«Es geht um Glaubwürdigkeit»

Oliver Merz über Schwachheit im geistlichen Dienst

Aus persönlicher Betroffenheit begann Oliver Merz das Thema «Schwachheit im geistlichen Dienst» zu erforschen. Langsam näherte er sich über ein Randthema dem Kern des Evangeliums. Nun gilt es, unangenehme, aber existenzielle Fragen zu stellen.

Zoom
Oliver Merz (Bild: zvg)
Mit 19 Jahren erhielt Oliver Merz die Diagnose: Multiple Sklerose (MS). Wenige Monate zuvor hatte er sich auf ein Leben mit Jesus eingelassen. Seine ersten Glaubensschritte fielen in die Zeit, in der er sich mit seiner Krankheit auseinandersetzen musste. So waren die Themen Krankheit und Glaube von Anfang an eng miteinander verbunden.

Eine äusserst intensive Zeit

«Der Ausbruch von MS zeigte sich bei mir in starkem Ausmass», erzählt Oliver, der damals eine Lehre zum Dekorationsgestalter absolvierte. Sein Ziel war es, Grafiker zu werden. Nach monatelangen Schüben mit starken Lähmungserscheinungen und weiteren Symptomen, sowie entsprechend vielen Absenzen, ging er hinkend zur Abschlussprüfung. Mittags war er jeweils erschöpft und ging nach Hause, doch irgendwie schaffte er den Abschluss trotzdem und mit erstaunlich guten Noten.

Neben den körperlichen Strapazen rang Oliver mit Fragen. «Kurz, nachdem ich mich bewusst auf den christlichen Glauben einliess, wurde die MS diagnostiziert. Das musste ich erst einmal in Einklang bringen.» Persönliche Unsicherheiten wurden durch Argumente von Christen unterschiedlichster Glaubensrichtungen noch verstärkt. «Einige meinten, ich müsse noch unbekannte Sünde in meinem Leben haben, andere glaubten, ich würde mit einer speziellen Geisteserfahrung oder mehr Glauben gesund werden. Diese und viele andere Meinungen waren für mich irritierend und verletzend.» Seine Suche nach Antworten sollte sich jedoch zu einer spannenden Reise entwickeln.

Jahrelanges Forschen

Irritiert durch die vielen unterschiedlichen Ansichten über die Ursache von Krankheit und Heilung derselben, zog sich Oliver oft tagelang zurück und studierte die Bibel. Auch geistliche Bücher verschlang er in Mengen. Von 1993 bis 1997 besuchte er die Bibelschule in Walzenhausen. Die Diplomarbeit schrieb er über Schwachheit im geistlichen Dienst und suchte nach ersten Antworten auf seine Fragen. Später folgte weiteres Studium am Theologischen Seminar St. Chrischona, am IGW und von 2008 bis 2010 an der Universität von Südafrika (UNISA). Anschliessend folgte das Doktoratsstudium und 2015 die Promotion. So hatte sich Oliver einen Doktortitel und eine enorme Menge an theologischem, medizinischem und soziologischem Wissen zu seinem Thema erworben. Da die Thematik «Pfarrersein mit Krankheit und / oder Beeinträchtigung» kaum erforscht ist, musste Oliver mit umfangreichen Studien selbst Daten gewinnen. Er befragte Verbandsleiter, Bischöfe und Direktoren, später auch Betroffene, Angehörige und Kirchenvorstände. Er hörte dabei auch von positiven Auswirkungen von Pfarrpersonen mit Beeinträchtigung.

Nach ärztlicher Rücksprache trat er in dieser Zeit auch seine erste Pfarrstelle an und war danach rund 20 Jahre pastoral in verschiedenen Kirchen tätig.

Ein Randthema führt zum Kern des Evangeliums

«Gott ist in den Schwachen mächtig!» Auf diese Weise durchkreuzt Gott die gängige Vorstellung, dass nur leistungsstarke Personen geistlich wirksam sein können. «Aber wenden wir diese Erkenntnisse auch an?», fragt Oliver Merz. «Welchen Wert hat diese Ermutigung, wenn unsere Pfarrpersonen ständig stark sein müssen, manche an den überhöhten Erwartungen scheitern und nicht selten irgendwann ein Burnout erleiden?»

Durch solche Fragen hat Oliver oft sensible Punkte angestossen – und er wird dies wohl auch in Zukunft tun. Natürlich wird eine Person nicht etwa durch ihre Begrenzung für ein Amt qualifiziert. Genauso sollte aber auch eine reduzierte Leistungsfähigkeit einen ansonsten seelsorgerlich begabten Menschen nicht zum Vorhinein für ein Pfarramt disqualifizieren.

Fast noch mehr als in Landeskirchen stellt sich in Freikirchen die Frage nach Wirtschaftlichkeit. Um Menschen mit Begrenzungen anzustellen, braucht es pastorale Teamarbeit und hierzu sind viele Gemeinden zu klein. Es braucht «Alleskönner»!

Wozu ist die Gemeinde da?

Damit kommen wir zu einer grundlegenden Frage: Wozu ist die Gemeinde da? Geht es darum, das eine Pfarrperson möglichst viel tut und selber anbietet? Oliver ist überzeugt, dass die Kernaufgabe der Kirche darin besteht, Antwort auf die tiefsten Sinnfragen zu geben und Menschen dabei zu begleiten. Diese Antwort finden wir im Evangelium. Unsere Gesellschaft fordert Effizienz, Stärke und Leistung. Das Evangelium hingegen richtet sich besonders an Schwache, Leidende und Benachteiligte. «Wenn Schwachheit und persönliche Grenzen in der Kirche keinen Platz haben, ist sie unglaubwürdig. So kann sie kaum eine gemeinsame Heimat für Gesunde, Starke und solche mit herausfordernden Lebensumständen sein. Wo, wenn nicht in unseren christlichen Gemeinden, sollen Menschen unabhängig ihrer seelischen, körperlichen und geistigen Verfassung gleichwertig dazugehören dürfen?»

Und plötzlich geht es um Glaubwürdigkeit

«Irgendwann wurde mir klar, dass es bei dieser Frage um Glaubwürdigkeit geht.» Wie ernst ist es uns mit dem Evangelium, welches sich in ganz besonderem Masse an Ausgegrenzte und Benachteiligte richtet? Ist die Kirche in Bezug auf ihren Umgang mit Schwächen und Grenzen ein Kind ihrer Zeit oder setzt sie einen positiven Kontrastpunkt? Konkret: Fördern wir das Starke oder nehmen wir uns bedürftiger Menschen an? Gehören diese dazu oder sind sie nur dabei – wenn überhaupt? Sind sie nur Mehraufwand oder erkennen wir ihren Mehrwert und notwendigen Beitrag? Ein Pfarrer mit Beeinträchtigung mag in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt sein, hat aber genau dadurch unter Umständen einen einzigartigen Zugang zu Menschen, die eine Benachteiligung (egal welcher Art) haben. Zumindest bestätigt dies Olivers jahrelange Forschung.

Seit Jahren wird Oliver Merz regelmässig als Dozent und Referent eingeladen. Seine liebsten Themen sind «Schwachheit und geistlicher Dienst» und grundsätzlich der Umgang mit Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft. Inzwischen sind dies für ihn grundlegende Themen und tragen zur Glaubwürdigkeit der christlichen Gemeinde bei. «Diese hat die Kirche angesichts der fortschreitenden gesellschaftlichen Säkularisierung auch dringend nötig.»

Zur Webseite von Oliver Merz

Zum Thema:
Neue Wege, neue Leiter: Gemeinde braucht Veränderung
Krankheit in der Bibel: Zwölf Bibelverse über den Umgang mit Krankheit
Lebenssinn finden: «Das Leben bejahen und gestalten»

Datum: 02.04.2020
Autor: Markus Richner-Mai
Quelle: Livenet

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige

RATGEBER

Umwerfend schön sein – mal anders Wie die Bibel Schönheit definiert
Oh ja, Gott liebt Schönheit! Da braucht man nur mal einen Blick auf die Schöpfung zu werfen. Und...