Narnia: Lebensechte Welt im Wandschrank

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Staunen: Georgie Henley, Anna Poplewell, William Moseley und Skandar Keynes (v.l.) als die vier Geschwister Pevensie.
Nach der Weltpremiere in London startet heute „Der König von Narnia“ auch in Schweizer und deutschen Kinos. Die Verfilmung des C.S. Lewis-Klassikers besticht durch einfühlsame Darsteller, verblüffende Effekte und viel Liebe zum Detail. Die im Vorfeld oft thematisierten Parallelen zum christlichen Glauben sind vorhanden, wurden aber gegenüber dem Buch leicht abgeschwächt.

Der Zweite Weltkrieg, London: Mitten in der Nacht heulen die Sirenen los, die eine Angriffswelle von deutschen Bombern ankündigen. Das dumpfe Grollen von Flugzeugmotoren erfüllt die Luft, Suchscheinwerfer durchleuchten den Himmel. Schon die Öffnungsszene zeigt, dass Krieg in den 1940ern eine sehr reale Sache war – auch für die vier Geschwister Peter, Susan, Edmund und Lucy (William Moseley, Anna Poplewell, Skandar Keynes, Georgie Henley). Um sie aus der Gefahrenzone zu bringen, werden die Kinder aus der Stadt evakuiert und im abgelegenen Landhaus des schrulligen Professor Kirke (Jim Broadbent) untergebracht. Hier entdeckt Lucy während einem Versteckspiel einen alten Wandschrank, der sich als Portal zu einer anderen Welt herausstellt: Hinter den Pelzmänteln stösst Lucy nicht etwa auf eine Rückwand, sondern befindet sich plötzlich in einem verschneiten Tannenwald, der von einer altmodischen Gaslaterne beleuchtet wird. Der ziegenfüssige Faun Tumnus (charmant: James McAvoy) erklärt Lucy, dass sie sich im Land Narnia befindet, wo es wegen der bösen Weissen Hexe (Tilda Swinton) immerzu Winter und niemals Weihnachten ist.

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Lucy (Georgie Henley) begegnet dem Faun Tumnus (James McAvoy).

Kreative Vielfalt

Die Liebe, mit der Regisseur Andrew Adamson gerade die für Narniakenner wichtige Szene zwischen Lucy und Tumnus umgesetzt hat – laut C.S. Lewis war es das Bild eines durch den Schnee stapfenden Fauns, das ihn zur Geschichte inspirierte – bleibt nicht ohne Wirkung. Das herzhafte Lachen und Staunen der 9-jährigen Lucy-Darstellerin Georgie Henley macht die fantastische Welt von Narnia erst wirklich glaubhaft. Und bei Tumnus lenken die computeranimierten Ziegenfüsse niemals von der Geschichte ab – ein Grundsatz, dem man im ganzen Film zu folgen schien. Nur im letzten Drittel der 130 Minuten wird der Erzählfluss plötzlich etwas hektisch. Das ist eigentlich schade, denn damit gehen die detailreichen Ausstattungen, augenzwinkernden Nebenhandlungen und grandiosen Landschaftsaufnahmen fast ein wenig unter. Man müsste „Narnia“ schon zwei Mal hintereinander sehen, um äusserst kreativ und liebevoll umgesetzte Vielfalt aufnehmen zu können.

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Majestätisch: Aslan, der grosse Löwe und König von Narnia.

(K)ein zahmer Löwe?

Neben den drolligen Bibern und angsteinflössend echten sprechenden Wölfen ist der Löwe Aslan wohl der Höhepunkt in der Tricktechnik des Films. Doch der majestätische König von Narnia, den C.S. Lewis immer wieder mit Jesus Christus verglich, wirkt von allen animierten Figuren am wenigsten überzeugend – zu statisch und zurückhaltend hat ihn Adamson inszeniert. Dass Aslan „kein zahmer Löwe“ ist, wie es im Film heisst, sieht man nicht sehr viel. Doch auch Aslan hat seine Momente: Beim Gang durch den nächtlichen Wald, an dessen Ende er sich stellvertretend für den Verräter Edmund an die Weisse Hexe ausliefert, wirkt er tatsächlich wie ein echter und sehr, sehr trauriger Löwe. Und die Nahaufnahmen seiner Augen, während ihn die grausamen Diener der Hexe zu Tode quälen, gehen wirklich zu Herzen.

Urzauber und Opfertod

Aslans Opfertod an Edmunds Stelle bleibt auch in der Filmversion von „Narnia“ als klare Parallele zu Jesus am Kreuz bestehen. Weitere Bezüge zum christlichen Glauben wurden jedoch abgeschwächt. Im Buch ist Aslan der Sohn des „Grossen Königs jenseits der Meere“, der zu Beginn der Welt den Urzauber von Gut und Böse über Narnia gelegt hat. In der Verfilmung ist von diesem Allmächtigen Vater aber nie die Rede. Stattdessen erklärt Aslan, dass es der Urzauber selbst sei, der Gut und Böse bestimmt und die Geschehnisse der Welt leitet. Christlich gesehen ist das nicht unbedingt falsch, aber doch recht unklar und vage.

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„Narnia“-Regisseur Andrew Adamson
Fazit: Alles in allem ist „Narnia“ ein absolut sehenswerter Film, der nicht nur spannend und sehr gut gemacht ist, sondern auch auf ausgezeichnete Weise Themen wie Schuld, Vergebung und Versöhnung aufgreift. Beachtenswert ist auch, dass Adamson konsequent auf jegliches Filmblut verzichtet, was „Narnia“ wesentlich jugendfreundlicher macht als etwa „Herr der Ringe oder „Harry Potter“. In Anbetracht der hochdramatischen Szenen erscheint die Altersfreigabe von acht Jahren (bzw. sechs in Deutschland) jedoch immer noch zu tief. Man darf hoffen, dass diesem Film Erfolg beschert ist – dann käme nämlich auch für die sechs weiteren „Chroniken von Narnia“ eine Verfilmung in Frage!

Zum Dossier:
www.narnia.jesus.ch

Datum: 08.12.2005
Autor: Jonas Bärtschi
Quelle: Jesus.ch

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