Pianist Samuel Jersak

«Mein Glaube hilft mir, alles zu überwinden»

Der Pianist, Musikproduzent und Komponist Samuel Jersak aus Berlin geriet 2010 in eine persönliche Krise, die zu einer Blockade seiner Solo-Karriere führte. 2018 zog er nach Bern in die Schweiz und brachte im Oktober sein neues Soloalbum heraus. Livenet sprach mit dem Wahlschweizer in Bern.

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Samuel Jersak
Samuel Jersak, Ihre erste CD «Journey To Sydney» erschien 2007, 2009 bereits das nächste Album «Green Land», das Platz 1 in den iTunes-Jazz-Charts erreichte und einen Impala Award gewann. Wie sah Ihr Leben in diesen Jahren aus?
Samuel Jersak:
Das Spannende ist, dass mein Leben vor der Krise nach aussen hin nicht viel anders aussah als während der Krise. Ich arbeitete im Tonstudio und als Musiker, war viel in Deutschland und auch anderen Ländern unterwegs.

2010 gerieten Sie nach sehr erfolgreichen Konzerten und CD-Produktionen in eine Schaffenskrise….
Meine Ehe geriet zunächst in eine Krise und ging dann auch in die Brüche. Ich investierte viel Energie in den Versuch, meine Ehe zu retten, was sich auch auf andere Teile meines Lebens auswirkte.

Meine damalige Frau und ich lebten eine Zeit lang getrennt und zogen dann wieder zusammen, weil wir nochmal einen Versuch miteinander wagen wollten. In dieser Zeit krempelte ich fast mein ganzes Leben um, um die Ehe zu erhalten. Irgendwann sass ich dann in meinem Arbeitszimmer und merkte, dass ich extrem einsam und traurig war. Das formulierte ich dann auch in der Paartherapie, die wir zu der Zeit machten, und die Tatsache, dass wir uns in diesem Punkt nicht begegnen konnten, führte letztlich auch dazu, dass wir uns trennten.

Als Folge daraus zog ich nach Berlin und baute ein neues Studio auf, arbeitete sehr viel für andere Künstler und sagte immer, wenn jemand mich fragte, wann denn meine nächste eigene CD erschiene, dass ich es im Hinterkopf hätte und dass sie irgendwann rauskommen würde. Tatsächlich tat ich aber gar nichts dafür, sondern verschanzte mich hinter dieser vagen Aussage.

Hat Ihnen Ihr Glaube geholfen, die künstlerische Krise zu überwinden?
Als gläubiger Mensch kann ich mein Leben gar nicht anders denken, als dass der Glaube mir hilft, alles zu überwinden. Die Krise, in der ich während und nach unserer Trennung war, erlebte ich als Chance, etwas Neues aufzubauen, mich zu befreien, mein Leben nochmal ganz anders und auch mutiger zu denken, Freundschaften und Beziehungen intensiver zu pflegen, das Leben mehr zu geniessen und es so zu gestalten, wie es mir wirklich gut tut.

Das alles hatte aber keine Auswirkung auf mein eigenes kreatives Schaffen. Meine Seele blieb da weiterhin wie verschlossen, und ich konnte mich sehr gut dahinter verstecken, dass ich für andere Künstler als Produzent sehr kreativ und auch erfolgreich war.

Meinen Glauben erlebe ich nicht so, dass er mir mal hilft und mal nicht. Er hilft mir immer – und wenn mich das Leben durch Krisen führt, gehört das auch dazu, und es leitet sich daraus auch immer die Hoffnung ab, dass Gott das Beste für mich im Sinn hat – auch wenn ich nicht oder nicht gleich in der Lage bin, es zu erkennen.

Fliessen Ihre Erfahrungen in der neuen Platte «The Melody At Night, Without You» mit ein?
Letztendlich ist die Platte eine komprimierte Verarbeitung der letzten acht bis zehn Jahre. Als ich nach Bern zog und mir hier ein neues Studio eingerichtet hatte, merkte ich, dass ich nicht länger warten kann, ein neues Album zu machen. Und mir war gleichzeitig klar, dass ich darin diese Blockade, die ich hatte, verarbeiten muss.

Der Jazzpianist Keith Jarrett überwand eine chronische Krankheit durch die Musik, nachdem er eigentlich schon dabei war, seine Karriere aufzugeben. Als Ergebnis dieser Krise veröffentlichte er ein Album: «The Melody At Night, With You».

Ich hatte das Gefühl, mich nochmal emotional in diese Einsamkeit, die ich in den letzten Jahren der Krise immer wieder erlebt hatte, begeben zu müssen, um sie ganz hinter mir zu lassen. Daraus ist dann mein Album «The Melody At Night, Without You» geworden. Konzeptionell ist es sehr ähnlich wie das Album von Keith Jarrett, weil die Musik uns letztlich beide aus einer Krise befreit hat.

Und der Sprung von Berlin nach Bern… der Liebe wegen?
Ich lernte meine jetzige Frau in Berlin kennen. Da sie aus Bern ist und schon Kinder aus ihrer alten Beziehung hat, war klar, dass wir als Paar nur dann eine Chance haben, wenn ich in die Schweiz komme.

Mein Lebenssetting hier ist komplett anders und dadurch, dass ich jetzt nicht mehr allein lebe, sondern mitten in einer Familie, ist die Zeit viel knapper und auch wertvoller. Das Erstaunliche ist, dass ich vorher meine Zeit ganz frei einteilen konnte, es aber nicht schaffte, mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Jetzt im Familiensetting sind viel mehr Dinge vorgegeben, und trotzdem habe ich die Prioritäten so gesetzt, dass ich eine neue Platte aufnehmen konnte; auch, wenn das sehr herausfordernd für mich und den Rest meiner Familie war.

Sie sind Ehemann und Papa geworden! Wie fühlt sich das für Sie an? Was bedeutet das für Sie als Mensch und Musiker?
Zu den drei Kindern, die meine Frau bereits hat, wurde uns unerwartet noch ein viertes geschenkt. Das hat uns alle zunächst sehr herausgefordert, aber dann umso mehr gefreut.

Wie sich das anfühlt, wissen alle, die bereits Eltern sind: es ist das grösste Gottesgeschenk und ein absolutes Wunder, ein Kind zu bekommen. Gleichzeitig bringt es aber am Anfang auch grosse Entbehrungen mit sich, weil da ein Mensch ist, der rund um die Uhr unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht. Als Mensch ist das ein unglaublicher Gewinn. Als Musiker kommt diese Frage zu früh, das kann ich erst in ein paar Jahren beantworten – oder meine nächsten CDs beantworten es dann vielleicht auch von selbst. Für mich als Musiker ist es vor allem eine riesengrosse Freude, zu erleben, wie so ein kleines Menschenwunder die Musik entdeckt; das macht mir grossen Spass!

Was schätzen Sie in der Schweiz am meisten?
Meine Frau und meine Familie. Und ehrlich gesagt schätze ich die Erfahrung sehr, Ausländer zu sein. Einen Ausländerausweis zu haben. Kritisch beäugt zu werden. Es gibt mir eine Vorstellung davon, wie es den Menschen geht, die fliehen müssen, auf einen anderen Kontinent, in eine andere Kultur, die mit einer Sprache und Gegebenheiten konfrontiert sind, die sie nicht verstehen.

Ich habe mich ja selber zum Umzug entschieden, ich kenne die Kultur und verstehe die Sprache. Und trotzdem kann ich besser abstrahieren, was es bedeutet, und ich wünsche mir, dass viel mehr Menschen diese Erfahrung machen. Das würde unsere Welt zum Guten verändern.

An der Schweiz schätze ich die Lebensqualität. Die Menschen, die hier leben. Die Schönheit der Natur, die immer wieder umwerfend und atemberaubend ist. Und ich bin gespannt, was hier an Arbeit und Projekten auf mich wartet. Ich würde mich wahnsinnig freuen, mit Künstlern hier in der Schweiz neue Projekte zu starten. Das ist momentan noch nicht der Fall, aber ich bin zuversichtlich, dass Gott mir die Menschen über den Weg schickt, denen ich hier mit meinem Talent Gutes tun kann.

Zu seiner Webseite:
Samuel Jersak

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Datum: 16.12.2019
Autor: Meike Ditthardt
Quelle: Livenet

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