Zwischen ihnen lag der Wald

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Sie presste die Stirn gegen das kalte Fensterglas.
Sie stand am Fenster. Es war wie immer. Es war wirklich wie sonst, und doch.... Warum stand sie jetzt hier, als wartete sie noch auf jemanden? War es nicht endgültig gewesen, was geschehen war?

Ihr Herz verkrampfte sich und Tränen brannten in ihren Augen. Nein, es war nicht wie immer! Und sie wusste es, die ganze Zeit über hatte sie daran gedacht: Sie - und ihr Mann hatten nicht darüber gesprochen. Doch die Last war immer schwerer geworden, besonders jetzt, da die Tage kürzer und die Abende länger geworden waren. Und auch das Kind spürte es. Dieser unselige Streit- und dazu noch völlig unnötig!

Im Streit auseinander gegangen

Sie hatten sich doch immer so gut verstanden, ihr Mann und ihr Vater. Eine Kleinigkeit nur war es gewesen, eine ganz unwichtige Sache. Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern. Die Stimmung war irgendwie gereizt gewesen. Ein unbedachtes Wort war gefallen und dann war das eingetreten, was man vorher nie für möglich gehalten hatte. Sie waren im Streit auseinander gegangen... Es schien unabänderlich.

Sie hörte ihren Mann nebenan hin- und hergehen. Er sagte etwas zum Kind. Auch das Kind war bedrückt , ratlos, wusste mit all dem Geschehenen nichts anzufangen. Am Mittag hatte sie ihm gesagt, dass der Grossvater nicht kommen würde. Und als das Kind aufbegehrte, – trotzig, dabei voll uneingestandener Not, hatte sie es mit scharfen Worten zurecht gewiesen. Die Tränen in den Augen des Kindes aber waren peinigender als alles andere zuvor.

Sie presste die Stirn gegen das kalte Fensterglas. Kinder liefen draussen durch den Schnee. Sie riefen einander etwas zu, und durch ihr Lachen hindurch klang die Vorfreude auf das kommende Weihnachtsfest. Dann verschwanden sie, und es wurde wieder still. Nach und nach fiel ein schwacher Kerzenschein in die hereinbrechende Dunkelheit.

Hinten am Horizont lag der schwarze Wald, und hinter dem Wald stand das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, das Haus, in dem ihr Vater wohnte. Wenn man durch die Tannen ging, war man in einer guten halben Stunde dort.

Als sie die Schritte hörte, wandte sie sich um. Plötzlich stand ihr Mann neben ihr. Er hatte das Kind an der Hand. Schluchzend schlang sie die Arme um ihn, und er strich ihr übers Haar. "Komm, sagte er, "wir holen ihn...". Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Von der Dorfkirche her langen die Glocken klar durch die kalte Winterluft. Ein Vogel flog auf, und vom nachzitternden Zweig rieselte der Schnee herab.

Vegebt denen, die euch beleidigt haben

Sie schritten schneller aus. Das Kind tollte wie ausgelassen, stellte tausend übermütige Fragen, ohne die Antwort abzuwarten. Alles Schwere schien von ihm abgefallen. Der Mann und die Frau aber, sie sagten nichts. Sie hielten sich nur fest an den Händen.

Und dann sahen sie Grossvater. Er kam ihnen entgegen. Auch er ging schnell. Die Frau und der Mann blieben stehen. Sie sahen sich an. Wortlos und befreit. Das Kind lief jubelnd auf den alten Mann zu. Endlich, endlich konnten sie Weihnacht feiern.

Wer verzeiht lebt gesünder

Es ist gesund, nicht nachtragend zu sein. Verzeihen senkt den Blutdruck und hilft gegen Rückenschmerzen, Depressionen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und viele andere psychosomatische Beschwerden, berichtet der Bonner Beratungsdienst "simplify your life".

Solange man sich auf die eigene Verletzungen konzentriere, gebe man der Person, die einem verletzt habe, Macht über sich selbst. Statt lebenslänglich müsse es – bei einem solchen Problem – ein zeitliches Ende geben. Die Dauerqual, verletzt zu sein, mache Seele und Körper krank.

Es gehe nicht darum, Verletzungen stillschweigend hinzunehmen, sondern eine neue wichtige Lebenserfahrung daraus zu ziehen. Am besten sei dieses Ziel zu erreichen, wenn trotz aller Emotionen der Blick auf die Fakten nicht verloren gehe: Was ist wirklich passiert? Ist das den Ärger wert? Dann falle es leichter, das Erlebte nicht in sich hineinzufressen und vielleicht auf die Person zuzugehen.

Quellen: Ja zum Leben/simplify your life/Livenet
Autorin: Irene Plätz


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