Intellektuelle Ansteckung

Kann sich das Evangelium wie ein Virus verbreiten?

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Die Ausbreitung einer Epidemie wie Covid-19 lässt sich mit der Ausbreitung von Ideen vergleichen. Die Frage ist, ob das auch für das Evangelium gilt.

Die Weltgeschichte ist auch eine Geschichte der Ausbreitung von Ideen, die eine Epoche geprägt haben. Der Physiker und promovierte Philosoph Eduard Käser spricht in einem Gastbeitrag in der NZZ vom 28. November von intellektuellen Ansteckungsprozessen. Ähnlich wie eine Pandemie hätten sich die Psychoanalyse von Sigmund Freud, Newtons Mechaniklehre oder die Beschäftigungstheorie des Ökonomen Keynes verbreitet. Aber auch das Christentum, der Buddhismus und der Islam.

Die Reproduktionszahl R für das Virus

Ähnlich wie bei einer Pandemie gelte hier auch die Reproduktionszahl «R». Als Musterbeispiel dafür hat ein Team von Physikern und Wissenschaftshistorikern 2005 das Faynman-Diagramm untersucht. Sie wollten wissen, wie häufig dieses in Fachzeitschriften zitiert wurde und entdeckten dabei, dass die Häufigkeit einer Sigma-Kurve entspricht. Diese steigt anfänglich stark an und flacht sich dann ab. Die Reproduktionsrate «R» der Theorie betrug in den USA 15, in Japan sogar 75.

Die Frage stellt sich, weshalb dieses Wachstum anfänglich so schnell geschieht. Weil es auch in der Wissenschaft – analog zur Corona-Pandemie – Superspreader gibt? Oder einfach wegen der Überzeugungskraft und Langlebigkeit der Idee? Darüber streiten sich die Experten.

«Viraler Bullshit»

Käser vergleicht das Phänomen nun nicht mit grossen Geistesbewegungen der Gegenwart, wozu es mit Feminismus, Gender oder Me-Too durchaus Beispiele gäbe, sondern mit den Verschwörungstheorien zur Corona-Pandemie, die in den Sozialen Medien zirkulieren und sich ebenso epidemisch wie das Virus verbreitet haben. Er stellt fest, dass es schwierig ist, gegen diese Flut von «Bullshit» anzukämpfen. Denn «viraler Bullshit» verbreite sich viel schneller als alle Versuche, ihn zu korrigieren.

Die Reproduktionszahl R für das Evangelium

Interessant wäre jetzt eine Untersuchung, wie «intellektuelle Ansteckung» im Bereich der Ausbreitung des Christentums funktioniert hat. Auch hier könnten wohl epidemische Verläufe und Sigma-Kurven festgestellt werden. So ganz am Anfang der Apostelgeschichte, als in wenigen Tagen Tausende sich dem christlichen Glauben öffneten. Sie liessen sich von der Überzeugungskraft von Aposteln und von Menschen anstecken, die bereits vom Virus des Evangeliums erfasst worden waren. Da gab es auch das Superspreader-Phänomen: Petrus, Philippus, Paulus...

Bleibt zu hoffen, dass es im kommenden Jahrzehnt auch in unseren Breitengraden wieder mehr Superspreader für das Evangelium geben wird und die Christen damit einen Beitrag leisten, dass die Evangelisation und nicht die Verschwörungstheorien die Sigma-Kurve ziehen.

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Datum: 27.12.2020
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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