Heilsame Offenheit

Kristen Bell: «Jetzt rede ich über meine Depression»

Die US-Schauspielerin Kristen Bell (35) ist vor allem für ihre Rolle der Veronica Mars im gleichnamigen Teenie-Krimi bekannt. Momentan schlägt ein Internet-Artikel hohe Wellen, in dem sie Stellung zu (ihren) Depressionen bezieht. Mit grosser Offenheit tritt sie dafür ein, psychische Erkrankungen nicht länger zu stigmatisieren.

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Kristen Bell
Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung. Und immer noch ist sie von Missverständnissen und Ängsten begleitet. Nur wenige reden offen über diese Krankheit. Das gilt für Schauspieler wie Kristen Bell, die gern den Schein der Schönen und Reichen aufrechterhalten. Das gilt für Sportler wie Robert Enke, der 2009 an der Spannung aus Leistungsdruck und Depressionen zerbrach. Und das gilt auch immer wieder für Menschen in Kirchen und Gemeinden, die denken, dass sie der Glaube doch eigentlich heilen sollte.

Ein offensichtliches Problem

Die bekannte Schauspielerin beginnt ihren Artikel mit dem Rat, den sie mit 18 Jahren von ihrer Mutter erhielt: «Wenn du dich einmal so fühlst, als ob du von einer dunklen Wolke verfolgt wirst, dann kannst du Hilfe bekommen. Sprich mit mir, mit einem Therapeuten oder einem Arzt. Ich will, dass du weisst, dass es diese Möglichkeiten gibt.» So wie ungefähr 20 Prozent der westlichen Bevölkerung erlebte Kristen Bell tatsächlich depressive Krisen. Was sie erlebte, waren keine leichten Verstimmungen. Sie litt unter starken Depressionen. Und sie suchte und bekam professionelle Hilfe. Allerdings hält sie fest: «Während der ersten 15 Jahre meiner Karriere sprach ich nicht öffentlich über meinen Kampf um seelische Gesundheit. Aber jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich es nicht länger geheim halten möchte.»

Kristen Bell ist in guter Gesellschaft mit ihren Problemen. Und die machen auch vor Kirchentüren nicht halt. Sie betreffen auch nicht nur Menschen, die sich erstmalig mit ihren Problemen auf den Weg zu Gott machen, um heil zu werden. Sie betreffen genauso reife Christen. Doch diese erleben oft, dass ihre Krankheit nicht erwünscht ist – jedenfalls nicht als bleibendes Problem. «Es fällt mir schwer, mit den Leuten in meiner Kirche darüber zu reden», beschreibt eine depressive Christin ihre Erfahrungen, «sie tun das Thema als Kleinigkeit ab, meinen, dass ich einfach mehr glauben und meine Hoffnung ganz auf Gott setzen müsste. Sie verstehen nicht, dass es nur mein Glaube ist, der mich überhaupt am Leben hält. Meine klinische Depression ist für sie nur ein Art Traurigkeit, doch das stimmt einfach nicht.»

Was sind eigentlich Depressionen?

Ein Teil des Problems bei Depressionen ist gerade das Mitfühlen, die Empathie. Viel zu schnell reagiert man beim Zuhören mit einem freundlichen: «Das kenne ich auch. Ich war auch schon mal traurig…» und verkennt damit völlig die Situation einer schweren psychischen Störung, denn genau das ist eine Depression: eine behandlungsbedürftige, schwere psychische Krankheit. In Kirchen und Gemeinden kommt für Depressive erschwerend hinzu, dass die Predigten von der Freude im Herrn handeln und Lieder gesungen werden, in denen der Sieg Gottes über alles Dunkle gefeiert wird. Psychische Krankheit scheint dazu nicht zu passen. Meist empfinden das nicht nur «normale» Gemeindemitglieder so, sondern auch depressive. So leben sie zusätzlich zu ihren Schwierigkeiten in einer Hölle der Angst und des Schweigens, um ihre Krankheit zu verstecken.

Wohl der Gemeinde, die depressive Menschen mitträgt, gemeinsam mit ihnen für Heilung betet, aber ihren Zustand als eine Krankheit akzeptiert, die nicht durch «mehr Glauben» zu beseitigen ist. Kristen Bell betont aus ihrer Erfahrung: «Ein psychischer Checkup sollte genauso Routine sein wie der Gang zum Arzt oder Zahnarzt. Schliesslich gehe ich zum Arzt, wenn ich stark erkältet bin. Wenn du einem Freund erzählst, dass du krank bist, wird seine erste Antwort sein 'Lass dich mal von deinem Doktor untersuchen'. Doch wenn du deinem Freund sagst, dass du depressiv bist, wird er dir den gleichen Rat viel seltener geben. Weisst du was? Darüber bin ich inzwischen hinaus.»

Mehr als gute Ratschläge

Ein erster Schritt für viele depressive Menschen ist es, dass sie ihre Depression als das sehen, was sie ist: als Krankheit, unter der viele andere auch leiden. Und die mit ihrem geistlichen Leben erst einmal gar nichts zu tun hat. Auf dieser Basis können sie professionelle Hilfe suchen: Medikamente, Therapie, Seelsorge… All dies trägt zur Heilung bei. Ein wichtiger Beitrag ist auch das, was Kristen Bell mit ihrem Artikel getan hat: der Schritt ans Licht. «Wir sind alle im 'Team Mensch' unterwegs und, um ehrlich zu sein, ist es nicht leicht in diesem Team. Es ist stressig, anstrengend und besorgniserregend, aber es ist auch erfüllend, schön und hell. Um die volle Bandbreite unseres menschlichen Teams zu erleben, müssen wir kommunizieren. Das Reden über unsere Gefühle ist der erste Schritt zur Hilfe. Depression ist ein Problem, für das es viele Lösungen gibt. Lasst uns daran arbeiten, gemeinsam Lösungen füreinander zu finden und Licht in dunkle Umstände hineinzubringen.»

Christen verstehen sich als Gemeinschaft von Gläubigen, die einander durch ihre Fähigkeiten ergänzen. Die einander tragen – auch in psychischen Problemen. Und die sich immer wieder Gottes Heil zusprechen lassen – oft genug inmitten von Erfahrungen, die diesem völlig zu widersprechen scheinen. Glaube bedeutet nicht das Wegbeten von Depressionen, er ist vielmehr die feste Zuversicht, dass «der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu» (Philipper, Kapitel 1, Verse 6).

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Datum: 26.06.2016
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Relevant Magazine

Kommentare

Ich habe selbst Erfahrungen mit Depressionen und ausserhalb von Gemeinden mindestens so viel Unverständnis erfahren wie innerhalb. So wie man als Christ bei physischen Krankheiten ganz selbstverständlich auf die Hilfe Gottes hofft und sich gleichzeitig an einen Arzt und die Medizin wendet, so kann man auch bei psychischen Krankheiten mit Gottes und fachlicher Hilfe zur Besserung kommen. Heilungserfolge liegen letztlich sowieso immer in Gottes Händen. Es gibt keinen Grund, eine Spitze gegen "naive Fromme" oder Gemeinden zu formulieren. Lernbedarf gibt es überall.
Gutes Thema. Noch dümmer ist es, wenn man es als Mitglied einer christlichen Gemeinde mit einer Angststörung zu tun bekommt. Da ist es unendlich hilfreich, wenn einem Kommentare vom Kaliber "fürchte dich nicht" etc... um die Ohren gehauen werden. Ich schleppte das Jahrelang mit mir rum. Schlussendlich landete ich damit beim Arzt. Nach einem halben Jahr medikamentöser Behandlung mit anschliessender Psychotherapie war das Thema nach gut einem Jahr im Griff. Mit christlichen Gemeinden habe ich seit gut 10 Jahren nichts mehr zu tun und vermisse auch nichts.

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