Mitten in Afghanistans Tragödie

«Die meisten Taliban sind Waisen»

Zoom
Afghanistan (Bild: Pixabay)
Afghanistan beherrscht die Schlagzeilen nicht mehr, die Lage für die Christen ist aber schwierig geblieben. John D. (Name geändert), ein Vertrauter von Frontiers, der im Land lebte, gibt einen Einblick in das Innenleben Afghanistans unter den Taliban.

Die Frage, die viele Christen im «Westen» beschäftigt: Wie geht es den Christen in Afghanistan?
John D.: Es herrscht Besorgnis. Manche glauben, dass es nur noch schlimmer wird. Es ist wichtig zu wissen, dass nach der Scharia die Todesstrafe auf Apostasie steht, was im Grunde als Verrat gilt. Für ausländische Christen ist es in Ordnung, in Afghanistan zu leben, weil sie das «Licht» des Islam noch nicht gesehen haben. Wenn man jedoch ein Muslim ist und dem Islam den Rücken kehrt und einen neuen Glauben, das Christentum, annimmt, besteht die einzige Hoffnung darin, zu widerrufen. Wenn nicht, hat man Schande über seine Familie und sein Land gebracht, was die Todesstrafe zur Folge hat. Die afghanische Kirche war schon immer eine «Untergrundkirche». Die Todesstrafe für Abtrünnigkeit war in der afghanischen Verfassung sogar während des 20-jährigen Engagements der USA in diesem Land vorgesehen. Im Jahr 2004 wurde ein Verfahren eingeleitet, aber die italienische Botschaft intervenierte und Abdul Rahman wurde nach Italien ausgeflogen. Es ist auch wichtig festzustellen, dass afghanische Christen im Allgemeinen über die Jahre hinweg am stärksten von Mitgliedern der Grossfamilie verfolgt wurden, die die Konversion als Schande für ihre Familie ansehen und deshalb den Konvertiten töten oder den Behörden ausliefern.

Kennen Sie Taliban, die Christen geworden sind, also eine Veränderung von Saulus zu Paulus?
Ich persönlich kenne keine. Ich habe ein paar Gerüchte über einige wenige gehört, und ich habe von «heimlichen» Gläubigen unter den Taliban gehört – aber das ist im Moment sehr schwierig zu verifizieren. Die normalen Taliban auf der Strasse – nicht die Führung – sind meistens Waisen aus dem russischen Krieg, der von 1979 bis 1989 dauerte. Tausende von Waisenkindern wurden nach Pakistan gebracht und in Madrassas untergebracht, wo ihnen nur der Koran und die Hadithen beigebracht wurden. Keine Wissenschaft, Mathematik oder Geschichte, nur der Koran. Ich war in Räumen mit Taliban, und sie sind sehr jung, aber sehr dunkel, wie nach einer Gehirnwäsche. Ich habe früh erkannt, dass sie von Gott in seiner Macht berührt werden müssen, damit ihnen die «Augen» geöffnet werden. Ein intellektueller Aufstieg zum Christentum ist für einen Taliban nahezu unmöglich. Beten Sie darum, dass sie im Traum vom Propheten Jesus besucht oder dass sie durch Gebete afghanischer Christen geheilt werden.

Was machen die Taliban, wenn sie auf Christen treffen?
Im Allgemeinen wird der Christ vor Gericht gestellt, das heisst, jemand, der der Taliban-Führung angehört, beruft eine Anhörung ein. Dies kann in der Wohnung oder auf der Strasse geschehen und passiert meist sehr schnell. Wenn Beweise vorgelegt werden, zum Beispiel Schriften oder Dokumente, oder ein Zeuge vorspricht, erhält der Christ in der Regel die Möglichkeit, die Konversion aufzugeben und den Islam wieder anzunehmen. Geschieht dies nicht, kann es zu Schlägen kommen, um einen Widerruf zu erzwingen, oder zum Tod. Vor einigen Jahren wurden Christen an öffentlichen Plätzen gehängt, um andere davon abzuhalten, diesen Weg einzuschlagen.

Sind alle Christen gefährdet?
Nein, diejenigen, die als Christen geboren wurden, werden nicht als «Abtrünnige» betrachtet. Was mich und meine Familie betrifft, so wurden wir bedroht und aus dem Land geworfen, aber wir wurden nicht als Abtrünnige betrachtet, da sie sagten, wir hätten das Licht des Islams nicht gesehen und es abgelehnt. Wir leben in der «Dunkelheit». Ein Abtrünniger dagegen hat das «Licht des Islam» gesehen und «das Licht» abgelehnt – das ist Apostasie und Verrat am Islamischen Staat.

Welche Möglichkeiten haben Christen heute?
Das Evangelium verkörpern, ihren Glauben in der Nächstenliebe leben, ihren Nachbarn helfen, sie zu ernähren und so weiter. Wir haben festgestellt, dass der Kontrast zwischen dem Islam und dem Christentum nicht grösser sein könnte, als die Taliban im Jahr 1994 an die Macht kamen. Der Kontrast ist ein grossartiger Lehrer und Offenbarer. Der Kontrast zwischen der Art und Weise, wie afghanische Christen sich um ihre Nachbarn kümmern und sie lieben, und der Art und Weise, wie die Taliban die Menschen behandeln, war und wird eine grosse Chance für die Evangelisierung sein. Viele afghanische Muslime, die sich zu Jesus hingezogen fühlen, werden im Stillen und in der «Nacht» nach Gläubigen suchen.

Was können Organisationen wie Frontiers tun?
Als Christen, die nicht in den Islam hineingeboren wurden, haben wir die Freiheit, Fragen zu unserem Glauben zu beantworten und unseren Glauben zu praktizieren. Wir dürfen Muslime nicht «bekehren», aber wir können Fragen beantworten und unseren Glauben verkörpern. Hungrige speisen, Kranke heilen, Frieden suchen, beten. Afghanische Muslime können den Unterschied zwischen dem Islam und den Jesus-Nachfolgern erkennen.

Steht das Volk hinter den Taliban oder macht sich Ressentiment breit?
Die Taliban haben einen grösseren Rückhalt in den ländlichen Gebieten, wo schon immer ein viel konservativerer Islam praktiziert wurde. Die afghanischen Beamten waren im Laufe der Jahre sehr korrupt. Viele Afghanen unterstützen die Taliban, weil sie den Mob und die korrupten Beamten entwaffnet haben. Das wird als gut angesehen. In den Grossstädten haben sie weniger Unterstützung, da die Freiheit in Bezug auf Bildung und Arbeitsmöglichkeiten in den letzten 20 Jahren grösser war.

Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen möchten?
Die meisten Afghanen sehen die USA und andere ausländische Nationen als christlich an. In der Vorstellung der Taliban sind die Christen in ihr Land eingedrungen. Sie kennen nur christliche Soldaten und Kämpfe. Deshalb muss ihnen der Weg Jesu vorgelebt werden, um ihnen ein anderes Verständnis davon zu vermitteln, was es bedeutet, ein Christ zu sein. Christen werden als Militär angesehen oder als Schauspieler und Musiker in Filmen und Musik, die ihre Moral zerstören. Christen sind unmoralisch, militaristisch und kolonialistisch – also eine Bedrohung. Doch das Christentum ist anders, das soll vorgelebt werden.

Zum Thema:
Jerusalem als endgültiges Ziel: Taliban sehen sich als Erfüllung islamischer Endzeitprophetie
Es begann Mitte der 90er: Anfänge und Entwicklung der Taliban in Afghanistan
Gebet für Afghanistan: Auch die Taliban liegen in Gottes Reichweite

Datum: 08.02.2022
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige

RATGEBER

Bibel Coaching Vorurteile ent-lernen
Auf unserem Lebensweg sammeln wir viele Erfahrungen. Erfahrungen helfen uns dabei, zu lernen, ein...