11. September: Trauer und Hoffnung ein Jahr danach

Jeffrey Thurston Myers ist amerikanischer Staatsbürger und Pfarrer in Frankfurt am Main. Ein Jahr brauchte er, um über die Ereignisse des 11. September in „seinem Land“ hinwegzukommen. Nun ist für den Theologen die Zeit gekommen, nicht länger nur nach zerstörten Gebäuden und den unzähligen Opfern zu schauen.

Rechtzeitig zum ersten Jahrestag des „9/11“ (nine/eleven), wie man in den USA vom „11. September“ spricht, ist das neueste Werk des Musikers Bruce Springsteen erschienen. „The Rising" – „Sich erheben“ heisst das Titellied der gleichnamigen CD. Bereits in den ersten Tagen nach seinem Erscheinen hat das Album des erfolgreichsten Rockmusikers seiner Generation breite Anerkennung erhalten. Die Liedtexte, die die Grausamkeiten des 11. Septembers verarbeiten, drücken die Bandbreite der Gefühle um diesen Tag aus und – noch mehr – rufen zur Hoffnung auf: „Eines sonnigen Morgens / werden wir aufstehen.“

Die Hölle kocht,
’ne dunkle Sonne geht auf
Dieser Sturm wird
mit der Zeit vorbeiziehen...
dann werde ich beten
Jetzt habe ich nur
diesen einsamen Tag

Fast ein Jahr hat es gedauert, bis ich mich in der Lage fühlte, über die eigene Betroffenheit hinauszugehen und nach Antworten zu suchen, die so genannten Gründe der Terroranschläge zu verstehen. Es war – in Anlehnung an den Prediger Salomo – eine Zeit zum Weinen, zum Klagen, zum Schweigen. Mehr nicht. Mit knapper Sprache berichtet Johannes von Jesus, als er vor dem Grab seines Freundes Lazarus stand: „Er weinte.“

Angesichts eines tiefes Loches in der Erde war ja zunächst eine Zeit zum Trauern. In diesem Beispiel habe ich Trost und Orientierung gefunden. Dass manche Menschen innerhalb von Tagen oder gar von Stunden nach dem Attentat angefangen hatten, die Terroranschläge zu analysieren und Schuld zuzuweisen, ist bei mir auf Befremden gestossen. Ich meine, erst wenn man der tiefen Betroffenheit und der grossen Trauer Recht gibt, wird man in die Lage kommen, das unsägliche Leid zu begreifen und wirklich entsprechend zu helfen und zu handeln.

Zu dunkel war es,
um zu sehen,
Du hieltst mich
in Deinem Licht
Legtest die Hand auf mich
Gingst hinauf in das dunkle
rauchige Grab

Zum ersten Jahrestag werden die Erinnerungen wieder wach. Auch heute, ein Jahr später, verfolgen uns noch die Bilder dieses Horrorszenarios. Doch ich, wie viele andere Menschen, entdecke langsam die Bereitschaft, kritische Fragen zu stellen – auch an das eigene Land und die eigene Tradition. Zu lange haben die USA eine einseitige Politik im Nahen Osten geführt und zu lange die Demütigung und Armut ganzer Völker übersehen. Zu lange hat mein Land die Golf-Region als eine grosse Tankstelle betrachtet, ohne zu fragen, wie es den Menschen im Hinterhof ging. Ich entdecke drückende Armut und steigende Arbeitslosigkeit: Das Bruttosozialprodukt von Spanien ist grösser als das aller 22 arabischen Staaten zusammen. Ich entdecke erstickte Freiheit und mangelnde Bildung: 65 Millionen arabische Erwachsene sind Analphabeten, fast zwei Drittel davon sind Frauen.

Ich entdecke, wie abgeschnitten viele Menschen dort leben: Die ganze arabische Welt übersetzt etwa 300 Bücher jährlich, etwa ein Fünftel dessen, was Griechenland allein pro Jahr übersetzt.

Ist es weiterhin eine Zeit des Trauerns, ist es doch auch eine Zeit der Umkehr: Vorurteile abbauen, Probleme wahrnehmen, das eigene Verhalten ändern sowie Einfluss auf die Politik nehmen. Die Zeit ist gekommen, nicht länger nur nach den zerstörten Gebäuden und den Opfern im eigenen Land zu schauen.

Viele Mauern
müssen runterkommen
Eins nach dem
anderen machen
wir’s zusammen

In den USA ist in neuester Zeit, vom „11. September“ getrieben, eine ganze „End-Zeit-Bewegung“ ausgebrochen, welche selbst die Hauptströmungen der Kirchen nicht unberührt lässt. Da erfreut man sich sogar der schlechten Nachrichten, wenn sie dem eigenen Seelenheil zu dienen scheinen. Erfahrenes Unrecht soll Jesus nun mit seiner Wiederkunft wettmachen.

Ich finde aber Orientierung und eine sinnvolle Aufgabe eher darin, zu versuchen, Armut und Bildungsmangel in den armen Ländern zu bekämpfen. Gedanken der Rache müssen positiv kanalisiert werden. Selbst wenn die Sprache etwas gewaltig klingt, zeigt der Römerbrief die Richtung: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,20-21).

Mit anderen Worten sagt Martin Luther King dasselbe: „Dunkel kann das Dunkel nicht austreiben, nur Licht kann das tun. Hass kann Hass nicht austreiben, nur Liebe kann das tun.“

Ich glaube so fest
ich kann
Vom Loch da hoch
am Horizont
Hör’ ich Deine
Stimme mich rufen

In den ersten Monaten nach dem 11. September schaute man in ein tiefes Loch. Man verbrachte Tag und Nacht damit, Steine zu wälzen und Trümmer wegzuräumen. Die Augen und Herzen vieler Menschen waren auf ein Loch fixiert, um nach Leichen, nach einem geliebten Menschen zu suchen. Etwas holte mich ins Leben zurück: Jesus schenkt uns die Gewissheit seiner Auferstehung: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19). Das in seinem Ausmass an Grausamkeit unvorstellbare Geschehen, das an jenem 11. September geschehen ist, scheint mir manchmal so unendlich dunkel und tief wie das Loch damals an jenem Ground Zero im Heiligen Land. Heilung und Versöhnung und Gerechtigkeit sind lange nicht eingetreten. Aber Springsteen ahnt es und ich dürfte es auch erfahren:

In Gottes Händen
ist unser Schicksal
vollendet...
Ich verlasse mich
auf ein Wunder
Wir kommen durch
Segenswünsche an der Gedenkwand

Seit einigen Wochen sind die Aufräumarbeiten am Ground Zero in New York beendet. Die grosse Lücke im Stadtbild, die die Terrorattacke des 11. September 2001 riss, kann und soll nun geschlossen werden. Es gibt verschiedene Pläne. Sie reichen von dem Vorschlag, das World Trade Center fast originalgetreu nachzubauen bis zu der Variante, niedrigere Bürogebäude zu errichten und ein Denkmal zu integrieren dort, wo rund 3000 Menschen starben.

Anfang Juni nahmen hunderte Bauarbeiter, Feuerwehrleute, Polizisten, Angehörige, Freunde und andere New Yorker in einer grossen Gedenkveranstaltung von den Opfern Abschied. Egal, wie die Fläche in Zukunft genutzt wird: Für viele Trauernde bleibt Ground Zero der Ort, an dem sie sich ihren Verstorbenen nahe fühlen. „Wir stehen hier an einem Massengrab“, sagt Lisa Pierson, eine junge New Yorkerin, die am 11. September ihren besten Freund verlor. Sein Körper wurde nie gefunden. Auf dem Friedhof begruben sie eine leere Urne. „Wo, wenn nicht hier, kann ich bei ihm sein?“

Mehrmals pro Woche kommt sie auf die Aussichtsplattform, von der aus man auf Ground Zero blickt. Es ist eine einfache Holzkonstruktion, die kurz nach den Anschlägen errichtet wurde, um der Besucherströme Herr zu werden. Je eine halbe Stunde darf jeder dort oben verbringen, der sich vorher ein kostenloses Ticket geholt hat. Die gibt es einige Strassen weiter an einem Kartenstand, an dem auch Bootstouren verkauft werden.

Auf der Aussichtsplattform drängen sich täglich die Schaulustigen, aber auch Trauernde wie Lisa Pierson. Sie hat Blumen mitgebracht. Zahlreiche säumen schon die Holzrampe, auf der man die Plattform wieder verlässt. Lisa Pierson legt ihre dazu.

Der Weg hinunter misst mehrere Meter. Besucher gehen langsam die Rampe entlang, bleiben oft stehen, verharren vor einem Foto, einem letzten Gruss auf einem Bogen Papier, verharren vor Namen. An einer Holzwand befestigt hängt eine Tafel aus Kunststoff.

Jeder Verstorbene hat dort seinen Platz. In alphabetischer Reihenfolge sind sie aufgelistet. Tausende Namen, tausende Schicksale. Lisa Pierson muss sich recken, um an den Namen ihres Freundes zu gelangen. Sacht küsst sie ihre Fingerspitze, bevor sie die Buchstaben damit berührt. „Gott segne dich“, flüstert sie. Ihr Abschiedsgruss für heute.

Einige haben diesen Wunsch mit wasserfesten Stiften neben die Namen ihrer Lieben geschrieben. „Gott segne dich, Henry“, steht dort zum Beispiel. „Gott segne dich, Jennifer“ – „May god bless you.“ Andere wünschen „eine gute Reise ins Jenseits“ und „Ruhe in Frieden“. Manche Namen sind bunt umzirkelt, manche mit Herzen versehen. „Wir lieben dich“, hat jemand geschrieben. „Wir vermissen dich.“ Plötzlich erahnt man hinter jedem Namen einen Menschen. Betrauert und schmerzlich vermisst. Die Kunststofftafel ist zum Medium geworden. Die handschriftlichen Worte sind Botschaften von Lebenden an die, die am 11. September ihr Leben verloren.

Ein junger Mann zieht einen Stift aus seiner Jackentasche, blickt einen Moment lang suchend auf die Liste. Dann unterstreicht er vorsichtig den Namen Paul F. Sarle. „God bless“, schreibt er. „Gott segne dich. Du hast im Februar einen Sohn bekommen.“

Die Aussichtsplattform, die Namenstafel, die offene Wunde Ground Zero – All das wird nicht mehr da sein, wenn der Neugeborene alt genug ist, um zu verstehen, wie sein Vater starb. „Bürgermeister Bloomberg soll uns hier wenigstens eine kleine Ecke zur Erinnerung lassen“, sagt Lisa Pierson. Längst habe sie die Hoffnung aufgegeben, Ground Zero könne als Mahnmal erhalten bleiben.

„Das kann sich die Stadt finanziell nicht leisten. Ich weiss“, sagt sie. „Aber wir sind es unseren Toten schuldig, ihre Ruhe wenigstens symbolisch zu wahren.“

Datum: 08.09.2002
Quelle: Epd

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