Weihnachtsgeschichte: Ein Wunder

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Was bedeutet eigentlich Weihnachten, Papa? Luisa fragte ganz unverblümt und ihr Papa hatte keine Antwort. Er wusste nur, was es für ihn äusserlich bedeutet hatte. Viele Geschenke, viele Familienmitglieder auf Besuch und manchmal auch viel Streit, weil seine Frau oft zu viel ausgab und er selber der Sparsamkeit, ja vielleicht sogar dem Geiz verfallen war. Luisa liess nicht locker. Papa, fragte sie nochmals, sag schon.

Papa konnte den Mund nicht öffnen. Wo war seine Spontanität geblieben? Er war ein grosser Redner, konnte als Firmenbesitzer vor 500 Mitarbeitern über die Finanzkrise referieren und lücken- und emotionslos über den drohenden Stellenabbau in seiner Firma berichten. Meist wusste er eine Antwort auf die schwierigsten ökonomischen Fragen. Jederzeit war er für eine Antwort bereit.

Doch diese Frage überforderte ihn. Ich weiss nicht genau, mein Kind, sagte er unsicher. Ich denke, Weihnachten bedeutet für uns, für einmal Zeit zu haben. Er stocke. Ja, was bedeutete eigentlich dieser Heiligabend, von dem alle Welt wusste, und doch niemand seine wahre Bedeutung richtig erkannte, oder erkennen wollte? Sogar er selber, der immer alles wissen wollte, hatte die Bedeutung aus den Augen verloren. Vielleicht, meinte Papa, ist es ein Tag, an dem man fröhlich sein soll... Aber weshalb? Luisa war traurig. Papa hatte sie wieder einmal mit eine schnellen Antwort abgewimmelt, damit er danach Zeitung lesen konnte. Stattdessen aber fragte er sich selber in seinem Innern, ja, was bedeutet Weihnachten eigentlich für mich? Ist das alles, meint Luisa, und schubste ihren Vater enttäuscht an.

Nun ja, ich glaube... und nun begann er sich wieder wage an eine Geschichte zu erinnern, die ihm damals sein Grossvater erzählt hatte. Sie handelte von einem Mann, der an Weihnachten in einem kleinen Stall geboren wurde, obwohl er ein grosser König gewesen war. Dieser Mann wählte den Beruf des Zimmermanns, obwohl er die Intelligenz eines Gelehrten hatte. Später dann begann er auch zu lehren. Er lehrte aber anders, nicht nach den üblichen konservativen Vorgaben. Er sprach von der Liebe, nicht von Fleiss und Leistung. Er sprach von Versöhnung und Barmherzigkeit untereinander, nicht von Gewinnstrategien, Bonuszahlungen und Effizienzanalysen.

Dieser Mann hatte etwas Besonderes, was alle fesselte. Es war wohl seine milde Art, die Wärme, die er ausstrahlte oder war es wohl seine Klarheit, die Transparenz, die die Leute bewunderten? Später dann starb dieser Mann am Kreuz, obwohl er nichts getan hatte. Er war zuvor zum Tod verurteilt worden, weil er eben so anders war. Unberechenbar vielleicht? Revolutionär? Schräg oder schrill? Oder einfach nur ehrlich?

Und dieser Tod hatte eine grosse Bedeutung. Dieser Mann starb, um alle Menschen aus ihrer Sünde zu befreien. Er starb am Kreuz für jeden einzelnen Menschen dieser Welt. Und so ist wohl seine Geburt, also Weihnachten, zur Stunde der Hoffnung und zur Sternstunde der Menschheit geworden. Unverrückbar als Zeichen für die grossartige Liebe und Barmherzigkeit Gottes, der seinen einzigen Sohn für die Menschen hergegeben hatte.

Genau das fiel Papa in diesem bedeutsamen Moment ein und er vergass sogleich, an seine Dividenden zu denken. Und obwohl er ein disziplinierter Mensch war, vergass er die anstehenden Kündigungsschreiben an ein Dutzend Mitarbeiter, die er seinem Personalchef leichtfertig in Auftrag geben wollte. Dieser Mann, so dachte er bei sich, nahm alle meine Schuld von mir. Und davon hatte er eigentlich genug. So viel, dass er sie als Firmenbesitzer mit einer schwierigen Vergangenheit, mit Steuerhinterziehung und einer ungerechtfertigten Gier nach Vermögen, kaum tragen konnte. Denn die Gerechtigkeit hatte keinen Zugang zu seinen Geschäftsräumen gehabt, solange er denken konnte. Fragend sah er sich in seiner noblen Villa um. Die Weihnachtslichter im grossen Garten glänzten mit den Lichtern in Nachbarsgarten um die Wette. Ihm wurde klar, dass sein Herz war vor dem wahren Licht immer geflohen war und es machte ihn traurig. Plötzlich überkam ihn ein seltsames Gefühl. Es war dieser Mann, den er nie gekannt hatte, der noch nie für ihn gearbeitet und dem er noch nie einen Lohn bezahlt hatte. Dieser Mann war damals am Kreuz für ihn gestorben. So hatte es Grossvater erzählt.

Gerührt von diesem Gedanken sah er aus dem Fenster und legte seiner Tochter die Hand zärtlich aufs Haar. Ich weiss jetzt, was Weihnachten bedeutet, sagte Papa nun mit Zittern in der Stimme. Und er erzählte ihr diese Geschichte mit einer Zärtlichkeit und Achtung, die seine Tochter von ihrem Papa nicht gekannt hatte.

Während er erzählte, wusste er, dass er die Kündigungen vergessen konnte, und dafür einen grossen Teil seines eminenten Gehalts in der Firma gerecht aufteilen würde. Er wusste auch, dass er reinen Tisch machen musste mit den Behörden, weil er Steuergelder hinterzogen hatte. Schliesslich war da auch ein Mann gewesen, der für ihn bezahlt hatte. Kein Geld der Welt konnte das jemals aufheben. Und das bedeutete Weihnachten. Mit diesem Bewusstsein drückte er seine Tochter lange und innig und liess sie spüren, dass sie ihm wichtig war. Gemeinsam begannen sie zu weinen; über die Schwere des Glücks und die Grösse dieses Wunders.

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Datum: 19.12.2008
Autor: Iris Muhl
Quelle: Jesus.ch

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