Die Löcher im Himmel

Am Rande des kleinen Städtchens , auf einer Anhöhe, stand das Haus der Familie Hasler. Keine Villa wie die andern Häuser ringsum. Aber für die Hasler-Kinder war es ein Schloss. Und sie fühlten sich wie kleine Prinzen.
Vom Frühling bis Herbst war der grosse Garten ihr Spielplatz. Im Winter aber, wenn sie nicht gerade Schlitten fuhren, blieben sie viel lieber in der Stube beim warmen Kachelofen. Obwohl Haslers eine Zentralheizung in ihr Haus hatten einbauen lassen, wurde der Kachelofen auch weiter angeheizt. Nichts konnte seine gemütliche, heimelige Wärme ersetzen. So behaupteten es jedenfalls alle in der Familie.

Doch einen noch viel grösseren Beitrag zur wohligen Atmosphäre des Hauses leistete Grossmutter Hasler, die im Hause ihres älteren Sohnes Wohnrecht besass. Das bedeutete aber kein Geduldetsein oder gar Erleiden. Die ganze Familie liebte Oma. Sie war es, die fast jeden Abend den vier Hasler-Kindern noch eine Gute-Nacht-Geschichte erzählte. Ohne Geschichte konnte keines der Kinder einschlafen. Und Oma Hasler war unerschöpflich. Woher sie nur alle diese Geschichten hatte? Viele waren wohl in ihrer eigenen Werkstatt entstanden.
Das Kalenderblatt vom1. Advent war bereits abgerissen. Früh schon brach die Nacht herein. Die Kinder sassen auf der Bank des Kachelofens, und Grossmutter erzählte. Sie erzählte von dem Stern, der den Weisen erschienen war im Morgenland. Susi, die Jüngste, rutschte von der Bank herunter und lief zum Fenster. "Vielleicht gibt es diesen Stern noch einmal, Oma!? Ich will mal nachsehen."

Doch nirgendwo am Himmel war ein Stern mit einem Schweif. Dafür stand der Himmel voll mit vielen kleinen Sternen. - "Warum sieht man eigentlich die Sterne nur in der Nacht?" fragte Susi die Grossmutter.
"Am Tage ist es viel zu hell. Da scheint ja die Sonne", lautete die Antwort. Susi war aber mit ihrem Wissensdurst noch nicht am Ende. "Wo kommt denn das Licht der Sterne her?" wollte sie wissen.

Ja, woher bekommen die Sterne ihr Licht? Aber Oma Hasler war nicht verlegen. "Gott hat seinen Engeln den Auftrag gegeben, in den Himmelsboden mit Nadeln lauter Löcher zu stechen, damit etwas Licht auf die Himmelswelt fallen kann!"
Die drei grösseren lächelten über diese Antwort der Grossmutter. Doch für Susi war das eine einleuchtende Erklärung. "Ach, schade, dass die Engel die Löcher nicht etwas grösser gemacht haben!" Es war ein richtiger Seufzer, den Susi ausstieß. Am nächsten Tag musste Frau Hasler gleich zweimal den Kopf schütteln. Was war denn nun los? Zuerst suchte sie den Stubenbesen - aber der war nirgends zu finden. Als sie dann später an die Flickarbeit ging, fehlte auch das Nadelkissen im Nähkästchen. Sie konnte sich gar nicht erklären, wo die Sachen hingekommen sein könnten.
Erst als sie ins Zimmer der beiden Jüngsten musste, löste sich das Rätsel - zumindest teilweise. Da stand doch der Stubenbesen, und oben war mit Schnur umständlich das Nadelkissen angebunden. Was sollte das bedeuten?

Als Susi mit den Geschwistern vom Schlittenfahren zurückkam, forderte die Mutter zuerst Rede und Antwort. Susi erschrak. Was sollte sie sagen? Das war doch ihr Geheimnis. Sie hatte sich fest vorgenommen, nach Einbruch der Dunkelheit hinauszuschleichen und mit dem langen Besenstiel und dem Nadelkissen noch mehr Löcher in den Himmel zu machen. Was die Engel von oben her können, das müsste ihr doch auch von unten gelingen. Und wie schön wäre es, wenn man durch mehr Sternenlöcher etwas besser in den Himmel schauen könnte!

Alle lachten über Susi, als sie schliesslich mit ihrem Plan herausrückte. Nur Oma Hasler lachte nicht. Sie nahm Susi auf den Schoss und sagte: "Weißt du, wir Menschen kommen von der Erde aus nicht an den Himmel heran. Aber Gott selbst hat ein grosses Loch in den Himmel gemacht. Durch dieses Loch hat er seinen Sohn, den Heiland zu uns auf die Erde geschickt. Wer an ihn glaubt und ihn liebhat, darf schon jetzt ein Stückchen Himmel sehen. Und einmal wird er ihm das Himmelstor aufschließen und ihn einlassen. Nicht wahr, Susi, du und ich wollen auch dazugehören!"
Susi nickte nur. Sie musste noch viel darüber nachdenken.

Diese Geschichte wurde entnommen aus dem Buch "Heut schließt er wieder auf die Tür" von Dieter und Vreni Theobald, Brunnen Verlag Giessen und Basel.

Webseite: www.theobald.ch


Autor: Dieter Theobald

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