Wie trendig darf Kirchenmusik sein?

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Jugendarbeiter, Kantoren oder PfarrerInnen führen immer mehr besondere Gottesdienste mit moderner Musik und neuen Liedern ein, um damit auch die jungen Leute zu erreichen. z.B.: Rock-Vesper in Winterthur-Veltheim, Sonntags-Praise in Gossau, Rise-up in Rüti, Praise & Pray in Wädenswil und Sofa-Gottesdienste in Stäfa
Während der Reformation wurden Musik und Gesang im Gottesdienst verboten. Heute gehen die Meinungen auseinander, ob neben Orgelmusik und Choral auch Pop, Schlager und Volksmusik in der reformierten Kirche ihren Platz haben. Bereits gibt es Gemeinden die rockige, popige und jazzige Lobpreisgottesdienste veranstalten. Was bewirkt dieser neue Trend?

Popmusik ist längst kein Jugendphänomen mehr. Auch die mittlere Generation ist mit Elvis Presley und den Beatles gross geworden. In einigen Gemeinden gestalten deshalb Jugendarbeiter, Kantoren oder Pfarrerinnen und Pfarrer besondere Gottesdienste mit moderner Musik und neuen Liedern. Rock-Vesper in Winterthur-Veltheim, Sonntags-Praise in Gossau, Rise-up in Rüti, Praise & Pray in Wädenswil und Sofa-Gottesdienste in Stäfa sind nur ein paar Beispiele. Neben Pop, Gospel und Jazz findet auch die Volksmusik an manchen Orten Eingang in den Gottesdienst. Die Aufführung einer Jodlermesse ist fast ein Garant für eine volle Kirche, und wenn der Organist zum Schluss die lüpfige «Schanfigger Burehochzig» intoniert, klatschen die Leute.

Dass Lieder und Musik in den reformierten Gottesdienst gehören, ist heute unumstritten. Die Meinungen gehen jedoch auseinander, welche Musik eingesetzt werden soll. Während in einem durchschnittlichen Gottesdienst klassische Orgelmusik erklingt und meistens Lieder gesungen werden, die 150 Jahre und älter sind, wird der Ruf an vielen Orten laut, das musikalische Spektrum in der Kirche zu öffnen und auch Musikstile wie Pop, Gospel und Jazz einzubeziehen.

Kaum einen Zugang zu den alten Liedern und der traditionellen Kirchenmusik finden vor allem die jungen Leute. Viele beklagen sich über unsingbare Melodien und kaum verständliche Texte.

Musik geht tief

Daniel Schmid, Kantor bei der Fachstelle für Gottesdienst und Musik bei den Gesamtkirchlichen Diensten, ist überzeugt, dass sich die Kirche musikalisch öffnen muss. «Die Musik spricht den Menschen in seiner seelischen Tiefe an und gelangt an Orte, die das ‹Wort› nicht erreicht», meint der Kantor. Doch Popularmusik* bedeute nicht nur moderne Musik. Indem man die alten Texte und Melodien neu angehe, soll auch das traditionelle Liedgut wieder populärer werden.

Ein 1998 von der Synode eingereichtes Postulat verlangt, die Verwendung von Popularmusik im Gottesdienst zu fördern. Der Kirchenrat beantragte darauf dem Kirchenparlament im Juni 2002, während vier Jahren das Anliegen mit jährlich 135000 Franken personell und finanziell zu unterstützen. Doch die Synode fand am Vorschlag, aus unterschiedlichen Gründen, keinen Gefallen und wies ihn zurück.

Daniel Schmid bedauert den Entscheid: «Uns fehlen die personellen und finanziellen Mittel, um eine breite Gesamtschau zu erarbeiten.» Diese Mittel seien dringend nötig, um popularmusikalisch ausgerichtete Projekte zu unterstützen und zu begleiten. Ein Hauptproblem sei, dass die Verantwortlichen, die moderne Musik im Gottesdienst und bei weiteren Anlässen einsetzen, nicht vernetzt sind. Schmid weiss um die Not bei der Suche nach geeigneten Liedern und meint: «Es ist uns ein Anliegen, dass von den guten Ideen auch andere profitieren können.»

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«Die Orgel ist ein Lockvogel des Teufels», so befand Ulrich Zwingli 1524. «Get the groove!», heisst es 2003.

Gedankengut aus der Reformation

Die Orgel ist ein Lockvogel des Teufels», so befand Ulrich Zwingli 1524 und verbannte nicht nur die «Königin der Instrumente» aus allen Kirchen, sondern verbot gleichzeitig auch den Gesang. Lange dauerte es allerdings nicht, bis in den Kirchen im Kanton Zürich wieder gesungen wurde. Kaum zwanzig Jahre später sang 1543 ein Mädchenchor in Seuzach Psalmlieder im Gottesdienst. Bis die Orgeln zurück in die Kirchen kamen, dauerte es noch gut 200 Jahre. Die Stadtkirche Winterthur machte 1809 den mutigen Anfang, während das Grossmünster bis 1874 auf Orgelmusik verzichtete.

Kapitulation der Kirchenmusik

Schwierigkeiten bei der Einführung der Popularmusik bereitet nicht nur die fehlende Vernetzung. Auch von einer anderen Seite weht diesem neuen Kirchenmusikstil ein rauer Wind entgegen.

So zum Beispiel aus Kreisen der Kirchenmusiker: Peter Liebmann, Organist, Cembalist und ehemaliges Vorstandsmitglied des Zürcher Kirchenmusikerverbandes, bezeichnet den Einsatz von Pop, Rock, Jazz, Gospel und anderer Unterhaltungsmusik im Gottesdienst als «Lockvögel». Unter dem Druck, die Jugend wieder in die Kirche zu bringen, hätten die in die Pflicht genommenen Kirchenmusiker kapituliert. Das popularmusikalische Angebot der Kirche falle punkto Qualität und Attraktivität im Vergleich zur professionellen Musikszene weit ab, ist der Kirchenmusiker überzeugt. Es sei eine Illusion zu meinen, dass Teenager deswegen in die Kirche kämen.

Umso mehr müsse es die herausfordernde Aufgabe der Kirchenmusiker sein, das grosse, liturgisch-musikalische Kulturgut von Vergangenheit und Gegenwart der Jugend näher zu bringen. Liebmann meint: «Damit wird der Zugang zur Kirche und zum Glauben wesentlich besser geöffnet.»

Popularmusik ist die Bezeichnung für eine grosse Vielfalt von Musikstilen wie Blues, Jazz, Rock, Pop bis hin zu Techno, Hip-Hop und Rap. Diese Musik legt Wert auf die Sinnlichkeit im Klang (Sound) und hat einen stark rhythmischen Zug (Groove). In einem weiteren Sinn kann zur Popularmusik auch die Volksmusik gezählt werden.

Redigiert: Livenet, Antoinette Lüchinger

Autor: Matthias Herren, Kirchenbote
Quelle: Kirchenbote des Kanton Zürichs, www.kirchenbote-zuerich.ch

Datum: 16.10.2003

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