«Das belastet mich sehr»

Ehemaliger Erzbischof zu Fehlern im Umgang mit Missbrauch

Schwere Fehler und Versäumnisse im Umgang mit Missbrauchsfällen räumt der frühere Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen ein.

Zoom
Erzbischof em. Dr. Werner Thissen
In einem Interview mit der Kirchenzeitung «Glaube und Leben»(Münster) beschreibt Dr. Thissen den Umgang mit Missbrauchsfällen in seiner Zeit als Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Pastoral im Bistum Münster (1977-1984). Von 2003 bis 2014 war Thissen Erzbischof von Hamburg.

Verantwortung nicht wahrgenommen

So habe man viel zu sehr auf die Zuständigkeit eines Arztes und Therapeuten gesetzt, der die Priester betreute, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht hatten. Man habe es weithin versäumt, selbst Verantwortung zu übernehmen. Im Blick auf den Therapeuten, der nicht mehr lebt, sagt Thissen: «Wir haben ihn ausgenutzt. Wir haben das von uns weggeschoben auf ihn und dort, wo er sich zu viel drum kümmern musste, haben wir zu wenig getan.»

Erstmals spricht damit ein früherer, hochrangiger Verantwortungsträger der katholischen Kirche in Deutschland öffentlich über Fehler und Versäumnisse im Umgang mit Missbrauchsfällen. Es wird in dem Interview erkennbar, wie sehr dies den emeritierten Erzbischof belastet.

Zu grosses Vertrauen in therapeutische Möglichkeiten

Ausschlaggebend dafür, ob und wann ein Priester nach einem Missbrauchsfall wieder im kirchlichen Dienst eingesetzt wurde, sei die Beurteilung des Therapeuten gewesen. Danach habe man sich gerichtet. «Ich muss mir persönlich als schweren Fehler anrechnen, dass mein Vertrauen in die medizinischen, therapeutischen Möglichkeiten überzogen und unrealistisch war», erklärt Thissen.

Das Problem Missbrauch sei in der kirchlichen Personalarbeit völlig unterschätzt worden. Man habe keine Vorstellung davon gehabt, dass es «ein weit verbreitetes gesellschaftliches Übel ist, an dem wir als Kirche erheblichen Anteil haben».

Viel zu wenig um die Opfer gekümmert

Zudem hätte man «kein realistisches Bild davon gehabt, welcher Schaden bei den Opfern durch Missbrauch» entsteht. «Ich habe das erst hautnah erfahren, als ich in Hamburg (als Bischof) tätig war, als mir Einzelne – meist Männer – gegenübersassen, denen ich viele Stunden zugehört habe. Da ist mir erst wirklich klar geworden, was Missbrauch an Verletzungen und Schaden anrichtet.»

Dass die Missbrauchsfälle in der Kirchenverwaltung in Münster in der Personalkonferenz besprochen wurden, sei ein Fehler gewesen. denn das Gremium sei dazu «gar nicht in der Lage» gewesen, so Dr, Thissen. «Da hätten Fachleute dazu gehört. Es hätte auch einer grösseren Distanz zu den Tätern bedurft. Diejenigen, die des Missbrauchs beschuldigt wurden, waren ja Priester, die wir gut kannten. Da kommt sehr schnell der Mitleidseffekt auf. In einer Personalkonferenz fragte mal jemand: 'Muss der Täter denn nicht bestraft werden?' Die übereinstimmende Meinung war: Der hat sich doch durch sein Vergehen am meisten schon selbst bestraft.»

«Heute tun, was man noch tun kann»

Selbstkritisch äussert sich der frühere Hamburger Erzbischof: «Ich hatte damals mit den Betroffenen kaum Kontakt. Das ist mein zweiter grosser Fehler, den ich mir anlaste. Darum ist es mir heute umso mehr ein Anliegen, das zu tun, was man jetzt tun kann: die Betroffenen hören, die Missbrauchsverbrechen offen legen, weil es für die Betroffenen sehr heilsam ist, zu spüren: Das ist nicht etwas, was wir jetzt auch noch verdrängen und geheim halten müssen, sondern etwas, worüber man sprechen kann», so Thissen.

Um Entschuldigung bitten

Weiter macht der frühere Erzbischof deutlich: «Wichtig finde ich auch, um Entschuldigung zu bitten. Notwendig finde ich ebenso finanzielle und medizinische, therapeutische Hilfen. Dass das jetzt erst im Nachhinein möglich ist, nach Jahrzehnten, belastet mich sehr. Es nimmt mich aber auch in die Pflicht, das zu tun, was ich jetzt tun kann. Ich bin sicher: Die, die heute die Verantwortung haben, tun das jetzt möglichst zeitgleich, und sie können damit viel Leid lindern.»

Darüber hinaus, so Thissen, sei mit Missbrauch in der Kirche nicht transparent umgegangen worden. In der Regel seien nur Priester und kirchliche Verantwortliche darüber informiert worden. Zudem sei früher in der Priesterausbildung Missbrauch als «ein mehr theoretisches Thema» behandelt worden, so Dr. Thissen.

Nach seiner Tätigkeit als Hauptabteilungsleiter im Bistum Münster wurde Thissen Domkapitular (bis 1986) und dann Generalvikar (bis 1999) im Bistum Münster. In dieser Zeit war er einer der Sprecher der Fernsehsendung «Wort zum Sonntag» in der ARD und wurde so einem grösseren Publikum bekannt. Im Januar 2003 wurde Thissen Erzbischof von Hamburg. Mit Vollendung des 75. Lebensjahres reichte er sein Rücktrittsgesuch ein, das Papst Franziskus im März 2014 annahm.

Zum Thema:
«Eine Warnung für alle»: Evangelische Kirche in Frankreich beugt sexuellem Missbrauch vor
Kirche und Missbrauch: Zwischen Verletzung und Verhältnismässigkeit
Umfrage in CH-Freikirchen: Damit kein Kind missbraucht wird

Datum: 20.11.2019
Autor: Norbert Abt
Quelle: Livenet

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Information

Anzeige