Ein merkwürdiger Tod

Wie war das denn damals, wenn einer gekreuzigt wurde?

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Mit meinen jungen Leuten der Jungscharstunde habe ich mal einen Film über das Leben und Sterben Jesu gesehen. An der Unruhe im Saal merkte ich, dass sich die Teenager langweilten. Doch als die Stelle mit der Kreuzigung über den Bildschirm flimmerte, war es plötzlich ganz still im Saal.

Ich wurde traurig. Wie abgestumpft und oberflächlich hat doch Fernseh-und Videoaction die Kinder gemacht. Aber das ist ja klar. Herz und Augen gewöhnen sich schnell an Brutalität, wenn man sie im gemütlichen Fernsehsessel konsumiert. Und ich dachte so: "Wenn diese Kinder Augenzeugen oder gar Opfer von Brutalität wären, dann hätte diese Kreuzigungsszene eine ganz andere Gewichtung für sie. Dann gälte ein Menschenleben vielleicht mehr, als eine Figur auf der Mattscheibe."

Den Galatern wurde Jesus Christus als der Gekreuzigte vor Augen gemalt (Gal 3,1). Ich frage mich nur, wie Paulus das gemacht hat. Sicherlich war es ein geistliches Gemälde, das der ewige, Heilige Geist Gottes den Galatern vor die Augen des Herzens malte. Doch vielleicht begriffen die Menschen der damaligen Zeit die Ungeheuerlichkeit der Kreuzigung auch besser als wir im 20. Jahrhundert. Der Akt der Kreuzigung und alles Entsetzen, was sich um eine Kreuzigung damals rankte, ist uns, die wir an humanen Strafvollzug gewöhnt sind, unbekannt. Wie war das denn damals, wenn einer gekreuzigt wurde?

Es begann mit dem Urteilsspruch : "ibis at krokem" = du gehst ans Kreuz! Es gab keine Worte, die im Altertum so gefürchtet waren, wie diese drei; denn die Kreuzigung war die grausamste Hinrichtung der damaligen Zeit.

In einer Demokratie dürfen keine öffentliche Strafen vollstreckt werden, weil sie nicht gedacht sind zur Volksbelustigung oder als Schauspiel. - Doch gerade das wurde bei der öffentlichen Kreuzigung beabsichtigt. Der Verurteilte sollte öffentlich entwürdigt werden. Darum bot man die Kreuzigung einer gaffenden Menge zur Schau dar. Vor der Kreuzigung wurde der Verurteilte gefoltert. Die Folterknechte "spielten" mit dem Verurteilten. Er war der Willkür ihrer Spässe ausgesetzt. Anschließend wurde der Delinquent mit einer Peitsche bearbeitet, die so konstruiert war, dass sie grösste Schmerzen und Wunden verursacht. Die Peitsche bestand aus Lederriemen, an deren Ende Knochenstücke und Metallkugeln befestigt waren. Es kam vor, dass einige Verurteilte schon während der Folterung starben, doch talentierte Folterknechte hörten rechtzeitig auf zu peitschen.

Der Rücken des verurteilten war nur noch blutiges, durchgepflügtes Fleisch. Doch auf gerade diesem Rücken musste er den Querbalken des Kreuzes zum Hinrichtungsplatz hinaustragen. Man nahm jedoch nicht den direkten Weg, sondern machte Umwege. Zum Einen, um den Verurteilten noch länger zu quälen, zum Anderen sollte die Möglichkeit eines Justizirrtums ausgeschlossen werden. Wenn nämlich jemand etwas vorzubringen hatte, das den Verurteilten entlastete, wurde angehalten und verhandelt.

Die Kreuzigung erfolgte immer außerhalb der Stadtmauer. Das sollte bedeuten, dass der Gekreuzigte ausgeschlossen von der Gemeinschaft der Menschen war. Auf dem Ort der Hinrichtung stand schon der senkrechte Balken. Der Delinquent musste sich mit dem Querbalken auf den zerfetzten Rücken legen. Dann wurden seine Hände mit dicken, mehrkantigen Nägeln auf den Querbalken genagelt. Dann wurde er mit einem Seil nach oben, auf den senkrechten Balken gezogen. An diesem befand sich in Gesässhöhe ein kleiner Sitzpflock; zu klein, als dass man darauf sitzen könnte, aber ausreichend, das Körpergewicht aufzufangen. Dadurch wurde ein zu schneller Tod verhindert. Zum Schluss wurden die Füsse auf den senkrechten Balken genagelt. Je nach der Kraft des Gekreuzigten dauerte der Todeskampf bis zu mehreren Tagen. - Er kann sich nicht winden vor Schmerzen, er kann sich weder kratzen, noch die Fliegen vertreiben, die ihre Eier in seine Wunden legen. Mit der Zeit verrenken sich die Glieder am Oberarm und kugeln aus. Der Körper wird starr vor Schmerzen, weil sich durch die Fliegen und den Staub die Wunden entzünden. Mit schmerzentstelltem Gesicht wurde der Gekreuzigte der gaffenden Menge und den Freunden und Angehörigen zur Schau dargeboten.

In dieser Lage musste er auch seine Notdurft verrichten. So hingen sie in der orientalischen Sonne am Tag und in den bitterkalten Nächten, die im Orient oft bis an die Frostgrenze fallen. Viele wurden vor ihrem erlösenden Tod wahnsinnig vor Schmerzen. Wenn Angehörige oder Freunde die Gekreuzigten nicht Tag und Nacht bewachten, konnte es vorkommen, dass wilde Tiere sie nachts anfielen und Stücke aus ihm herausbissen.

Die Füsse des Gekreuzigten berührten nie die Erde. Sie war zu schade für einen von der Gesellschaft ausgestossenen. Die Dichter und Historiker haben das Thema Kreuzigung vermieden. Nur in billigen Kriminalromanen der damaligen Zeit kam die Kreuzigung schon mal vor. Doch dass in einem antiken Kriminalroman der Held gekreuzigt wird, ist unvorstellbar. Der Kreuzestod ist eine Schmach - denkbar ungeeignet für einen Heldentod.

Das Wort Kreuz und Kreuzigung waren in der damaligen Zeit Kraftausdrücke, die die vornehmen Leute nicht in den Mund nahmen. Das Wort vom Kreuz war etwas Unanständiges und in Verbindung mit einem Gott eine Torheit. So schreibt Paulus an die Korinther: "Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist‚s eine Gotteskraft." 1.Kor 1,18"...wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden eine Ärgernis und den Griechen eine Torheit." 1.Kor 1,23

Etwas so Unanständiges und Unerfreuliches und Grausames soll eine "frohe Botschaft" (=Evangelium) sein? Ein gekreuzigter Zimmermann soll der Retter der Menschheit sein? Er soll das Ebenbild Gottes sein und der Abglanz des göttlichen Wesens? "Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in Ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch Ihn und zu Ihm geschaffen. Er ist vor allem und es besteht alles in Ihm." Kol 1,15-17

"Er ist der Abglanz seiner (Gottes) Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe." Hebr 1,3

Die Anbetung eines Gekreuzigten war den Menschen der damaligen Zeit eine Verrücktheit. Doch der unbegreifliche Gott hat ganz andere Massstäbe, als wir Menschen. Während Menschen Bildung, Kultur, Karriere, Wohlstand, Sicherheit und Wissenschaft verehren, baut Gott auf Armut, Tod und Schmerzen.

Warum? Gott verliert nicht aus dem Auge, was wir Menschen gerne verdrängen: Die Erde ist wegen der Sünde verflucht und todgeweiht. Darum wird der König der Könige in einem Stall geboren, statt in einem Palast; darum stirbt der Schöpfer einen schmachvollen, statt heldenhaften Tod. Unsere Werte und Vorstellungen stehen Kopf. Darum kommt uns der Weg Jesu so schmachvoll, so verrückt vor. Die Verehrung eines Gekreuzigten war in Augen der Menschen damals eine Dummheit, ja, ein Skandal; - weil nämlich die Christen den gekreuzigten Zimmermann aus Nazareth dem göttlichen Kaiser und den edlen Göttern der Antike vorzogen.

Doch Gott spricht: "Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben." (1.Kor 1,19-21)

Datum: 26.03.2002
Autor: Ronald Willems

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