Kommentar

Grosskirchen schrumpfen: Konsequenzen bleiben aus

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Immer weniger Menschen in Deutschland gehören den beiden grossen Kirchen an. Die Tatsache ist nicht neu und sie überrascht nicht. So gesehen könnte der Text hier enden. Etwa mit dem Hinweis: «Nichts Neues unter der Sonne.» Doch so einfach ist die Sache nicht. Ein Kommentar von Norbert Abt.

Die hohe Zahl der Kirchenaustritte ist nicht neu, aber im letzten Jahr besonders hoch. Das liegt zweifellos am Missbrauchskandal und der alles anderen als überzeugenden Aufarbeitung durch die katholische Kirche. Und «nicht überzeugend» ist reichlich verharmlosend.

Vorwurf der Heuchelei

Dieser Skandal hat die Kirchen enorm viel Vertrauen gekostet und das hält an. Das gilt nicht nur für die katholische, sondern für alle christlichen Kirchen. Viele stören sich an den christlichen Kirchen, weil sie selbst nicht die Massstäbe leben, die sie anderen predigen. Sie gelten als Heuchler. Und die Mitarbeiter in den Gemeinden, seien es Beschäftigte oder Ehrenamtliche, gewinnen den Eindruck, dass ihre Arbeit durch die Skandale zunichte gemacht wird. Das schafft viel Frust.

Doch auch wenn der Trend nicht neu ist, sollte er einigen, vor allem den Verantwortlichen in der katholischen und den evangelischen Kirchen endlich zu denken geben. Und genau dies ist nicht zu erkennen. Natürlich entsprechen die Zahlen einem umfassenden, gesellschaftlichen Trend, nachdem sich Menschen immer weniger an Organisationen binden (lassen). Da sitzen die Kirchen mit den Parteien, Gewerkschaften und Vereinen in einem Boot. Und auch der Trend der Säkularisierung ist wahrlich keine Neuigkeit. Doch es geht hier nicht um einen Verkehrs- oder Bücherclub, sondern um die beiden – noch – grossen christlichen Kirchen. Deren Vertreter sprechen von einer «schmerzhaften Entwicklung». Das mag echte Betroffenheit sein, aber es ist nicht zu erkennen, dass daraus Konsequenzen gezogen werden. Stattdessen wird weitergemacht wie bisher.

Das Geld fliesst weiter

Dieses unbeirrte Weitermachen hat auch einen handfesten Grund: Das Geld fliesst. Dank der (noch) guten wirtschaftlichen Lage nehmen die Kirchensteuereinahmen, trotzt der Austritte, sogar noch zu. Der Schreck und die Unruhe über die Austritte werden durch ein weiches Finanzkissen sanft abgefedert. Es ist nicht zu erkennen, dass die beiden grossen Kirchen, die Frage der Evangelisierung und Ansprache von Menschen wirklich oben auf ihrer Agenda haben. Es wird darüber diskutiert, es gibt auch immer wieder Initiativen, aber es bleibt insgesamt doch ein Randthema.

Die Kirchen denken nicht um und verändern ihre Prioritäten nicht. Es scheint, als sei der Leidensdruck wegen der guten Finanzsituation nicht hoch genug. «Leider», muss man da wohl sagen, so sarkastisch es auch klingt.

Es geht auch anders

Anders war es bei der Anglikanischen Kirche in Grossbritanien. Sie erlebte vor etwa 40 Jahren einen drastischen Mitgliederschwund verbunden mit einem Finanzeinbruch, weil sie keine Kirchensteuer kennt. Das führte zum Umdenken.

Heute spielt die Evangelisierung in der Anglikanischen Kirche eine grössere Rolle, auch wenn nicht alle Gemeinden mit an diesem Strang ziehen.

Die richtige Antwort

Von Jesus wird berichtet, dass er von der Not der Menschen betroffen war. Er verkündete «die rettende Botschaft von Gottes Reich. Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen, denn sie waren erschöpft und hilflos wie Schafe, die keinen Hirten haben.» (Die Bibel, Matthäus-Evangelium, Kapitel 9, Verse 35 und 36) So beschreibt es der Evangelist Matthäus.

Es geht um die Not und das Leben der Menschen. Es geht darum, dass Menschen zum Glauben kommen und dann in Gemeinden und Gemeinschaften eine Heimat finden. Dafür lohnt es sich auch mehr Ressourcen bereitzustellen, sei es Geld, vor allem aber Mitarbeitende. Hier mehr zu investieren wäre die richtige Antwort auf die hohe Zahl der Kirchenaustritte.

Zum Thema:
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Datum: 23.07.2019
Autor: Norbert Abt
Quelle: Livenet

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