Wie finde ich den Sinn des Lebens?

Damit wir im Leben nicht zu kurz kommen

Ein junger Mann erschrickt, als sein Vater nach einem harten Leben plötzlich stirbt. "War das alles?", fragt er sich. Diese Frage stellen sich heute viele: Wie finde ich den Sinn des Lebens?

Die Frage nach dem wirklichen Lebenssinn stellte sich bei mir früh auf sehr starke Weise. Es war wenige Monate nach meinem 20.Geburtstag. Am Vorabend des schrecklichen Ereignisses sass ich mit meinem jüngeren Bruder im gemütlichen Wohnzimmer. Wir wussten beide, dass unser Vater ernsthaft krank geworden war und dass er seit wenigen Tagen im Spital lag. Gegen ein Uhr in der Nacht wurden wir brüsk aus dem Schlaf gerissen. Vom nahegelegenen Krankenhaus kam die eilige Nachricht, dass wir unverzüglich das Krankenzimmer unseres Vaters aufsuchen sollten. Wenige Minuten später trafen wir im Krankenhaus ein. Es war zu spät. Unser Vater war bereits tot. Ich erschrak sehr und wurde das Bild meines toten Vaters lange nicht los.

War dies alles?

Bis zu diesem Tag hatte ich mehr oder weniger unbekümmert gelebt. Der plötzliche Tod meines Vaters trieb mich um. Ich begann, über das Leben meines Vaters nachzudenken. War dies alles: Jahrzehnte in der staubigen Luft einer Textilfabrik zu arbeiten, mit einem schmalen Lohn eine neunköpfige Familie zu ernähren, mehr Entbehrungen zu erdulden als glückliche Tage zu sehen? Jedenfalls hatte ich in meiner Kindheit genug vom harten Existenzkampf meiner Eltern mitbekommen. Ich mag mich nur an wenige Tage erinnern, die vielleicht glücklich waren. Ich hatte mir vorgenommen, einmal anders zu leben. Aber wie? Die Möglichkeiten waren gering, meinem Leben den Kurs zu geben, den ich für erstrebenswert hielt. Und so lebte ich zuerst einmal von Wunschträumen. Über mehrere Jahre nährten sich meine Gefühle davon. Wirkliche Lebensperspektiven aber blieben mir fern. Ich wusste tatsächlich nicht, was der Sinn meines Lebens war, obwohl ich natürlich - wie alle andern auch - materielle und später ideelle Werte suchte, um mein Leben mit Sinn zu füllen. In mir blieb eine eigenartige Leere. Obwohl ich viele Lebensziele mit meinen Freunden teilte - wie etwa eine gute Ausbildung, berufliche Karriere, Gründung einer Familie, Wohlstand -, konnte ich mich nicht etablieren. Mein Herz blieb unruhig.

Revolution nach oben

Durch den plötzlichen Tod meines Vaters wurde ich jäh aus meinen Wunschträumen gerissen. Ich geriet in eine sehr schwierige Lebensphase, die von unsteter Suche und Flucht vor Verantwortung gekennzeichnet war. Ich konnte dem Leben keinen Sinn mehr abgewinnen, obwohl ich nach Antworten in Büchern und auch in der Philosophie suchte. Als die 68er-Generation in den Gassen der Städte ihre Forderungen nach Veränderung ausrief, fand ich eine Sicht des Lebens, die mich ansprach. Dafür, meinte ich, lohnt es sich zu leben. Die Gesellschaft muss anders werden! Weg von der Haltung des Immer-mehr-haben-Wollens. Weg von der ungerechten Verteilung der Güter und hin zu einer Völkergemeinschaft, die in gegenseitiger Achtung den Frieden herbeiführt. Eine "Revolution" war im Gange, und dafür wollte ich leben. Ich ahnte allerdings nicht, dass sich für mein Leben eine Revolution ganz anderer Art anbahnte: eine "Revolution von oben". Sie war der Anfang einer tiefschürfenden Lebensveränderung und der Anfang eines tragfähigen Lebenssinnes. Ein Jugendfreund, selbst erst Christ geworden, konfrontierte mich mit den "Gedanken" von Blaise Pascal. Noch nie hatte ich so einleuchtende, meine Lebenswirklichkeit widerspiegelnde Sätze gelesen, wie in diesem Buch. Ich fühlte mich wie auf einem Röntgenstuhl des Arztes. Die Wucht der biblischen Wahrheit traf mich von Tag zu Tag stärker. Ich spürte die Echtheit der Fragen und Antworten, ahnte ihre Kraft der Veränderung und begann, mein Herz für das Wort Gottes zu öffnen. "Solange ein Mensch nicht weiss, woher er kommt, so weiss er auch nicht, wohin er geht." So etwa lautet einer der Merksätze des Mathematikers Pascal. Darin muss die Antwort nach dem Sinn des Lebens liegen. Ich empfand es so und fing an, in dieser Richtung zu suchen.

Wettlauf mit der Zeit

Die Ideale, nach denen ich strebte, traten in den Hintergrund meines Lebens. Für mich wurde jetzt wichtig, wie Gott sich mein Leben gedacht hat und was von Gottes Sicht her wichtig ist für mein Leben. Ich ahnte auch, dass ich nicht nur bis zum Tod denken durfte, sondern, dass es oft entscheidend ist für unser aller Leben, sein "Zelt" hinter dieser Linie - bei Gott - aufgeschlagen zu haben. Wer sich von Gott angenommen und als sein Eigentum weiss, der gewinnt eine ganz andere Sicht des Lebens. Selbst Widerwärtigkeiten, Entbehrungen, Leiden, Schmerz oder Tod sind dann nicht das Letzte. Hinter dem ganzen Leben steht die Wirklichkeit Gottes. Ob es der Einzelne auch weiss oder nicht. Wer allerdings nur an irdisches Leben denkt und meint, dass mit dem Tod alles endet, der kann letzten Endes nur versuchen, dem Leben soviel Glück wie möglich abzugewinnen. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, denn wer weiss wirklich, wie lange er leben kann? Und sind denn die Errungenschaften eines Lebens wirklich in der Lage, die wichtigste Lebensfrage zu beantworten?

Kein Leben sinnlos

Plötzlich wurde mir eine Stelle im Neuen Testament kristallklar: "Und Christus ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist." (2. Korintherbrief 5,15) Wenn man dieses Wort ernsthaft bedenkt und befolgt, so kommt es nicht so sehr darauf an, wie lange man lebt, wie freud- oder leidvoll sich das Leben gestaltet, sondern ob es aus Liebe zu Gott für seine Sache hingegeben ist. Selbst das Leben von Menschen ist sinnvoll, die behindert, gebrechlich oder aus anderen Gründen nicht mehr in der Lage sind, Gott und den Menschen praktisch zu dienen. Der Sinn des Lebens liegt ganz und gar nicht in der Leistung, die wir erbringen können. Er liegt schlicht darin, dass Gott uns liebt, seinen Weg mit uns geht, uns den Blick für seine ewige Welt schärft und uns jetzt schon in Christus Anteil an seiner Welt gegeben hat. "Der tiefste Sinn des Leides ist, dass es Raum schafft für Gott", sagte Dora Rappard. In Gottes Augen ist kein Leben sinnlos; alles Leben hat in Gott seinen Ursprung und findet in ihm seine Erfüllung.

Gott hatte seine Hand auf meine Schulter gelegt. Ihm zu dienen, ist der Sinn meines Lebens geworden. Das meine ich, wenn ich anfänglich von der "Revolution von oben" sprach. Gottes freundliches Schauen auf mich hat mich verändert und mir den wahren Sinn des Lebens aufgeschlossen. Gottes Wirken und die daraus kommende eigene Wandlung sind Voraussetzungen dafür, dass Veränderung, und sei sie im Kleinen, möglich ist.

Den Horizont weiten

Es sind unendlich viele Anschauungen und Dinge entstanden, die uns den Sinn des Lebens anbieten. So gibt es zum Beispiel eine Unzahl von religiösen Formen und esoterischen Praktiken, die ein gesundes und harmonisches Leben versprechen. Auch lassen sich genügend andere Werte finden wie Beruf, Familie, Karriere, Sport, Freizeit, Hobby, die ein Leben ganz in Beschlag nehmen können. Eines ist aber bei allem gleich geblieben: Was uns als erstrebenswert vor Augen gemalt wird, spricht immer eine ungestillte Sehnsucht in uns an. Manchmal ist es auch das Gefühl, im Leben zu kurz zu kommen. Man sieht nur darauf, was der andere hat. Dies entspricht einem sehr verkürzten Lebenssinn. Der Umgang mit Gott weitet den Horizont und schärft den Blick für den Nächsten. Plötzlich scheint es möglich, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und so zu entdecken, was der andere gerade braucht. Es ist nicht etwa so, dass wir dabei leer ausgehen. "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen", sagt Jesus. Und: "Wer sein Leben findet, der wird's verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden."

Datum: 28.03.2002
Autor: Victor Winteler
Quelle: Chrischona Magazin

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