Christentum im Irak

«Schlimmer als unter Saddam»

Das Christentum im Irak steht vor dem Aus: So eindringlich äusserte sich Bischof Wolfgang Huber in deutschen Medien. Er spricht von «Völkermord». Vielen Christen bleibt nur die Flucht - und manche werden auch dann noch diskriminiert.
Nele Allenberg, juristische Referentin der EKD: «Zeugen berichten, dass Christen gezwungen werden, das Land zu verlassen oder die Religion zu wechseln.»
Bischof Wolfgang Huber spricht von
Manche der irakischen Christen fliehen nach Syrien. Im Bild, eine Moschee in Syriens Hauptstadt Damaskus.
Andere irakische Christen flüchten
Für manche ist die Autobahn von Bagdad nach Ammann zur Einbahnstrasse geworden (Foto: Sheytan el-Kebir).

Was den Christen im Irak widerfahre, sei eine ethnische Säuberung, wird Bischof Wolfgang Huber in der deutschen «Tagesschau», aber auch in der «Welt» zitiert. Und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) weiter: «Der geplante Siegeszug der Freiheit wurde zu einem leidvollen Kreuzweg.» Es sei heute schlimmer als unter Saddam - und bereits unter dem «neuen Nebukadnezar» litten Christen arg. Heute finde ein Exodus statt.

Nele Allenberg, juristische Referentin der EKD, beobachtet die Flüchtlingsströme irakischer Christen: «Die meisten setzen sich nach Syrien und Jordanien ab.»

Kirchen bombardiert

Nele Allenberg zu Livenet.ch: «Zeugen berichten, dass Christen gezwungen werden, das Land zu verlassen oder die Religion zu wechseln. Sie werden entführt und gegen Lösegeld freigelassen, manchmal weisen sie Folterspuren auf oder werden tot in einem Sack vor die Haustür gelegt.» Kirchen würden bombardiert und selbst Priester entführt und getötet. Die Angreifer seien Banden und Milizen. «Der Staat ist nicht in der Lage oder nicht willens einzuschreiten.»

Irakische Christen werden in Deutschland seit Mai 2007 erleichtert als Flüchtlinge anerkannt. Nun sollen auch dank dem Bemühen deutscher Kirchen irakische Flüchtlinge - unter ihnen vorrangig Christen - aus den Nachbarstaaten des Irak Aufnahme finden. Die EKD will bei der Integration dieser Iraker helfen, zum Beispiel durch Beratung.

Christen akzeptiert

Wichtig ist laut Nele Allenberg, dass Syrien und Jordanien unterstützt werden. Diese beiden Länder trifft der Flüchtlingsstrom mit voller Wucht. «1,2 Millionen Iraker flohen nach Syrien, wo 13 Millionen Menschen leben, und 750'000 gingen nach Jordanien, das 5,5 Millionen Einwohner zählt. Das sind grosse Aufnahmeleistungen.»

EKD-Mitglieder hätten die beiden Länder besucht und von grosser Akzeptanz gesprochen. Auch wenn Syrien an seine Grenzen stosse betreffend Schule, Arbeit oder Wasserversorgung. Wichtig sei, dass die Flüchtlinge weiterwandern könnten, das schaffe Luft bei den Erstaufnehmern. Auch im Irak müsse etwas geschehen, damit die Einwohner gar nicht erst flüchten müssten - aber bis dort Frieden und Freiheit ausbreche, fliesst noch viel Wasser den Euphrat und Tigris hinunter in den Shat el-Arab und den Persischen Golf.

Christliche Irak-Flüchtlinge auch diskriminiert

Laut dem Werk «Open Doors», das sich für unterdrückte Christen einsetzt, werden christliche Irak-Flüchtlinge in Syrien zum Teil unterdrückt: «Ich habe beobachtet, wie die Formulare der Christen systematisch abgewiesen und jene der Moslems sofort gutgeheissen wurden. Dies hat sich tausendfach ereignet. Jede Familie kann ihnen eine solche Erfahrung bestätigen», wird ein Flüchtling zitiert. Ein christlicher Leiter vor Ort erklärte: «Die Angestellten des UNHCR und der Botschaften, welche die Flüchtlinge empfangen, sind Moslems. Sie wollen nichts davon hören, dass wir Christen im Irak von anderen Moslems verfolgt werden.» Diese Tatsache werde von den meisten höheren Beamten ignoriert.
    

Datum: 21.07.2008
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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