Zorn Gottes

Der Zorn Gottes ist die eine Seite seiner Liebe

Der Zorn Gottes steht nicht im Widerspruch zur göttlichen Liebe. Vielmehr zeigt uns das Neue Testament den Zorn Gottes als die eine Seite seiner Liebe.

Jesus hat von der menschlichen Liebe gesagt, sie müsse beides aufweisen: Recht und Barmherzigkeit (Matth. 23,23), das heisst: Sie muss die Kraft haben abzustossen und anzuziehen, vom Bösen zu scheiden und mit Gutem zu überschütten, durchgreifend zu züchtigen und grundgütig zu sein.

So zeigt uns das Neue Testament die Liebe Gottes nach beiden Seiten mächtig: Sie züchtigt und liebkost; sie hat das Mass der unerbittlichen Strenge und der grenzenlosen Güte; sie ent­fernt und zieht an sich; sie lässt lange warten und bitten und überrascht plötzlich ungebeten mit einer Überfülle.

Zorn ist nicht das Gegenteil von Liebe. Zorn ist das Gegenteil von Gnade. Zorn und Gnade gehören beide zur Liebe.

Der Zorn Gottes ist sein Widerstand gegen jede Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen (Röm. 1,18). Gott schliesst mit der Sünde niemals Frieden, sondern widersteht ihr immer mit seiner unerbittlichen Zornesmacht. Diese kann sich darin erweisen, dass sie die Men­schen in die Verlorenheit ihrer eigenen Sünde dahingibt.

Der Zorn Gottes ist die Entziehung seiner Nähe

Der 80. Psalm klagt darüber, dass Gott über den Gebeten der Gemeinde zürnt; der Psalmist bittet: Sei uns wieder gnädig, tröste uns, lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir. Ist Gott gnädig, so »leuchtet sein Angesicht«, das heisst, der Mensch erlebt den Glanz der persönlichen Nähe Gottes (Antlitz bedeutet Person). Zürnt Gott, so ist sein Antlitz abgewandt; das besagt, er entzieht seine Nähe. *

Auch im Neuen Testament bedeutet der Zorn Gottes durchweg die Entziehung seiner Nähe. Gott hat sich abgewandt; der Mensch bleibt sich selbst und den Finster­nismächten überlassen; er ist rettungslos gebunden unter die Macht des Bösen.

Jesus zeigt uns, wie es im einzelnen Men­schenleben so geht. »Und sein Herr wurde zornig und überant­wortete ihn den Peinigern ... So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen ver­gebt ...« (Matth. 18,34-35).

Der Mensch, den Gott durch seine Vergebung in seine nächste Nähe gezogen hat und der dann mit teuflischer Grausamkeit seinem Bruder seine Schuld aufdrückt, kann nicht in der Nähe Gottes bleiben: Er wird ausgestossen in die Finsternis und verfällt immer mehr dem Einfluss böser Mächte. So geht es dem einzelnen Menschen, wenn er die Grundlinien göttlicher Lebensordnung mit Füssen tritt.

Der Zorn Gottes lässt auch ganze Völker und Zeiten ihre eigenen Wege gehen

Ebenso geht es ganzen Völkern und Kulturen. Im ersten Kapitel des Römerbriefes schildert Paulus das Schicksal der damaligen Kulturvölker. »Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen ..., weil sie Gott nicht die Ehre gege­ben haben ..., hat Gott sie dahingegeben in die Begierde ihrer Herzen« (Röm. 1,18-32).

Und nun folgt ein Sittengemälde: Materialismus, Auflösung der Familienbande, unnatürliche La­ster, allgemeine Skrupellosigkeit und Hader der Parteien, eine Entseelung und Entsittlichung, wie wir sie nur zu gut kennen.

Die Kultur hört auf, die Zivilisation beginnt. Was ist Zivilisa­tion? Entgöttlichung. Woher die Entgöttlichung? Gott hat sich abgewandt. Gott hat sie dahingegeben. Das Rätsel der Wende von der Kultur zur Zivilisation liegt im Zorn Gottes.

Die Errettung vom Zorn durch die Gnade

Sind dann Völker für ewige Zeiten dahingegeben in solche Zu­stände? Nein, Gott hat sie alle beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme (Röm. 11,32).

Schliesslich zielen auch solche Wege immer auf die Wiederkehr ab. Nachdem der eigenwillige Sohn auf der untersten Stufe angelangt ist, erwacht in ihm das Heimweh. Er kehrt zurück und findet das Vaterhaus offen. Der Zorn Gottes war eben doch ein Stück Liebe, das nun am Ziel seiner Wege ist. So ist der Zorn das äusserste Mittel der uns heimsuchenden Liebe Gottes.

Nie aber hat sich etwa Pau­lus nun mit dem Gedanken beruhigt: Der Zorn werde die Men­schen schon zurückbringen, und es werde alles von selber wieder gut werden. Der Blick auf den Zorn Gottes trieb ihn vielmehr, den Menschen mit letzter Kraft das Evangelium zu bezeugen und sie für den Glauben zu gewinnen (Röm. 1,17-18; 2. Kor. 5,11).

Denn Gottes Zorn widersteht zwar der Sünde, aber er überwindet sie nicht, sondern macht sie erst recht gross und mächtig. Er scheidet nicht vom Bösen, sondern kettet noch fester daran. Darum hat sich Gottes rettende Gnade aufgemacht, und seine Gerechtigkeit** hat eingegriffen, hat alle Ver­schuldung von uns genommen und Gerechtigkeit uns verliehen, scheidet uns vom Bösen durch das Gericht über die Sünde und das Fleisch und schenkt uns ein neues Leben im Geist, wo der Zorn nicht mehr wider uns ist.

Der Zorn und die Gerechtigkeit Gottes sind beide sein aktiver Widerstand gegen die Sünde. Nur ist ihre Wirkung entgegengesetzt. Der Zorn wirft uns in die Sünde hinein und macht uns ungerecht. Die rettende Gerech­tigkeit aber reisst uns aus der Sünde heraus und macht uns gerecht.

Der »kommende Zorn«, der »Tag des Zorns« ist die grosse Endabrechnung am Schluss dieses Weltlaufs

Eine besondere Bedeutung hat der Ausdruck: der kommende Zorn (»Wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künfti­gen Zorn entrinnen werdet?« Matth. 3,7; 1. Thess. 1,10; Röm. 5,9). Es wird auch gesprochen vom Tag des Zorns, vom grossen Tag des Zorns (Röm. 2,5; Offb. 6,17).

Die alten Prophe­ten haben oft davon gesprochen. Sie meinten damit die grosse Endabrechnung am Schluss dieses Weltlaufs, in der allem gott­losen Treiben ein jähes Ende bereitet wird.

Einzelne Tage des Zorns sind jedesmal Endabrechnungen eines abgeschlossenen Stückes Geschichte

Neben diesem grossen Tag des Zorns, der die ganze Menschheit trifft, kennt die Bibel auch schon einzelne Tage des Zorns, die einzelnen Völkern gelten. Das sind die Schicksalsstunden, in denen einer gottwidrigen Entwicklung der öffentlichen Zustän­de auf einmal ein Ende bereitet wird: der Turmbau zu Babel, die Sintflut, die Zerstörung Jerusalems mit dem Exil.

Solch einen Tag des Zorns kündigt Jesus aufs neue Jerusalem und dem jüdi­schen Volk an. Von solch einem kommenden Zorn über einzelne Gemeinden sprechen die Sendschreiben der Offenbarung.

Was über den kommenden Zorn gesagt wird, gilt nie starr. Er kann auch abgewandt werden, wenn sich das Volk (seine Führer) wieder Gott zuwendet. Und das tröstliche in den prophetischen Worten von den kommenden Zornestagen mit ihren grossen Katastrophen ist der Ausblick, dass aus solchen gewaltigen Zu­sammenbrüchen ein Rest gerettet wird, der sich wieder Gott zuwendet. Dann kommt es doch wieder dazu, dass »die Barm­herzigkeit triumphiert über das Gericht.«

Nach der langen dunklen Nacht des Zornes geht das Licht der Gnade strahlend wieder auf. Aber der Zorn hatte der Gnade den Weg bereitet. Alles in allem: Die Liebe Gottes ist am Ziel ihrer Wege.

* Siehe auch den Artikel zu «Name».
** Siehe den Artikel zu «Gerechtigkeit».


Autor: Ralf Luther
Quelle: Neutestamentliches Wörterbuch

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