Volksmusikstar Angela Wiedl

«Der Glaube ist mein Lebenselixier»

Angela Wiedl ist seit Jahrzehnten erfolgreiche Volksmusikerin. Aktuell ist sie mit Patrick Lindner auf Tournee. Ihre Lieder handeln oft von ihrem Glauben. 2005 ist Wiedls Tochter gestorben. Dem christliche Medienmagazin Pro erzählt sie, wie sie aus diesem schweren Schicksalsschlag Dankbarkeit entwickeln konnte und warum ihre Grossmutter ihr ein Glaubensvorbild war.

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Angela Wiedl
Pro Medienmagazin: Aus Ihren Liedern kann der Hörer entnehmen, dass Sie auch die Schöpfung geniessen und eine Naturfreundin sind. Inwieweit begegnen Sie Gott in der Natur?
Angela Wiedl: Absolut, ich bin eine Naturfreundin. Ich gehe jedes Jahr Pilze suchen. Ich freue mich unwahrscheinlich und bedanke mich für jeden Pilz, den ich finde, weil es für mich etwas ganz Grossartiges ist. Es ist wirklich ein Garten Eden. Wenn im Frühling die Blumen blühen oder das Grün der Bäume herauskommt, die Vögel zwitschern, das ist so herrlich. Das ist ein wunderschönes Zusammenspiel. Ich geniesse es wirklich, auch einen Sonnenaufgang oder einen Sonnenuntergang, ein rauschendes Meer, die Gezeiten. Die Welt hat so viel Schönes. Man muss nur hinschauen.

Ihr Glaube findet sich immer wieder in Ihren Liedtexten wieder. Warum bringen Sie so vieles von Ihrem Glauben in Ihre Lieder?
Meine Grossmutter war eine sehr gläubige Frau. Sie hatte ein absolutes Gottvertrauen, war immer ein zufriedener und liebevoller Mensch – auch in den schwersten Zeiten. Sie hat selber zwei Kinder früh verloren. Aber den Glauben hat sie nie verloren. Sie hat immer gesagt, der Glaube ist ihre Kraft, aus der sie schöpfen kann. Genauso ist es bei mir. Für mich ist der Glaube der Grundstein, das Lebenselixier für mein Leben. Ohne meinen Glauben könnte ich nicht existieren.

2005 ist Ihre Tochter gestorben. Wie sind Sie mit diesem Schicksalsschlag umgegangen?
Angelina ist nur fünf Jahre alt geworden. Trotzdem konnte ich eine Dankbarkeit entwickeln, dass ich dieses Kind überhaupt hatte und sie bei mir war. Ich bin also nicht an dem verzagt, sondern dankbar dafür, dass ich mein Kind haben durfte. Und ich lege auch meine Hand in die Hand Gottes, das heisst, ich vertraue auf ihn, egal was er macht oder welchen Weg ich gehen soll. Ich weiss zwar nicht immer, warum, und die Frage nach dem Warum wird er nicht beantworten, aber ich habe ein Gottvertrauen.

So versuchen Sie, auch nach dem Vorbild Ihrer Grossmutter, in schlimmen Zeiten an der Liebe festzuhalten?
Ja, und auch zu sehen, was ich überhaupt habe. Eine Familie, die ich sehr gut gekannt habe, hat bei einem Autounfall ihre Tochter von 27 Jahren verloren. Die Familie ist fast daran zerbrochen. Die haben zu mir gesagt, als mein Kind gestorben ist: «Du wirst kein schönes Weihnachten, kein schönes Ostern mehr haben. Der Tag ist schon grausam, wenn du aufstehst.» Ich habe für mich gedacht, das möchte ich nicht sein. Ich hatte dieses wunderbare Kind und ich bin sehr dankbar dafür. Andere haben überhaupt keine Kinder. Diese Familie hat nicht mehr gesehen, dass sie einen Sohn, Enkel und sich selbst noch hatten, und dass sie ihre Tochter 27 Jahre begleiten durften. Es kommt immer auf die Sichtweise an.

Sie sind mit 45 Jahren noch einmal Mutter geworden. In einem Interview haben Sie Ihre Tochter Gina als «Gottesgeschenk» bezeichnet.
Ja. Mein jetziger Mann und ich sind sehr, sehr glücklich und haben ein ganz liebes Töchterlein. Es gibt einfach nichts Schöneres. Wir haben es wirklich dem lieben Gott überlassen, ob wir noch ein Kind bekommen oder nicht.

In dem Lied «Mama Theresa» besingen Sie die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa. Was beeindruckt Sie an dieser Frau?
Ich habe Mutter Teresa 1993 persönlich kennengelernt. Ich war selber in Kalkutta und habe mit ihr einen ganzen Tag verbringen dürfen. Es war so bewundernswert. Da stand eine ganz kleine Frau vor mir, ungefähr 1,40 Meter, also wirklich sehr klein. Ich habe gemerkt, an ihren Händen gesehen, dass die Frau wahnsinnig viel in ihrem Leben gearbeitet hat. Aber von ihr ging eine Ausstrahlung aus, eine Aura und eine Liebenswürdigkeit, eine Liebe für alle Menschen und für alles, was existiert. Das war unglaublich. Das war so beeindruckend und bewegend für mich. Nur die Kleider, die sie an ihrem Leib getragen hat, waren ihr Eigentum, ansonsten hatte sie nichts. Sie war nur für die Menschen, für ihr Wohl, für die Ärmsten der Armen da. Es ist gewaltig, was diese Frau weltweit geschaffen hat, nicht nur in Indien, sondern auch in Deutschland, überall auf der Welt hat sie ihre Stationen errichtet. Alle Einnahmen des Liedes «Mama Theresa» gingen und gehen auch heute noch nach Kalkutta zu den Missionarinnen der Nächstenliebe.

Sie treten immer wieder in Kirchen auf. Warum zieht es Sie wiederholt dort hin?
Der Beruf des Sängers hat die Aufgabe, die Menschen in ihrer Freude und in ihrem Leid zu begleiten. So sehe ich meine Aufgabe. In Kirchen ist es wunderschön, man ist den Menschen sehr, sehr nahe und kann ihnen wirklich eine Botschaft übermitteln. Die Leute, die in meine Kirchenkonzerte kommen, gehen mit Hoffnung und sehr krafterfüllt wieder nach Hause. Das wird mir von den Zuhörern immer wieder bestätigt.

Für Ihr aktuelles Doppelalbum haben Sie das Lied «So nimm denn meine Hände» als Titelsong ausgewählt. Haben Sie ein Lieblingskirchenlied?
Alte Kirchenlieder liegen mir sehr am Herzen. Mich bewegt «Von guten Mächten wunderbar geborgen». Dietrich Bonhoeffer hat das Lied quasi in der letzten Stunde seines Lebens geschrieben, aber er hat die Hoffnung nie verloren. Er hat wirklich gewusst, dass er zu jeder Zeit behütet ist. Das ist ein unwahrscheinlich schönes Gefühl. Das kann man immer wieder in der Bibel nachlesen, dass Menschen, die im Glauben stehen, auch in ihren schwersten, schlimmsten Stunde nie die Hoffnung verloren haben.

«So nimm denn meine Hände» ist bei Ralph Siegel/Jupiter Records erschienen. Mit ihm verbindet Sie eine enge Beziehung. Stimmt es, dass er Sie nach dem Tod Ihrer Tochter wieder zum Singen gebracht hat?
Natürlich. Ralph Siegel und ich kennen uns schon 25 Jahre und wir sind wirklich sehr gut befreundet, sind gegenseitig auf Familienfesten. Er hat sich nach dem Tod meiner Tochter sehr oft bei mir gemeldet. Er hat wirklich immer an mir festgehalten und das ist in der heutigen Zeit ein grosses Glück, dass jemand wie ein Ralph Siegel ein so grosses Herz hat und Mut beweist.

Als meine Tochter gestorben ist, sind uns die Leute in unserem Wohnort erst einmal aus dem Weg gegangen. Sie haben sich nicht mehr getraut, mich anzureden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich zu den Leuten gegangen bin und mich ganz herzlich für die Kondolenzen am Grab meiner Tochter und die Blumen bedankt habe. Damit war das Eis gebrochen.

Als ich nach dem Tod meiner Tochter in den Kirchen gesungen habe, konnte ich den Menschen wirklich alles geben, was in meinen Emotionen und in meiner Stimme war. Was ich nicht ertragen konnte, war der Applaus danach. Die Trauer, der Applaus und die Freude: Das hängt so nah zusammen. Nach dem Applaus bin ich in Sakristei gegangen und musste mich wirklich ausweinen, weil es noch so weh getan hat. Ich weiss, was es heisst, wenn jemand sagt, er hat einen Herzschmerz, das tut so weh. Du meinst wirklich, das Herz zerreisst dir.

Sie wuchsen in einer musikalischen Familie auf, Ihr Vater ist ein bekannter Jodler und Ihr Bruder Opernsänger. Welchen Einfluss hatte dieses musikalische Umfeld auf Sie?
Mein Vater und meine Mutter waren beide auf Tournee unterwegs, meine Mutter ist auch Sängerin. Als Kind habe ich schon früh meine Eltern imitieren wollen. Meine Eltern haben das entdeckt und haben das bei mir und meinem Bruder gefördert. Als ich zwölf Jahre alt war, bin ich mit meinem Papa zusammen als Jodler-Paar auf Tournee nach Mexiko gegangen.

Was ist der Unterschied zwischen Jodeln und Singen? Was macht Ihnen mehr Spass?
Beim Jodeln geht der Kehlkopf auf und ab und beim Singen soll er ruhig liegen. Es macht mir beides Spass, sowohl das Singen als auch das Jodeln. Und am besten ist es, wenn man es kombinieren kann. Das Jodeln ist ja ein eine Art Urschrei.

Sie gelten mit Ihrer Vier-Oktaven-Stimme in der Welt des Schlagers als Koryphäe.
Das war eine wunderschöne Laune der Natur.

Sehen Sie Ihre Stimme als Gottesgabe?
Auf alle Fälle, ja. Ich sage immer, der liebe Gott hätte auch die Möglichkeit gehabt, mir nach dem Tod meiner Tochter die Stimme wegzunehmen, weil ich anfangs nicht mehr singen konnte. Der Hals war wirklich wie zugeschnürt und das Herz tat mir weh. Das fiel mir dann mit der Zeit wieder leichter. Ich glaube, dass das wirklich meine Aufgabe ist, für die Menschen da zu sein und zu singen.

Was wollen Sie Ihren Zuhörern mit Ihren Texten vermitteln?
Ich möchte den Zuhörern vermitteln, dass die Menschen nie aufgeben sollten. Es heisst ja: «Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.» Es wird sich immer irgendwo eine Tür öffnen, es wir immer weitergehen. Sie sollen also nie den Mut verlieren und auch nicht den Glauben.

Über die Volksmusik gibt es das Gerücht, dass die Musik etwas realitätsfern sei und meist nur ein positives Leben präsentiere. Wie sehen Sie das?
Das sehe ich nicht so. Ich sage schon, dass wir in der Volksmusik schöne, mutvolle, sehr beschwingte Lieder haben. Aber genauso hört das Publikum von uns «Das Lied vom Regenwald» (Anm. d. Red.: Lied über die Zukunft des Regenwaldes), das Lied von «Mama Theresa», «Erhalte, was Gott uns geschenkt» oder «Ein Licht im Dunkeln scheint für dich». Ich glaube, jeder Künstler oder Interpret hat in seinem Repertoire nicht nur die heiteren, beschwingten Lieder, sondern auch Balladen, nachdenkliche Lieder. Das ist in jeder Sparte der Musik zu finden.

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Datum: 07.04.2016
Autor: Martina Schubert
Quelle: PRO Medienmagazin

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