Ohne Augenlicht viel sehen

„Ich habe ein tiefes Vertrauen zu Gott“

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Räume hören, Stimmungen spüren: Ursi Graf nach dem Gespräch.
Ursi Graf konnte wegen einer degenerierten Netzhaut von Geburt an nur Umrisse sehen und ist seit dem zehnten Lebensjahr blind. Umso intensiver lebt sie mit den anderen Sinnen – und sie hat geübt, mit dem Herzen zu sehen.

Farben, die sie als Kind schwach wahrnahm, kann sich Ursi Graf heute nicht mehr vorstellen – „aber sie haben für mich trotzdem eine Bedeutung“. Sie trägt am liebsten blaue Kleider („Orange passt nicht zu mir“) und wenn sie welche kauft, lässt sie sie von der Verkäuferin oder der Mutter daheim beschreiben, bevor sie entscheidet.

Sensibel für feinste Signale

Ursi Graf (36) nimmt Räume und Abschrankungen mit einer fast unglaublichen Präzision wahr, ohne sie zu sehen. „Wenn du in einen stillen Raum stehst und die Augen schliesst, nimmst du die Wände wahr.“ Ursi kann mehr: Sie sagt, dass der Raum, in dem wir sitzen, ein bisschen länglich tönt. Richtig, so ist er auch. Sie spürt (bei mässigem Umgebungslärm) sogar Zäune, Bauabschrankungen und Strassenpfähle, wenn sie sich konzentriert.

Dieses feine Raumempfinden könne zwar trainiert werden, sei aber auch ein Geschenk, meint Ursi. Sie erzählt ein Schlüsselerlebnis: Als sie drei Jahre alt war, bauten die Eltern die Stube des Bauernhauses um. Die Löcher im Boden konnte sie in der Dämmerung nicht mehr sehen, was ihr Angst machte. „Da sass ich im Rohbau auf dem Boden und hatte das Empfinden, als würden die Wände auf mich einstürzen. Dadurch merkte ich, dass die Wände mit mir reden – ich kann sie spüren.“ Mit der Zeit verfeinerte sich die Wahrnehmung.

„Ich höre die Strasse“

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Ursi schätzt Geländer; den Halt im Leben gibt ihr Gott.
Wenn Ursi zur Stosszeit auf dem Bahnhof umsteigt, macht sie Lärm mit ihrem Stock, um die Pendler auf sich aufmerksam zu machen. „Wenn es ruhiger ist, will ich die Umgebung hören, nicht mich. Wenn du einer Strasse entlang gehst, siehst du sie an. Ich höre sie an.“ Die Bodenmarkierungen in den Bahnhöfen sind für Ursi nicht so wichtig wie die Winkel. Wenn sie im Zürcher Hauptbahnhof ankommt, vergewissert sie sich erst des Perrons. „Wenn es sich um Gleis 9 handelt, weiss ich, welchen Winkel ich nehmen muss, um zur Rolltreppe zu gelangen, die sich auf der Höhe von Gleis 15 befindet. Ich gehe dann quer durch die Halle. In der Nähe der Rolltreppe höre ich die Leute.“ Weil die Tramhaltestelle auf dem grossen Bahnhofplatz in Basel keine Dächer mehr hat, die Schall zurückwerfen, folgt Ursi nun dort den Leitlinien am Boden. Jedenfalls ein Stück weit…

Die Sprache der Schritte

Wie nimmt Ursi Menschen wahr? „Mir ist wichtig, was mein Gegenüber denkt und wie es ihm geht. Das kannst du, wenn du jemand kennst, der Stimme sehr gut abspüren, auch dem Gang. Wenn jemand traurig ist, geht er anders, als wenn er fröhlich ist. Mit der Körperhaltung ändern sich der Klang der Stimme und die Bewegung der Füsse.“ Ursi arbeitete vor der Ausbildung am Theologisch-diakonischen Seminar TDS Aarau, die sie nächstens abschliesst, in der Lehrlingsabteilung einer Maschinenfabrik. Mit einigen der 330 Lehrlinge hatte sie näher zu tun. „Einer war völlig verdattert, als ich ihm auf den Kopf zu sagte, es gehe ihm heute offenbar nicht gut. Aufgrund des Gangs wusste ich, wer er war, und erspürte auch seine Laune. Er stimmte mir zu.“

Gegenüber ohne Fassade

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Mit dem Hightech-Gerät zum Lesen und Hören können Blinde heute besser lernen und sich informieren.
Weil sie sich in Menschen hineinhören kann, kommt Ursi Graf ihnen „rasch recht nahe“. Sie bezeichnet dies als Privileg, mit dem sie achtsam umgehen muss. „Ich sage oft: Ich bin da für dich, wenn du dich mitteilen willst.“ Die Stimme lässt Ursi manches wahrnehmen, was Gesprächspartner mit ihrer Kleidung, mit Gesten oder Lachern überspielen wollen. „Es ist, als sähe ich unter die Kleider, die den Sehenden Eindruck machen. Die Fassade lenkt mich nicht ab.“

„Was Jesus tut, sehen wir mit dem Herzen“

Erwartet Ursi Graf den Moment nach diesem Leben, bei der Auferstehung, da sie bei Jesus sein und sehen wird? „Ich freue mich darauf, die grosse Herrlichkeit zu sehen und zu erfassen. Hier sehen und spüren wir viel von Jesus – aber es sind kleine Bruchstücke. Jesus sehen wir alle nicht mit dem visuellen Auge. Was er tut, sehen wir mit dem Herzen.“ So nimmt Ursi bei Menschen, die Jesus in ihr Leben aufnehmen, ein Strahlen wahr. „Was da geschieht, siehst du nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Herzen.“

Ursi hat Jesus Christus durch ihre Grossmutter kennengelernt. Ihre Mutter ging im Spital arbeiten. „Grosi betete vor jedem Essen, egal wer am Tisch sass, und sang am Abend vor dem Einschlafen ‚Weil ich Jesu Schäflein bin’ mit mir. Am Morgen konnte ich oft unter ihre Bettdecke schlüpfen, und sie betete für den Tag. Jeden Morgen setzte sie sich hin, las im Grossen Buch und betete laut. Dies gab mir eine Riesen-Geborgenheit.“ Dass ihre Mutter den christlichen Glauben ablehnte, konnte das Mädchen nicht verstehen.

Moderne Technik – und Gedächtnis

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Der Stock genügt: Ursi reist in der ganzen Schweiz – ohne Begleiter.
In der dritten Klasse kam Ursi in ein Internat. In der Bibliothek holte sie von den 39 Bänden der Bibel in Blindenschrift einen nach dem andern und las ihn. Heute hat sie auf dem PC das gesamte Studienmaterial. Was elektronisch vorliegt, kann sie bis auf Bilder und Grafiken nutzen. Ein Spezialprogramm liest vor (Ursi kann Gesprochenes in drei- bis fünffacher Geschwindigkeit aufnehmen); der kleine Zeilenapparat setzt Text in Blindenschrift um. Wenn sie selbst vor Leuten spricht, liest sie stenografische Notizen, die sie erstellt hat, mit den Fingern ab – „sonst wäre ich viel zu langsam“. Am TDS hat sie mit Mühe das neutestamentliche Griechisch gelernt.

„Gott hat mir viele Fähigkeiten geschenkt“

Wie hat Ursi Graf ihre Sehbehinderung im Glauben verarbeitet? „Dass ich nicht wie andere Menschen sehen konnte, hat mich nicht blockiert. Ich war von klein auf so tief überzeugt, dass Gott keine Fehler macht. Gott hat sich überlegt, was er mir gibt und nimmt. Er nahm mir das Sehen, aber schenkte mir viele Fähigkeiten und ermöglichte mir, sie zu nutzen. Er schenkte mir Neugier, um herauszufinden, was alles möglich ist.“ Mühe macht ihr, dass Leute sie unterschätzen. „Immer muss ich beweisen, was ich kann.“ Aber eins ist klar: „Gott gibt die Chance, Herausforderungen anzunehmen – mit seiner Hilfe. Ich habe ein tiefes Vertrauen zu ihm.“

Teilen wie Jesus

Welche Veränderungen nimmt Ursi Graf in der Gesellschaft wahr? Dass jeder besser, schöner, schneller sein und mehr Geld auf dem Konto haben möchte, macht ihr Mühe. „Denn Jesus hat uns etwas Anderes gelehrt. Er teilte mit seinen Jüngern. Von den Fischen und Broten, die ihm gegeben wurden, nahm er nicht zuerst für sich und gab den Rest weiter. Er vermehrte die Nahrung und teilte alles mit allen. Wer sich profiliert, statt die Schwächeren zu berücksichtigen, gibt mir zu denken.“

Wie Ursi Graf Weihnachten und Silvester verbringt

Datum: 23.11.2007
Autor: Peter Schmid
Quelle: Jesus.ch

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