Was ist an Jesus so anders?

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Während einer Gesprächsrunde in Los Angeles fragte ich die Beteiligten: "Wer ist denn Ihrer Ansicht nach Jesus Christus?" Die Antwort lautete, er sei ein grosser religiöser Führer gewesen. Ich stimme damit völlig überein, glaube aber persönlich, dass er noch viel mehr war als ein grosser religiöser Führer.

Von Josh McDowell

Über Jahrhunderte hinweg entzweiten sich Männer und Frauen an der Frage: "Wer ist Jesus?" Doch warum birgt diese Frage so viel Konfliktstoff in sich? Warum verursacht sein Name so viel Aufruhr; mehr als der jedes anderen religiösen Führers? Warum kann man mit vielen Leuten über Gott reden, doch sobald man Jesus erwähnt, brechen sie das Gespräch ab oder ziehen sich zurück? Als ich kürzlich in einem Taxi in London eine Bemerkung über Jesus fallen liess, erwiderte der Taxifahrer unverzüglich: "Ich unterhalte mich nicht gern über Religion, vor allem nicht über Jesus."

Was unterscheidet Jesus von anderen religiösen Führern? Warum liegt in den Namen Buddha, Mohammed und Konfuzius weniger Zündstoff? (Bietet sich weniger Angriffsfläche?) Sie alle behaupten nicht, selbst Gott zu sein, wie Jesus es tat. Hier liegt wohl der Hauptunterschied.

Seine Umwelt erkannte bald, dass er erstaunliche Aussagen über sich selbst machte. Sein Anspruch ging weit darüber hinaus, Lehrer oder Prophet zu sein. Jesus beanspruchte, Gott zu sein, und er bezeichnete sich als den einzigen Weg zu einer lebendigen Beziehung mit Gott, als die einzige Möglichkeit zur Sündenvergebung und als einzigen Weg zur Erlösung.

Viele halten das für zu absolut, zu intolerant, um daran glauben zu können. Dennoch ist nicht entscheidend, was wir meinen oder glauben, sondern welchen Anspruch Jesus für sich selbst erhob.

Was sagen die neutestamentlichen Schriften darüber aus? Hier wird oft von der "Gottheit" Jesu gesprochen. Damit ist gemeint: Jesus Christus ist Gott.

A. H. Strong definiert in seiner "Systematischen Theologie" Gott als "unendlichen, vollkommenen Geist, in dem alle Dinge ihren Ursprung, Halt und ihr Ende haben". Mit dieser Definition können sich alle Theisten, auch Moslems und Juden, identifizieren. Im Theismus gibt es einen persönlichen Gott, der das Universum geplant und erschaffen hat und es nun in der Gegenwart erhält. Christlicher Theismus ergänzt diese Definition "… und der in Jesus von Nazareth Fleisch wurde".

Sprachlich gesehen enthält der Begriff "Jesus Christus" Name und Titel zugleich. Der Name "Jesus" ist auf die griechische Form von Jeshua oder Josua zurückzuführen; er bedeutet "Jehova, der Erlöser" oder "der Herr errettet". Der Titel "Christus" geht hingegen auf das griechische Wort für Messias (oder das hebräische Wort Mashiach - siehe Daniel 9,26) zurück und kann mit der "Gesalbte" übersetzt werden. Christus - dieser Titel weist auch auf zwei Ämter, Priester und König, hin. Er bestätigt Jesus als den in der alttestamentlichen Prophetie verheissenen Priester und König. Diese Bestätigung ist von entscheidender Bedeutung, wenn man Jesus und das Christentum richtig verstehen will.

Im Neuen Testament wird Christus eindeutig als Gott bezeichnet.

Alle Namen, die Christus zugeordnet werden, weisen auf eine göttliche Gestalt. So zum Beispiel die Herausstellung seiner Gottheit im folgenden Satz: "… und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus" (Tit 2,13; vgl. Joh 1,1; Hebr 1,8; Röm 9,5; 1.Joh 5,20-21). Es werden ihm Eigenschaften zugesprochen, die nur Gott haben kann. So wird er als aus sich selbst seiend (Joh 1,4) beschrieben, als allgegenwärtig (Mt 28,20; 18,20), allwissend (Joh 4,16; 6,64; Mt 17,22-27), allmächtig (Offb 1,8; Lk 4,39-44; 7,14-15; Mt 8,26-27), als das ewige Leben (1.Joh 5,11.12.20; Joh 1,4).
Jesus empfing somit Ehre und Anbetung, die nur Gott erhalten durfte. Obwohl er in der Auseinandersetzung mit Satan darauf hinwies: "Es steht geschrieben, ›Du sollst den Herrn deinen Gott anbeten und ihm allein dienen‹" (Mt 4,10), wurde er wie Gott angebetet und verehrt (Mt 14,33; 28,9) und erhob hier und da sogar Anspruch darauf (Joh 5,23, s.a. Hebr 1,6 und Offb 5,8-14).

Jesu Anhänger waren in der Mehrzahl gläubige Juden, die an den einen, wahren Gott glaubten. Trotz ihrer streng monotheistischen Überzeugung hielten sie ihn dennoch für den fleischgewordenen Gott. Gerade von Paulus ist aufgrund seiner rabbinischen Ausbildung am wenigsten zu erwarten, dass er Jesus Christus in seiner Gottheit sieht, dass er einen Menschen aus Nazareth anbetet und ihn Herrn nennt. Und doch hat gerade Paulus dies getan und Jesus, das "Lamm Gottes", als Gott bezeichnet (Apg 20,28).

Petrus bekannte, nachdem Christus ihn gefragt hatte: "Für wen hältst du mich?": "Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn" (Mt 16,16). Jesus beantwortete diese Aussage des Petrus keineswegs wie an anderer Stelle mit einer Korrektur, sondern bestätigte sie: "Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel" (Mt 16,17).

Martha, eine Frau, die Jesus Christus sehr nahestand, versicherte ihm: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes" (Joh 11,27). Auch Nathanael, der zuerst fest davon überzeugt war, dass aus Nazareth nichts Gutes kommen könne, bekannte nach seiner Begegnung mit Jesus: "Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel" (Joh 1,49).

Stephanus betete bei seiner Steinigung die Worte: "Herr Jesus, nimm meinen Geist auf" (Apg 7,59). Der Schreiber des Hebräerbriefes nennt Christus Gott, wenn er schreibt "aber von dem Sohn [spricht er]: Gott, dein Thron währt von Ewigkeit zu Ewigkeit" (Hebr 1,8). Johannes der Täufer kündigt das Kommen Jesu mit den Worten an: "… und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: ›Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen‹" (Lk 3,22).

Schliesslich ist da noch das Bekenntnis des Thomas, besser bekannt unter dem Namen "Zweifler". (Vielleicht war er Akademiker.) Er wagte nämlich den Einwand: "Ich glaube nicht eher, bis ich meinen Finger in seine Nägelmale gelegt habe." Ich kann Thomas hier gut verstehen. Möglicherweise hat er insgeheim gedacht: "Es steht nicht jeden Tag einer von den Toten auf oder behauptet, der fleischgewordene Gott zu sein. Ich brauche Beweise." Acht Tage nachdem Thomas den anderen Jüngern gegenüber diese Zweifel geäussert hatte, "kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deine Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du.

Selig sind, die nicht sehen und doch geglaubt haben!" (Joh 20,26-29). Jesus liess es sich gefallen, von Thomas als Gott bezeichnet zu werden. Er wies ihn wegen seines Unglaubens zurecht, nicht aber wegen seiner Anbetung.

An diesem Punkt mag der Kritiker einwenden, dass alle angeführten Zitate von anderen über Christus, nicht aber von Christus selbst stammen. Meine Schüler bringen hier zumeist den Einwand, dass Jesu Zeitgenossen ihn wohl genauso missverstanden haben mögen wie wir heute. Mit anderen Worten, Jesus habe eigentlich nie persönlich den Anspruch erhoben, selbst Gott zu sein.

Ich meine, er hat es doch getan, und wir können die Gottheit Jesu Christi direkt aus den Seiten des Neuen Testamentes entnehmen. Es gibt genügend Schriftstellen, die eine klare Aussage dazu machen.

Das Johannesevangelium berichtet von einem Streitgespräch zwischen Jesus und einigen Juden. Es entzündete sich daran, dass Jesus am Sabbat einen Gelähmten heilte und ihn anwies, sein Bett zu nehmen und zu gehen. "Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch. Da-rum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater und machte sich selbst Gott gleich" (Joh 5,16-18).

Nun kann man mir entgegenhalten: "Das kann jeder sagen, dessen Vater noch lebt: ›Mein Vater wirkt und ich wirke auch.‹ Das beweist nichts." Bei jedem Quellenstudium ist es jedoch notwendig, die Sprache, die Kultur und vor allem die Adressaten der Quelle bei der Auslegung zu berücksichtigen. In diesem Fall handelt es sich um die jüdische Kultur, und die Adressaten sind religiöse Führer des Judentums. Wir wollen untersuchen, wie die Juden die Äusserungen Jesu in ihrem eigenen Kultur-kreis vor 2000 Jahren verstanden haben. "Darum nun trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater und machte sich selbst Gott gleich" (Joh 5,18). Warum diese heftige Reaktion?

Der Grund besteht darin, dass Jesus "mein Vater" und nicht "unser Vater" sagte und dem noch hinzufügte "wirkt bis auf diesen Tag". In diesen beiden Sätzen stellte sich Jesus mit Gott und dessen Tätigkeit auf eine Stufe. Ein Jude hingegen hätte nie von Gott als "mein Vater" gesprochen - und wenn, dann nur mit dem Zusatz "im Himmel". Nicht so Jesus. Er redete von Gott als "mein Vater" und stellte so einen unmissverständlichen Anspruch. Er sagte auch, während der Vater am Wirken sei, wirke auch der Sohn. Die Juden verstanden diese Anspielung auf seine Gottessohnschaft. Das Ergebnis war wachsender Hass und Ablehnung. Während sie bis dahin Jesus nur verfolgt hatten, wollten sie ihn jetzt töten.

Doch Jesus erhob nicht nur den Anspruch, Gott als seinem Vater gleich zu sein. Er betonte auch, dass er mit ihm eins sei. Während des Tempelweihfestes in Jerusalem wurde Jesus daher von einigen jüdischen Führern darauf angesprochen, ob er der Christus sei. Hier schloss Jesus seine Entgegnung mit den Worten ab: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30). "Da hoben die Juden abermals Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus sprach zu ihnen: Viele gute Werke habe ich euch erzeigt vom Vater. Um welches dieser Werke willen wollt ihr mich steinigen? Die Juden antworteten ihm und sprachen: Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um der Gotteslästerung willen, denn du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott" (Joh 10,31-33).

Auf den ersten Blick mag diese heftige Reaktion auf Jesu Erklärung, mit dem Vater eins zu sein, verwundern. Der griechische Text gibt hier einigen Aufschluss. So schreibt der Gräzist A. T. Robertson, dass der hier gebrauchte griechische Begriff "eins" Neutrum und nicht Maskulinum sei, was nicht auf eine personale oder zweckorientierte Einheit, sondern auf eine seins-mässige Wesenseinheit hindeute. Robertson fügt hinzu: "Diese eindeutige Behauptung stellt den Höhepunkt des Anspruchs Jesu bezüglich der Beziehung zwischen ihm (dem Sohn) und dem Vater dar. Sie provoziert den unkontrollierbaren Zorn der Pharisäer."1

Es ist offensichtlich, dass über Jesu Anspruch auf seine Gottheit unter seinen Zuhörern keinerlei Zweifel bestand. Leon Morris, der Direktor des Ridley College in Melbourne schreibt, dass "die Juden diese Äusserung Jesu nur als Gotteslästerung verstehen konnten und nun daran gingen, das Gericht in ihre eigenen Hände zu nehmen. Im Gesetz war nämlich festgelegt, dass Gotteslästerung mit Steinigung bestraft werden sollte (3. Mose 24,16). Dabei liessen diese Männer den üblichen Gerichtsvorgang ausser Acht. Sie verzichteten auf die Vorbereitung einer Anklageschrift, damit die Behörden die erforderlichen Massnahmen in die Wege leiteten. In ihrer Erregung wollten sie Richter und Vollstrecker zu-gleich sein."2

Jesus musste Steinigung wegen "Gotteslästerung" fürchten. Seine Lehre hatten die Juden eindeutig verstanden; aber, so fragen wir, haben sie ernsthaft darüber nachgedacht, ob seine Ansprüche berechtigt waren?

Jesus machte wiederholt deutlich, dass er in Wesen und Natur mit Gott eins sei. Offen bekannte er: "Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater" (Joh 8,19). "Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat" (Joh 12,45). "Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater" (Joh 15,23). "… damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat" (Joh 5,23). Auch diese Schriftstellen geben zu verstehen, dass Jesus sich nicht nur als Mensch, sondern als Gott gleich betrachtete. Wer meint, dass Jesus Christus Gott lediglich näher als andere Menschen gestanden habe, sollte sich einmal mit seiner Aussage: "Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat" (Joh 5,23), auseinander setzen.

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Josh McDowell
Bei einem Vortrag (in einem Literaturseminar) an der Universität von West-Virginia unterbrach mich ein Professor mit den Worten, Jesus habe nur im Johannesevangelium Gottheit für sich beansprucht, und gerade dieses Evangelium sei am spätesten verfasst worden. Markus hingegen, der Schreiber des ersten Evangeliums, habe nirgendwo erwähnt, dass Jesus Anspruch auf Gottheit erhob. Er hatte entweder das Markusevangelium gar nicht gelesen, oder sich nicht eingehend genug damit beschäftigt, denn auch hier finden sich etliche Hinweise.

Jesus behauptete zum Beispiel, Sünden vergeben zu können. "Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben" (Mk 2,5; Lk 7,48-50). Nach jüdischem Gesetz stand das allein Gott selbst zu - wie auch aus Psalm 130,4 ersichtlich wird. Die verständliche Reaktion der Schriftgelehrten lautete daher: "Wie redet der so? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben, als Gott allein?" (Mk 2,7). Jesus stellte ihnen daraufhin die Frage, was leichter zu sagen sei, "Dir sind deine Sünden vergeben", oder: "Steh auf … und geh umher"?

Nach dem Wycliffkommentar handelt es sich hier "um eine nicht beantwortete Frage. Beide Aussprüche sind verhältnismässig leicht dahingesagt, zu ihrer Verwirklichung bedarf es jedoch göttlicher Vollmacht. Ein Schwindler würde die erste Aussage leichter finden, weil er damit vermeiden könnte, entlarvt zu werden. Jesus heilte jedoch auch die Krankheit dieses Menschen, um zu zeigen, dass er erst recht die Macht hatte, deren Ursache, die Sünde zu vergeben." Deswegen beschuldigten ihn die religiösen Führer der Gotteslästerung. Lewis Sperry Chafer schreibt in seiner systematischen Theologie, "niemand auf Erden hat das Recht noch die Voll-macht, Sünden zu vergeben. Nur der, gegen den alle gesündigt haben, ist dazu imstande. Als Christus Sünden vergab, was er ganz sicher tat, machte er nicht von einem menschlichen Privileg Gebrauch. - Da niemand anders als Gott Sünden vergeben kann, zeigt sich daran folgerichtig, dass er sich aufgrund dieser Vollmacht als Gott beweist."3

Dieses Konzept der Vergebung beschäftigte mich ziemlich lange, da ich selbst Schwierigkeiten hatte, es zu begreifen. Als eines Tages in einer Philosophievorlesung die Frage nach der Gottheit Jesu Christi auftauchte, zitierte ich die oben genannte Stelle aus dem Markusevangelium. Ein Assistent erhob Einspruch gegen meine Folgerung, die Macht Jesu zur Vergebung demonstriere seine Göttlichkeit. Er meinte, auch er könne jemandem vergeben, ohne dass davon ein Anspruch auf seine Gottheit abzuleiten sei. Als ich über seinen Einwand nachdachte, traf mich die Erkenntnis, warum die religiösen Führer in Israel so heftig gegen Christus reagiert hatten. Ja, man kann durchaus sagen: "ich vergebe dir", doch diese Erklärung ist nur dann von Wert, wenn sie von der Person kommt, gegen die gesündigt wurde. Wenn ich der Betroffene bin, kann ich durchaus sagen: "Schon gut, es sei dir verziehen." Aber gerade das hat Christus nicht getan. Der Gelähmte hatte sich gegen Gott, den Vater, versündigt, und in dieser Situation sagte Jesus aus eigener Vollmacht: "Deine Sünden sind dir vergeben." Es stimmt, wir können Verfehlungen vergeben, die andere uns angetan haben; aber nur Gott selbst kann die Sünden vergeben, die gegen ihn begangen wurden.

Es ist daher verständlich, dass die Juden so reagierten, als ein Zimmermann aus Nazareth solche kühnen Ansprüche erhob. Doch gerade die Macht Jesu, Sünden zu vergeben, zeigt, dass er von einem Vorrecht Gebrauch machte, das nur Gott zusteht.

Im Markusevangelium finden wir auch die Gerichtsverhandlung gegen Jesus (Mk 14,60-64) aufgezeichnet. Gerade ihr Verlauf gehört zu den klarsten Beweisen da-für, dass Jesus den Anspruch auf Gottheit erhob. "Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese wider dich bezeugen? Er aber schwieg still und antwortete nichts. Da fragte ihn der Hohepriester abermals und sprach zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bin's, und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels. Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil? Sie aber verurteilten ihn alle, dass er des Todes schuldig sei."

Zuerst verweigerte Jesus die Aussage, bis der Hohepriester ihn unter Eid stellte. Unter diesen Umständen war er zur Antwort verpflichtet (und ich bin froh, dass er antwortete). Auf die Frage: "Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?" antwortete er: "Ich bin's."

Eine Auswertung und Analyse des Zeugnisses Christi zeigt, dass er behauptete, 1. Sohn des Hochgelobten (Gott) zu sein, 2. einst zur Rechten der Macht zu sitzen, 3. mit den Wolken des Himmels wiederzukommen. Alle drei Aussagen sind ausgesprochen messianischer Natur. In dieser Konzentration konnten sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Dem Sanhedrin, dem jüdischen Gericht, entging die Bedeutung dieser drei Aussagen nicht, und der Hohepriester reagierte darauf, indem er seine Kleider zerriss und sagte: "Was bedürfen wir weiterer Zeugen?" Sie hatten es schliesslich aus seinem eigenen Munde gehört. Er war durch seine eigenen Worte überführt.

Robert Anderson führt aus: "Nichts ist beweiskräftiger als die Haltung feindlich gesinnter Zeugen, und die Tatsache, dass der Herr für sich beanspruchte Gott zu sein, wird unwiderleglich durch die Reaktion seiner Feinde bewiesen. Wir müssen dabei bedenken, dass die Juden kein primitives Stammesvolk, sondern ein hochzivilisiertes und höchst religiöses Volk waren. Ohne Gegenstimme wurde das Urteil über diese Anmassung vom Sanhedrin gefällt, jenem grossen Nationalrat, der aus den bedeutendsten religiösen Führern, Männern vom Schlag eines Gamaliel und seines grossen Schülers Saulus von Tarsus, zusammengesetzt war."4

Es ist daher eindeutig, dass Jesus seine Aussage genau so verstanden haben wollte. Auch ist unbestreitbar, dass die Juden seinen Anspruch, Gott zu sein, begriffen hatten. Es blieben ihnen demzufolge nur zwei Alternativen: Seine Äusserungen waren entweder gotteslästerlich, oder er war wirklich Gott. Für seine Richter war der Fall klar - so klar, dass sie ihn kreuzigten und dann verhöhnten: "Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn" (Mt 27,43).

In seiner Erklärung des Markusevangeliums erläutert H. B. Swete die Symbolhandlung des Hohenpriesters: "Das Gesetz untersagte dem Hohenpriester, seine Kleider aus persönlichen Motiven zu zerreissen (2.Mose 10,6). In seiner Rolle als Richter verlangte die Tradition jedoch von ihm, seinem Entsetzen über eine ihm gegenüber ausgesprochene Gotteslästerung auf diese Art Ausdruck zu verleihen. Die Geste zeigt auch deutlich die Erleichterung des Richters. Wenn bis dahin die Beweise fehlten, so waren sie jetzt nicht mehr notwendig, der Gefangene hatte sich selbst überführt."

Es dürfte klargeworden sein, dass es sich hier um eine aussergewöhnliche Gerichtsverhandlung handelte - wie Irwin Linton als Rechtsanwalt feststellt: "Einzigartig in der Rechtsprechung ist, dass es hier nicht um die Taten, sondern um die Identität des Angeklagten geht. Die Anklage vor Gericht, sein Bekenntnis, seine Aussage oder vielmehr sein ›auf frischer Tat ertappt‹ werden, aufgrund dessen er verurteilt wird, wie auch das Verhör des römischen Gouverneurs und die Kreuzesinschrift bei seiner Hinrichtung - alles dreht sich um die eine Frage nach Christi eigentlicher Identität und Würde: Was denkt ihr über Christus? Wessen Sohn ist er?"5

Irwin Gaynor vertritt die Meinung, der Sanhedrin habe Jesus Gotteslästerung zur Last gelegt. Er sagt: "Aus allen Berichten der Evangelien geht hervor, dass das angebliche Verbrechen, dessen man Jesus bezichtigte und schliesslich überführte, Gotteslästerung war … Jesus hatte behauptet, über übernatürliche Kräfte zu verfügen, deren angebliches Vorhandensein bei einem Sterblichen als Gotteslästerung betrachtet wurde (nach Joh 10,33)."6 (Gaynor bezieht sich dabei auf Jesu Anspruch, selbst Gott zu sein, nicht auf seine Aussage über den Tempel.)

Die meisten Gerichtsverhandlungen beschäftigen sich mit den Taten des Beschuldigten, im Falle Jesu gilt dies nicht. Er musste sich wegen seiner Person verantworten.

Der Prozess gegen Jesus ist ein hinreichender Beweis dafür, dass Jesus eine klare Aussage über seine Göttlichkeit machte. Seine Richter bezeugten es. Aber auch am Tag seiner Kreuzigung bekannten seine Feinde, dass er behauptete, fleischgewordener Gott zu sein. "Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat, denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn" (Mt 27,41-43).

Fortsetzung: Jesus - Schwindler, Wahnsinniger oder der Herr?

1 Archibald Thomas Robertson, Word Pictures in the New Testament, Nashville 1932, Bd. 5, S. 186
2 Leon Morris, "The Gospel according to John", The New International Commentary on the New Testament, Grand Rapids 1971, S. 524
3 Lewis Sperry Chafer, Systematic Theology, Dallas 1947, S.21
4 Robert Anderson, The Lord from Heaven, London 1910, S. 5
5 Irwin H. Linton, The Sanhedrin Verdict, New York 1943, S. 7
6 Charles Edmund Deland, The Mis - Trials of Jesus, Boston 1914, S. 118/119


Autor: Josh McDowell
Quelle: Wer ist dieser Mensch

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