Optimismus

„Den Rücken frei, die Zukunft offen“

Was bedeutet es, ein Optimist zu sein? Darf man denn angesichts der aktuellen Weltlage überhaupt noch optimistisch sein? Und wie kann man zu einer optimistischeren Sichtweise kommen? Ein Interview mit Ulrich Parzany von „ProChrist“.

Sind Sie ein Optimist, Herr Parzany?
Ulrich Parzany: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ich kämpfe manchmal sogar mit Depressionen. (Pause) Aber es kommt natürlich darauf an, wie jemand diesen Begriff versteht. Oft wird er so verstanden, dass Optimisten eine heitere Grundstimmung haben, selbst wenn die Dinge völlig unklar sind und man eigentlich keine guten Gründe hat, fröhlich zu sein. Das ist oberflächlich. So ein Optimismus kommt mir vor wie heisse Luft, die ich mir selber reinpumpe. Verstehen Sie das nicht falsch: Es liegt mir fern, heiter gestimmte Seelen schlecht zu reden. Schliesslich gibt es genug Schwierigkeiten, und man freut sich über jeden Menschen, der lachen kann. Nur finde ich es wichtig, dass man sein Vertrauen nicht nur auf heisse Luft setzt.

Welche Art von Optimismus wünschen Sie sich denn?
Einen Optimismus, den man ganz wörtlich versteht: als eine in­nere Haltung, die das Beste, das Opti­mum erwartet und auf einer festen Grundlage steht. Als Christ bin ich Optimist. Ich erwarte von Jesus, dass er wiederkommt und einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft, wie es in der Bibel steht. Ich habe Hoffnung. Dazwi­schen darf ich jetzt voller Spannung und Hoffnung leben, den Rücken frei, die Zukunft offen. Wenn ich vertraue, wirk­lich vertraue, dass Jesus auch mein Leben und diese Welt zu seinem guten Ziel führt, macht mich das im besten Sinne zum Optimisten.

Also Optimismus ohne Scheuklappen vor der Wirklichkeit?
Ja, ich habe eine sehr realistische Weltsicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Welt und die Menschen aus sich selbst heraus posi­tive Möglichkeiten haben, wenn Gott nicht unser Leben verändert. Hoffnung, die uns zu Recht optimistisch macht, braucht eine Grundlage.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die Zukunftsangst haben?
Ja, sogar mehr als das. Denn Leute, die Angst vor der Zukunft haben, zeigen, dass sie die Realitäten zur Kenntnis nehmen. Ich halte nichts von blauäugigen Optimisten, die sagen, wenn man sich nur ein bisschen zusammenreissen und positiv denken würde, würde das Paradies auf Erden entstehen. Das halte ich geradezu für gefährlich, weil sie sich und andere betrügen.

Wie wollen Sie einem Zeitgenossen erklären, dass es trotz weltweiter Katastrophen, Kriege und Krankheiten Hoffnung gibt?
In Jesus erkenne ich rea­listisch die Wahrheit der Welt und kann Hoffnung haben, weil er für uns gestor­ben ist und die Welt versöhnt hat. Er ist auferstanden und öffnet uns die Zu­kunft. Jesus hat gesagt, dass Hungersnö­te, Erdbeben, Kriege und vieles andere kommen werden. Aber er macht keine Weltuntergangsstimmung. Er kündigt an, dass er wiederkommt und mit ihm die neue Welt. Mit Gott versteht man die Wirklichkeit und kann Ereignisse rich­tig einordnen.

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Ulrich Parzany
Der Gegensatz zu krankhafter Schwarzmalerei ist sicher die „Think Positive“-Welle (Lehre vom positiven Denken). Was kritisieren Sie an ihr?
Ich glaube, sie ist einfach unehrlich. Diese Philosophie ver­drängt die Wirklichkeit und behauptet: „Wenn ich nur die richtige Einstellung habe, wird alles rosarot.” Damit tue ich so, als ob die realen Umstände gar nicht existieren, mit denen ich zu kämpfen habe: dass ein behindertes Kind gebo­ren wurde, dass ein Mensch gestorben ist, dass ich Krebs habe, dass ich beruf­lich in einer Sackgasse bin. Man tut, als ob das alles nur optische Täuschungen wären. Das ist doch Verdummung, einfach menschenverachtend! In der Sehnsucht nach Glück und in der Verwechslung des Glücks mit Erfolg und Problemlosigkeit, liegt der Grund dafür, dass einige für solche An­gebote anfällig sind. Das kann man menschlich verstehen. Aber es ist und bleibt Betrug.

Sie sagen, Glück mit Erfolg und Problemlosigkeit gleich zusetzen, ist ein Trugschluss. Wieso? Sind Niederlagen denn kein Gegensatz zu Hoffnung und Optimismus?
Bei Gott gelten andere Gesetzmässigkeiten. In der Philosophie des positiven Denkens ist jede Nieder­lage ein Scheitern. Krankheit darf nicht sein, Ar­beitslosigkeit darf nicht sein. Das ist alles Verlust. Aber Jesus sagt, das Wei­zenkorn muss sterben, damit es Frucht bringt. Menschlich gesehen ist das Beerdigen des Weizenkornes eine Nieder­lage. Aber bei Gott ist es die Vorausset­zung für Frucht. Jesus hat uns nie ver­sprochen, dass wir immer Erfolg haben werden. „Ich schicke euch wie Schafe unter Wölfe”, hat er gesagt. Und ge­wöhnlich fressen Wölfe Schafe und spielen nicht mit ihnen Tischtennis. Aber er hat versprochen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dient. Unsere Leben sind Puzzleteile, und wir leiden oft darunter, dass wir das ganze Bild noch nicht so richtig sehen. Aber wenn ich die Gewissheit habe: „Gott schafft das ganze Bild”, dann kann ich heute mit Zuversicht an dem kleinen Schritt arbeiten.

Ganz praktisch: Wie finden Sie in schwierigen Situationen zu der inneren Haltung, die das Beste erwartet?
Gebet ist der erste Nevenstrang dieser Hoffnung. Ich habe Kontakt mit dem lebendigen Gott und erfahre seine Kraft. In der Bibel in 1. Petrus 5,7 steht: „Alle eure Sorgen werfet auf ihn; denn er sorgt für euch!” Das ist im Grunde das Geheimnis. Im Gebet gebe ich Gott diese Sorgen und sage: „Sie ersticken und erwürgen mich! Ich werde damit nicht fertig. Ich nehme in Anspruch, dass du der souveräne Herr bist. Ich vertraue dir!“

Ausserdem lese ich die Bibel kon­kret. Dieses Wort hat Ewigkeits- und Zukunftskraft. Das brauche ich in klei­nen Portionen im Alltag, damit ich nicht nervös werde und in Panik gerate. Beim Beten und Lesen merke ich: Ich bin geliebt und gewollt! Gott trägt mich durch, er wird mein Leben zum Ziel führen. Das ist eine faszinierende Kom­bination von Realismus, menschlicher Ehrlichkeit und Geborgenheit und daraus wachsender Freude und Zukunftshoffnung.

Macht Optimismus automatisch aktiv?
Wenn er keine Schaufen­sterdekoration ist, setzt er Kräfte frei. Wer ein gut begründetes Ziel hat, geht vorwärts. Leider ist das Kennzeichen vieler Menschen heute, dass sie nichts mehr von der Zukunft erwarten. Deshalb sind sie in der Gegenwart nicht leistungsfähig und unternehmungslustig. Die Menschen haben sich so lange einreden lassen, dass man sich nicht auf den Himmel vertrösten darf, bis sie sich alle ans Jetzt verloren haben. Aber wer alles jetzt will, gerät entweder in Panik oder in Lähmung. Die Hoffnung auf die Zukunft dagegen gibt mir alle Zeit der Welt, gibt mir den Spielraum der Ewig­keit, dass ich heute den Mut habe, diese unvollkommenen Sachen trotzdem mit ganzem Herzen zu tun.

Autorin: Ines Weber

Datum: 01.02.2006
Quelle: Neues Leben

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