Christsein in Ägypten

«Gott ist ganz einfach Liebe»

Im Urlauberparadies Ägypten werden Christen als Menschen zweiter Klasse behandelt, schildert Labib, ein einheimischer Gemeindeleiter: «Wenn das Gegenüber herausfindet, dass man Christ ist, ändert sich die Stimmung umgehend!» Im Interview äussert sich Labib über Freud und Leid, die er in seiner Heimat erlebt.
Die ägyptische Hauptstadt Kairo bei Nacht, im Vordergrund der Nil (Foto: Amrbahy).
Das Stadtzentrum Kairos, der bevölkerungsreichsten Stadt Afrikas (Foto: Ayman Lotfy)
Die Pyramiden von Gize lagen einst in der Wüste, inzwischen ist die Stadt Kairo bis an die berühmte Silhouette heran gewachsen (Foto Hajor)
Schweiz und Ägypten

Im staubigen Land der Pharaonen und dem malerischen Nil, im Land der unbegrenzten Forderungen nach Bakschisch (Trinkgeld), leben je nach Quelle zwischen acht bis zwölf Millionen Christen. Und auf den ersten Blick leben diese nicht schlecht. Die Hälfte der Christen aller zweiundzwanzig arabischen Länder leben in Ägypten, sagt der christliche Gemeindeleiter Labib (Name geändert): «In unseren Kirchen dürfen wir Gott anbeten. In den Kirchen können wir tun, was wir wollen.Aber ausserhalb der Kirche ist uns nichts erlaubt.»

«Endgültige Offenbarung»

Der Islam sei für die Moslems anders als das Christentum für viele Christen. «Im Westen gehen viele Christen nur sonntags in die Kirche, und das reicht ihnen. Oder manche nur zu Weihnachten oder Ostern. Der Glaube ist nur ein kleiner Teil ihres Lebens. Für Moslems dagegen ist es ihre Identität. Sie sind sehr stolz auf ihre Religion», beschreibt Labib. Sie würden den Islam als endgültige Offenbarung Gottes sehen.

«Für sie ist es nur schwer zu verstehen, wie ein Moslem seinen Glauben verlassen kann.» Das werde nicht akzeptiert, die Familie schäme sich. Den Islam zu verlassen sei eine Schande. «Sie werden von ihrer Familie abgelehnt und verlieren ihre Arbeitsstelle. Die Nachbarn hassen sie und so weiter. Es ist ein hoher Preis zu bezahlen, wenn jemand den Islam verlässt und Christ wird.»

Menschen zweiter Klasse

«Leider heuern Moslems nicht gerne Christen an. Natürlich gibt es da Ausnahmen», schildert Labib. Aber es gebe täglich junge, hoffnungsvolle Christen, die abgelehnt würden, einzig wegen ihres Glaubens. «Es spielt keine Rolle, ob sie gut sind und welche Erfahrung sie haben. Auch gibt es Stellen, die sie nicht erreichen dürfen, etwa in Armee oder Politik.»

Auf der Identitätskarte steht, ob jemand Christ, Moslem oder Jude ist. «Nur diese drei Religionen sind bei uns anerkannt. Tatsache ist, dass viele Menschen einen plötzlich ganz anders behandeln, nachdem sie auf der Identitätskarte gesehen haben, dass man nicht Moslem ist. Manchmal erkennen sie uns aber auch schon vorher an der Kleidung, am Namen oder der Art, wie wir sprechen. Die Verfassung verlangt, dass wir gleich behandelt werden. Tatsache ist aber, dass im Alltag Christen oft zweitklassig sind.»

Im Folgenden beantwortet Labib den Fragebogen dieser Webseite:

Eine Schwäche, die Sie durch den Glauben besser in den Griff bekommen haben...

Eine der Schwächen, die wir Christen und ich selbst haben, ist, dass wir uns zu sehr fürchten, etwas zu tun, weil wir in einer islamischen Gesellschaft leben. Wir haben Angst vor Problemen und Konsequenzen, die uns treffen können, wenn wir offen leben.

Eine Stärke, die Sie durch den Glauben gewonnen haben ...
Der Glaube gab mir ein vergebendes Herz. So kann ich den Menschen vergeben, wenn sie gemein waren - gleich ob es wegen meines Glaubens oder etwas anderem war. Zu vergeben, weil Jesus uns vergeben hat, ist eine grossartige Sache und ein Segen, den man in keinem anderen Glauben findet.

Welche Eigenschaft von Gott verstehen Sie nicht?
Ich glaube, dass wir ihn nie ganz verstehen, sonst wäre er nicht mehr Gott. Ich denke da an den kleinen Jungen, der am Meer ein Loch grub. Dann brachte er Wasser vom Meer ins Loch. Da fragte sein Vater, was er tue. Da sagte der Junge: «Ich leere das Meer aus und tue es in dieses Loch.» Er ist so gross und allmächtig, ich verstehe nicht alles. Aber ich weiss um seine Begleitung durchs Leben, täglich und stündlich.

Klagen Sie Gott manchmal an?
Nein, ich glaube an seine Gnade und dass er mich und meine Familie liebt. Manchmal verstehe ich nicht, warum bestimmte Dinge geschehen. Dann sage ich: Herr, ich verstehe nicht, warum du das zulässt und warum du erlaubst, dass ich durch diese oder jene Schwierigkeit muss. Aber ich vertraue deiner allmächtigen Hand und deinen wunderbaren, beschützenden Versprechen, die ich jeden Tag in der Bibel lese.

Welche Frage möchten Sie Gott unbedingt stellen?
Wann er den Menschen in meinem Land erlaubt, ihren Glauben frei wählen zu können. Geschieht das? Für mich ist es sehr hart, meine islamischen Brüder und Schwestern und Freunde eingesperrt zu sehen, hinter diesen eisernen Gittern. Sie haben keine Möglichkeit zu denken, zu erwägen und zu wählen, was sie glauben wollen. Sie kommen als Moslems zur Welt und müssen es bleiben, bis sie sterben. Darum frage ich Gott, wann mehr Freiheit da ist, so dass sie von Jesus hören dürfen.

Ein Tipp, wie man Gebet und Bibellesen interessant gestalten kann ...
Als Christ aus dem Nahen Osten gibt es Momente, während denen alles um uns fällt, alle Unterstützung fehlt und wir auf nichts mehr hoffen können, das uns hilft oder schützt. Aber wir haben die Bibel in der Hand. Sie ist das lebendige Wort Gottes, und das ist die einzige Sicherheit und Unterstützung, die wir haben. Wenn wir in einer stressigen Situation sind, können wir jederzeit zur Bibel rennen. Oder wenn wir durch eine Krise gehen, dann lesen wir das Wort Gottes und sehen, wie oft er uns seine Liebe und seinen Schutz zusichert - nur dann, erhalten wir unsere Freude zurück.

Wie sind Sie Christ geworden?
Meine Familie war koptisch-orthodox, und ich hörte, dass Jesus mir ewiges Leben gibt, wenn ich mich zu ihm wende. Ich war da noch sehr jung, als ich mich dazu entschied, aber ich realisierte, dass es das Beste ist, wenn ich so lebe. Da war ich 14 oder 15 Jahre alt. Ich habe meinen Entscheid nie bereut.

Warum sind Sie Christ?
Ich bin Christ, weil ich glaube, dass Jesus mich frei gemacht hat, als er am Kreuz starb. Und dass er die ultimative Antwort auf meine Sünden gegeben hat. Kein Glaube und keine Ideologie auf der Welt hat mein Problem gelöst. Ich glaube, dass Jesus den wunderbarsten Plan für mein Leben hat. Ich weiss kaum, was die Zukunft bringt. Aber ich vertraue seiner Macht und Treue. Ich bin Christ, weil ich ihm seit vielen Jahren folge und er mich nie vergessen oder verlassen hat. Er hat mir nicht alles gegeben, worum ich ihn gebeten habe. Aber er hat mir in all den Jahren enorm viel Liebe und Sicherheit gegeben.

Beschreiben Sie ein spezielles Erlebnis, das Sie mit Gott gemacht haben
Oft gehe ich die Strasse runter in meiner Stadt und habe all die Fragen und Sorgen meines Herzens im Kopf. Etwa wie ich dies oder jenes tun kann mit der Familie, oder wie wir ein bestimmtes Problem lösen können. Immer wenn der Friede Gottes in mein Herz kommt, ist das dann ein solches spezielles Erlebnis. Es spielt keine Rolle, ob es laut ist oder viele Leute auf der Strasse sind oder nicht - ich lebe in einer grossen Stadt. Es ist der Moment, wenn wie eine Stimme hinter mir sagt: «Sorge dich nicht, ich kümmere mich, sorge dich nicht, ich will das Problem lösen.»

Christ zu sein heisst nicht, dass man keine Probleme mehr hat. Es kann sogar heissen, dass die Probleme dann erst beginnen. Das beste ist, wenn man nach Gott Ausschau hält und sagt: «Ich vertraue dir, ich weiss nicht was tun, aber ich entscheide mich, dir mehr zu vertrauen als der Situation.» Der Sturm kann vielleicht stark sein und er kann sich zu einem Tornado auftürmen. Und wer kann da mitten drin stehen? Aber Jesus ist stärker. Denn er hat den Tornado selbst gemacht.

Warum, denken Sie, zahlt sich ein Leben mit Jesus aus?
Ich denke da an drei Männer in der Bibel: Sadrach, Mesach und Abednego. Sie waren in ein Königreich verschleppt worden. Dort musste jeder vor einer Statue niederknien. Doch sie blieben stehen, trotz den Wachen. Sie waren schwach gegen die Übermacht. Sie vielen nicht auf die Knie, um Gott um Gnade zu bitten. Sie sagten zum König: «Er kann uns vor deiner Hand retten. Und auch wenn wir umkommen, wir bleiben Gott treu.» Gott belohnte ihre Treue.

Jesus ist es wert. Er ist der Wahre. Es ist viel Künstliches und Unechtes im Leben um uns herum. Einzig echt ist er, der uns erlöst hat. Er hat uns mit enorm viel Liebe und Vergebung überschüttet. Und er ruft uns dazu auf, sein Ebenbild zu sein. Das Leben als Christ ist jeden Augenblick jedes Opfer wert, nur um nahe bei ihm zu sein.

Was begeistert Sie am meisten an Gott?
In der Bibel findet man wunderbare Attribute für Gott. Wir sehen, dass wir es nicht mit einem normalen Charakter zu tun haben. Wir haben es mit dem liebevollsten, gnädigsten, kräftigsten und weisesten zu tun. Was mich am meisten berührt ist, dass er ganz einfach Liebe ist. Es gibt viele Ideologien und Religionen, die viel über Gott reden und schildern, wie sie ihn sehen. Aber keine sieht Gott als Liebe. Das ist der wunderbare Fakt, der die ganze Welt verändern kann, wenn die Menschen verstehen, dass Gott Liebe ist und dass er sie liebt. Und dass er sie als Individuum liebt, nicht als Gruppe oder Nation, sondern jeden persönlich.

Steckbrief

Zivilstand: Verheiratet, mehrere Kinder.
Gemeinde: Eine evangelisch Gemeinde.
Arbeit in Gemeinde: Arbeit mit jungen Ehepaaren sowie Jugendarbeit.
Hobbys: Sport und Musik.
Beruf: Reiseberater.
Wohnort: Kairo.
Herkunft: Ägypten.
Lieblingsbibelstelle: Es ist Psalm 37, Verse 23-26. David spricht davon, wie treu Gott ist und dass er selbst nie Mangel gelitten hat.» In Psalm 37,23-26 steht: «Wenn ein Mensch seinen Weg zielstrebig gehen kann, verdankt er das dem Herrn, der ihn liebt. Und wenn er einmal fällt, bleibt er nicht am Boden liegen, denn der Herr hilft ihm wieder auf. Ich bin nun ein alter Mann; doch in meinem langen Leben traf ich niemanden, der Gott liebte und dennoch von ihm verlassen wurde. Auch seine Kinder mussten nie um Brot betteln. Im Gegenteil: Immer konnte er schenken und ausleihen, und auch seine Kinder wurden von Gott gesegnet.»
Lieblingsmusik: Klassische Musik, Mozart sowie in der christlichen Musikszene Keith Green und Michael W. Smith.

Labib war auf Einladung von Open Doors in der Schweiz

Datum: 17.09.2009
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Jesus.ch

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