Türkei: «Evangelisation ist ein Akt von Terrorismus»
US-Pastor Andrew Brunson, der nach 23 Jahren Arbeit in der Türkei dort seit 500 Tagen im Gefängnis sitzt, könnte eine lebenslängliche Haftstrafe drohen. Nach dem missglückten Erdogan-Sturz war er festgenommen und der «Spionage» beschuldigt worden.
Andrew Brunson
Wie Livenet mehrfach
berichtete, wurde Pastor Brunson im Oktober 2016 ohne genaue Angabe von Gründen
verhaftet, dies nach dem misslungenen Umsturzversuch gegen Präsident Recep
Tayyp Erdogan im Juli 2016. In der zweiten Jahreshälfte 2016 waren Tausende von
Journalisten, Anwälten und Lehrern ebenfalls verhaftet worden.
Kein Beweis für irgendein
Verbrechen
Letzte Woche hat ein türkisches Gericht eine 62-seitige Anklageschrift
gegen Brunson veröffentlicht. Zu den Vorwürfen gehören «Mitgliedschaft in einer
bewaffneten terroristischen Gemeinschaft» und «militärische Spionage».
Das
amerikanische Zentrum für Gesetz und Recht (ACLJ), das dem türkischen Anwalt
Brunsons zur Seite steht, teilte mit, dass die Anklage effektiv das Weitersagen
des Evangeliums zu einem terroristischen Akt erklärt. «Die Türkei hat
buchstäblich die Position eingenommen, dass Evangelisierung Terrorismus ist», erklärte die ACLJ-Expertin Cece Heil gegenüber CBN News. «Sie haben keinen
Beweis, dass Pastor Brunson irgendein Verbrechen begangen hat. Die Tatsache,
dass er Christ und speziell christlicher Pastor ist, setzen sie mit Terrorismus
gleich.»
«Unkonventionelle
Kriegsführung»
Heil
zitierte weiter: «Sie verwenden Begriffe wie 'er handelte als Agent
unkonventioneller Kriegsführung, das unter der Maske eines evangelischen
Gemeindepastors'. Zu den konkreten 'terroristischen Aktivitäten' gehören
humanitäre Hilfe, Bildung und Schulung.» Der Staatsanwalt stellt den Antrag auf
35 Jahre Gefängnis, was für den 50-Jährigen Brunson effektiv lebenslänglich
bedeuten würde.
Brunson war einer unter vielen Christen, die nach dem Umsturzversuch
gegen Erdogan 2016, der 161 Menschenleben kostete, verhaftet wurden. Vorher
hatte er 23 Jahre lang eine kleine protestantische Gemeinde in Izmir geleitet. «Präsident
Erdogan versuchte, das Land von denen zu reinigen, die nicht auf seiner Seite stehen. Das schloss natürlich viele Christen mit ein», erklärte Heil. «Pastor Brunson
war einer von denen, die im Zuge dieser Reinigung verhaftet wurden. Die meisten
der anderen christlichen Pastoren wurden deportiert, Brunson nicht.»
Politischer Spielball –
Trump setzt sich ein
«Präsident
Erdogan versuchte Ende letzten Jahres, Brunson gegen den islamischen Imam Fetulah
Gülen auszutauschen, der in Pennsylvania lebt», berichtete Heil weiter. Der
türkische Präsident glaubt, dass Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich
sei und hat mehrfach seine Auslieferung gefordert.
Präsident
Trump hat im Fall Brunson sehr engagiert gehandelt. In mehreren Gesprächen mit
Erdogan und dem türkischen Aussenminister Cavuslogu hat er die Freilassung
Brunsons gefordert. «Das ist sehr aussergewöhnlich, dass der Präsident der USA
eine solche Situation in jedem Gespräch mit der Türkei zur Sprache bringt»,
erklärte Heil. Sie hat zu intensivem Gebet für den inhaftierten Pastor aufgerufen. Eine
Petition
«Freiheit für Pastor Andrew» hat bisher über 400'000 Unterschriften erhalten. In
der Türkei kann jemand ohne konkrete Anklage bis zu sieben Jahre inhaftiert
werden.