11 Louis R. Gottschalk, Understanding History, New York 1969, S. 150/161/168
12 Lawrence J. Mc Ginley, From Criticism of the Synoptic Healing Narratives, Woodstock 1944, S. 25
13 Robert Grant, Historical Introduction to the New Testament, New York 1963, S. 302
14 Will Durant, Caesar & Christ, in: The Story of Civilization, Bd. 3, New York 1944, S. 557
15 Bischof Papia zit. bei Eusebius, "Historia Ecclesiastica III", nach der Übersetzung von P. Hauser, Darmstadt 1967
16 Joseph Free, Archaeology and Bible History, Wheaton 1969, S. 1 ‚
17 F. F. Bruce, Revelation and the Bible, Grand Rapids 1969, S. 331
18 Clark Pinnock, Set Forth Your Case, New Jersey, S. 58


Autor: Josh McDowell
Quelle: Wer ist dieser Mensch

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