Auf Bergen ist man Gott etwas näher

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Von jeher ist der Mensch fasziniert von der Schönheit der Berge, beeindruckt von ihrer Mächtigkeit und herausgefordert, sie zu besteigen. Der weite Blick von oben in eine Landschaft majestätisch aufragender Gipfel verleiht ein Gefühl der Freiheit. Die geheimnisvolle Ruhe und Kargheit der Steinwüste schüttelt manchem die Seele, und beim Blick in gewaltige Tiefen der Felsschluchten packt ihn die Furcht. Der Mensch kommt sich sehr klein und machtlos vor. Es zieht ihn aber auch in die Stille windiger Höhen der Bergwelt – manchmal auch, um Erfahrungen mit Gott zu machen. Das „Jahr der Berge“ der Vereinten Nationen nutzen einige Kirchen deshalb, um auf die biblische Bedeutung der Berge und auf Chancen geistlicher Erlebnisse auf Bergwanderungen hinzuweisen.

„Bergwanderungen sind eine besondere Art der ‚Auszeit’. Von dem Augenblick, da der Mensch den Alltag hinter sich lässt, steigt in seinem Inneren ein Gefühl von Freiheit auf, das immer beherrschender wird, je näher das Ziel rückt. Nicht mehr die Sorgen, auch nicht das unaufhörliche ‚Ich sollte noch ...’ bestimmen sein Lebensgefühl. Die Seele weitet sich: Sie wird fähig, Freude zu empfinden, die Schönheit der Schöpfung wahrzunehmen und dafür dem Schöpfer zu danken.“ So beschreibt der Theologe Josef Pfammatter aus Sarnen in der Schweiz seine Erfahrungen in den Bergen.

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Aufstieg ist zugleich Abstieg in innere Tiefen

Ähnliches sagt Michael Albus, Theologe und Lehrbeauftragter für Medienpädagogik an der Universität Frankfurt/Main und Freiburg im Breisgau, bekannt als Autor der ZDF-Fernsehserie „Wohnungen der Götter“, über Expeditionen zu „heiligen“ Bergen. Albus war auf Vortragstour in der Reformierten Kirche Bern-Jura, die dem „Jahr der Berge“ besonders viel Raum im Kirchenjahr gibt. Natürlich glaubt Albus nicht, dass Gott nur auf den Gipfeln der Berge wohnt. Doch das Grosse, Erhabene und Hohe des Schöpfers komme darin besonders zum Ausdruck. „Berge sind auch das, was uns übersteigt“, so Albus, „sie stellen einen Punkt dar, an dem sich Himmel und Erde berühren.

Berggipfel sind Orte, an denen es höher nicht geht. Wo man dem, was uns übersteigt, am nächsten ist.“ Bergwanderungen, besonders in ganz grosser Höhe, seien eine „ganzheitliche Erfahrung“. In den Bergen werde der Mensch mit Leib und Seele gefordert. Es könne deshalb zugespitzt zu religiösen Erfahrungen kommen. In einem Interview mit dem Zürcher Kirchenboten sagte der Theologe, der – teilweise zusammen mit Reinhold Messner – viele der höchsten Berge bestiegen hat, die Bergwanderung sei auch ein Weg der Selbsterkenntnis: „Jeder Aufstieg in die Höhe ist auch ein Abstieg in meine anderen Menschen leichter. Meine eigenen Probleme, meine Fragen und Zweifel bekommen den richtigen Platz.“

Berge in der Bibel

Die Bibel könnte ein Buch über Berge sein, sagt Thomas Schweizer, Beauftragter für Tourismus der Reformierten Kirche Bern-Jura. Über 440 Mal wird das Wort im Alten und Neuen Testament verwendet. Moses, Elia, David und Jesus zogen sich regelmässig in die Berge zurück. Dort begegneten sie Engeln, hatten Visionen oder vernahmen die Stimme Gottes. Für die Hebräer aus Ägypten die Gotteserfahrung am Sinai bestimmend. Sie erhalten die Zehn Gebote und das Gesetz Mose direkt vom Berg. In der Zeit der Verunsicherung durch den Baalskult entscheidet sich das Volk, durch den Propheten Elia auf dem Berg Karmel herausgefordert, für Jahwe, den Gott der Väter. Der Tempel Salomos wurde auf dem Zionsberg erbaut. Dreimal im Jahr zieht jeder fromme Israelit nach Jerusalem in das Bergland von Judäa hinauf, um dort „das Antlitz des Herrn zu suchen“. Berge erinnern durch ihre blosse Existenz an den, der sie ins Dasein rief. Auf ihre Festigkeit nimmt der Gott Israels im Prophetenwort des Jesaja Bezug: „Selbst wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel wanken, meine Huld wird nie von dir weichen, und mein Friedensbund wird nie wanken.“

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Jesus betete auf Bergen

Jesus stieg nach anstrengenden Tagen nicht selten auf einen Berg, um sich in der einsamen Natur zu erholen und zu beten. Man denke etwa an die Gebetsnacht auf einem Berg vor der Apostelwahl oder die Ereignisse auf dem Berg der Verklärung. Aber Jesus hat nie einen „heiligen Berg“ bezeichnet. „Weder auf diesem Berg (Garizim) noch in der Jerusalem, sondern im Geist und in der Wahrheit soll Gott fortan angebetet werden“, sagt Jesus zur Frau am Jakobsbrunnen, um damit einem alten Streit zwischen Juden und Samaritern über den „richtigen“ Ort der Anbetung ein Ende zu setzen. Die wohl berühmteste Rede von Jesus ist die „Bergpredigt“, wo er das Grundgesetz für ein Gott wohlgefälligen Leben darlegte.

Predigten im Angesicht mächtiger Berge

„Bergpredigten“ führt die Kirchgemeinde Adelboden im Berner Oberland jedes Jahr im Juli durch. Adelboden ist ein schmuckes Bergdorf, stark besucht von Touristen aus aller Welt, aber auch das Zentrum einer Region mit Bergbauern. Die evangelische Pfarrerin Madeleine Stoll und ihr Kollege wechseln sich an den Sonntagen ab. Zunächst wird wie üblich zum Zehn-Uhr-Gottesdienst geläutet. Anschliessend packt Madeleine Stoll Bibel, Liederheft und Predigtnotizen in den Rucksack, zieht die Bergschuhe an und macht sich mit manchen Kirchgängern aus dem Dorf auf den Weg zu einer Bergbauernfamilie auf der Alp. Manchmal kommen der Kirchenchor oder der Posaunenchor mit. Um 14 Uhr hat sich dort ein buntes Völklein versammelt: die Bauernfamilien aus der Umgebung, Leute aus dem Dorf und zufällig vorbeiwandernde Touristen. Bei schönem Wetter können das hundert Leute sein. Für Bergbauern sei dies während den elf Wochen, in denen sie mit den Familien und ihrem Vieh auf der Alp weilen, die einzige Möglichkeit, einen Gottesdienst zu besuchen, sagt Frau Stoll. Jeden Sonntag trifft man sich auf einer andern Alp, bei regnerischem Wetter auch mal drinnen in der Scheune. Bei diesen Bergpredigten spricht sie die Anliegen der „Bergler“ direkt an. Man bleibt noch zum Imbiss mit Hobelkäse und „Nidle“ (Sahne), und oft ergibt sich ein seelsorgerliches Gespräch mit den Bauernleuten.

Berge stärken das Gottvertrauen

„Es ist schon anders, in einem solchen Gebiet Pfarrerin zu sein“, sagt Madeleine Stoll. Die Leute in Adelboden seien zäh, naturverbunden und stolz auf ihre Heimat. Vom Menschentyp her eher zurückhaltend, zeigten „Bergler“ ihre Gefühle nicht stark. Viele lebten zurückgezogen. „Wenn aber das Eis bricht, findet man hier wirklich echte Freunde.“ Für Madeleine Stoll haben die Berge eine persönliche Bedeutung erhalten. Sie stärken ihr Gottvertrauen. „Einer, der solche Berge geschaffen hat, kann auch für mich sorgen“, sagt sie. Oft wird der Berg für sie zum Symbol für Hindernisse im Leben, und sie muss an den Ausspruch von Jesus denken: „Wer Glauben hat wie ein Senfkorn, kann Berge versetzen.“ Erschreckendes im Gebirge widerfuhr der Pfarrerin im ersten Jahr ihrer Tätigkeit in Adelboden. Sie rutschte beim Bergwandern auf einem Schneefeld ab und fiel dreieinhalb Meter tief in einen Graben. Die Rettungsflugwacht brachte sie ins Spital. Diagnose: Lendenwirbelfraktur. Sie brauchte vier Monate, bis sie wieder hergestellt war.

Bergführer: Erlebnis schwer zu beschreiben

Nein, er könnte nie in den Niederlanden leben, gesteht der 49jährige Christian Schmid aus Frutigen, ebenfalls im Berner Oberland. Es gibt keinen Viertausender in den Alpen, den der Hauswart einer Schule und Bergführer nicht bestiegen hätte. Dazu kommen Fünftausender in Nepal und der Kilimandscharo in Afrika. Auf allen Gipfeln, die Rang und Namen haben in der Bergwelt, sass Schmid schon mit zuverlässigen Bergsteigerkollegen oder Gruppen, die er dort hinaufführte. Er hing auch in der berüchtigten Eiger-Nordwand oder bestieg den berühmtesten Schweizer Berg, das Matterhorn, zusammen mit seiner Frau Elisabeth. Was zieht den Christen immer wieder in die gefährlichsten Berge? Zunächst ist es für Schmid ein Naturerlebnis: Die Stille, ein Sonnenaufgang, ein Alpenglühen, die Blumen, das Wild. Das alles gibt ihm Geborgenheit und richtige Lebensfreude. Dass es hohe und steile Gipfel sein müssen, auf die er klettert, habe auch mit der Herausforderung an seine Leistung zu tun. Oben angekommen zu sein, gibt ihm tiefe Zufriedenheit, ein Glücksgefühl. „Das kann man schwer beschreiben, man muss den Berg erleben, um zu begreifen, was man dadurch bekommt“, erklärt Schmid, der seit 22 Jahren das Bergführerpatent besitzt. Das Klettern ist für ihn auch ein geistliches Sinnbild: Von Haken zu Haken hinauf, näher zu Jesus Christus, wachsen im Glaubensleben. Auf dem Berg fühlt sich Schmid Gott oft wirklich näher. Er sei offener für eine Begegnung mit Christus, motivierter zum Gebet. Da könne er wirklich still werden. Keine Ablenkung, kein Telefon. Besonders intensiv erlebt der Bergführer das Licht in den Bergen, das ihm oft Sinnbild für das erleuchtende Licht Gottes wird.

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Nicht gefährlicher als Autofahren

Hochgebirgsklettern gilt aber auch als gefährlich. Spielt man da nicht mit dem Leben? Nein, erklärt der Vater von vier Töchtern, deren älteste beiden ihn auf manchen Touren begleiten. Mit guten Vorbereitungen und dem Einhalten der wichtigsten Regeln sei das Bergsteigen nicht gefährlicher, als wenn er mit dem Auto nach Bern fahre. Natürlich bleibe immer ein Restrisiko, ein Stück weit bleibt der Berg unberechenbar. Aber da hilft ihm die Erfahrung und das Vertrauen auf Gott. Seine Bewahrung hat er auch einmal handfest erlebt. Vor zehn Jahren traf ihn der Blitz, als er über einen Grat wanderte. Der Blitz fuhr ihm in den Kopf, versengte ihm das Haar und wich über die Steigeisen an den Füssen wieder aus dem Körper. Durch ein Wunder habe er überlebt, sagt Schmid. Nur einige Brandwunden zeichneten ihn. Trotzdem kann er verstehen, dass Menschen Grenzfahrungen im Gebirge suchen. Wenn man aber richtig vorgehe, könne das Risiko herabgesetzt werden.



Autor: Fritz Herrli

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