Der Tag mit dem Gütesiegel

"Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte." Ich sehe die Konfirmanden noch vor mir. Sie standen an der Tafel und malten gemeinsam ein Bild zu diesem Vers. Sie tuschelten und lachten. Dann traten sie beiseite und zeigten, was sie gemalt hatten: Gott lag in einem Liegestuhl unter blauem Himmel und einer grossen gelben Sonne. Direkt neben dem Liegestuhl waren ein Swimmingpool, ein Colaautomat und eine Tiefkühlbox mit Eis.

Sie hatten also an alles gedacht, was ihnen Spass machen würde am Ruhetag. Und das gönnten sie Gott auch. Eine versteckte Liebeserklärung. - Natürlich wussten wir alle, dass das nicht so ganz ernst gemeint war. Aber vielleicht hat das gemeinsame Gelächter über dieses Bild mehr vom Sinn dieses Ruhetages transportiert als manche verbissene Diskussion.

Übrigens war auf dem Bild auch klar: Shopping in irgendeinem Einkaufsparadies stand nicht auf der Hitliste der göttlichen Vergnügungen am Ruhetag. Im ursprünglichen Paradies war wohl noch nicht bekannt, dass Einkaufen mehr sein kann als die schlichte Beseitigung eines Mangels. Einkaufen als Freizeitangebot, als ultimatives Sonntagserlebnis.

Niemand kann mir erzählen, dass es irgendeine sachliche Notwendigkeit gäbe, sonntags einzukaufen. Der Run ins Kaufhaus hat wohl eher mit diesem Hunger nach ich weiss nicht was zu tun. Den kenne ich auch. Dann esse ich, meist mehr als mir gut tut. Oder ich trinke. Oder ich kaufe ein, freue mich am Gekauften - und merke: Das alles war's gar nicht. Ich habe da meine inneren Organe verwechselt. Es ist die Seele, die Hunger hat, nicht der Bauch. Und die braucht Liebe, Gespräch, ein paar Streicheleinheiten, Auslüftung. Die will ihre Flügel ausbreiten und sich über den Alltag erheben.

Gott ruhte aus von allen seinen Werken. Also darf und soll der Mensch auch ruhen. Er ist kein Sklave in der Tretmühle des Alltags und der Arbeit.

Aber das ist noch nicht alles. "Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut." Der Sonntag hat ein Gütesiegel. Da steht drauf: 'Du darfst Abstand gewinnen von deinem Tun. Du darfst zufrieden sein, auch wenn bei dir nicht alles sehr gut, wie bei Gott, und die Arbeit nicht fertig ist. Lieber unfertige Arbeit als ein fertiger, kaputter Mensch!' - Nehmen Sie das Wort "Gütesiegel" ruhig wörtlich! Sie haben einen Tag geschenkt bekommen, der Sie daran erinnern will, dass es viel Gutes, viel Güte in Ihrem Leben gibt, die Sie sich nicht zu kaufen brauchen.

Und das Grösste: "Gott segnete den siebenten Tag." Von keinem anderen Tag wird das gesagt. Auf dem Ruhetag liegt Segen. Der will ausgepackt werden wie ein Geburtstagsgeschenk. Für den gestressten Vater steckt der Segen vielleicht im ausgiebigen Frühstück mit der Familie. Für einen anderen im Spaziergang nach draussen. Oder im Hören von Musik. Irgendetwas, was einem den Staub von der Seele pustet.

Ich hingegen, ich brauche den Gottesdienst: die Hinwendung zu Gott, von dem ich so viel Zuwendung erfahre. Und ich brauche auch diese Stille am Sonntagsmorgen ohne den üblichen Morgenlärm der Autos. In der Stille steckt ein Hauch von Schöpfungmorgen. Und ein Tag, der so beginnt, soll im Kaufhaus enden oder im Stau? Mit kaputten Füssen und schmerzendem Rücken wie jeder andere Tag auch? Mir ist unser Sonntag zu schade dafür: dem Tag der Ruhe mit dem Gütesiegel.

Autor: Oda-Gebbine Holze Stäblein

Datum: 12.01.2003
Quelle: ARD

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige

RATGEBER

Berater Markus Züger Ist das, was ich tue, nachhaltig?
Bewirkt unser Handeln etwas über den Tag hinaus? Wie finde ich heraus, was für Nachhaltigkeit sorgt...