Wien

Trend zu diskreter Kirchenorientierung

Vom "religiösen Boom" und "Megatrend der Respiritualisierung" wird seit längerem gesprochen, jetzt ist auch "so etwas wie eine diskrete, noch wenig sichtbare Kirchenorientierung" beobachtbar: Der bekannte Wiener Pastoraltheologe und Religionssoziologe Paul Zulehner umschrieb als "sehr zaghafte, zögerliche Anbindung" an die Kirchen.

Diese Anbindung schlage sich nicht in einer formellen Kirchenmitgliedschaft nieder - obwohl es auch immer mehr Wiedereintritte gebe -, sondern "im Sinn einer Orientierung". Manche religiös Interessierte hätten nach langem Suchen "am freien religiösen Markt" genug davon, nur ein "eigenständiger Religionskomponist" zu sein, der "auf einer religiösen Dauerbaustelle" lebt, sondern das Gefühl: "Es lohnt sich, sich in ein altes 'Glaubenspalais' hineinzubegeben, z.B. in die katholische oder evangelische Grosskirche".

Institutionen als Entlastung für Suchende

Zulehner ortet eine zunehmende Müdigkeit, "ständig etwas erfinden zu müssen", man wolle spirituelle Erfahrung auch vorfinden können. Auch ganz "unkirchliche Leute würden sich in die uralten spirituellen Traditionen des Christentums versenken". Es werde sich zeigen, dass die Institutionen dem Suchenden auch als Entlastung dienen können. "Wenn Respiritualisierung nicht eine kulturelle Eintagsfliege sein soll, wird es auch zu einer intelligenten Re-Institutionalisierung kommen", prognostizierte Zulehner.

"Säkularität kippt in Spiritualität"

Noch in den siebziger Jahren sei man in der Soziologie davon ausgegangen, dass Gott und die Kirchen in der Welt, je moderner sie wird, immer mehr an lebensprägender Bedeutung verlieren. Zugleich ging man von der Unumkehrbarkeit der Säkularisierung aus. Die Forschung der letzten Jahre ergab jedoch nach den Worten Zulehners, "dass vor unseren Augen in einem progressiven Teil der Bevölkerung die Säkularität in Spiritualität kippt".

Die Menschen versuchten zunehmend "aus der Enge ihres eigenen, diesseitigen Gefängnisses auszubrechen", wollten sich mit der "kulturell verordneten Banalität" nicht mehr abfinden. Laut Zulehner sei diese "spirituelle Suche mit neuer Qualität" gerade in den europäischen Grossstädten in Gang gekommen. Es hätten sich spirituelle Zentren unterschiedlichster Art gebildet, es gebe entsprechende Buchhandlungen, Events, Kurse.

Kirche soll "missionarische Offensive riskieren"

Welche Konsequenzen soll die Kirche aus dieser Entwicklung ziehen? Nach Ansicht Zulehners müsste sie eine "missionarische Offensive riskieren". Statt das Augenmerk darauf zu legen, die knapper werdenden Mittel so zu kürzen, "dass wir den Betrieb aufrechterhalten können", müsste die Kirche sagen: "Wir reduzieren die Mittel für den Betrieb noch einmal auf die Hälfte, mit der anderen Hälfte machen wir offensive missionarische Projekte".

Das würde laut Zulehner jeder in die Enge getriebene Wirtschaftsbetrieb so machen, "weil er ganz genau weiss: Wenn man dauernd nur reagierend den Bestand sichert, ist das der sicherste Weg in das Ende, in den Konkurs". Eine "starke" Kirche werde auch nicht in erster Linie ängstlich darauf schauen, wie viele Mitglieder sie hat, sondern darauf, "dass sie mit möglichst vielen in einen kreativen, auch provokativen Dialog über das Evangelium eintritt".

Identität und Offenheit

Zulehner sieht dann gute Chancen auf dem offenen religiösen Markt, wenn sowohl Identität als auch Offenheit vermittelt wird: Je grösser die Diffusion ist, desto klarer müsse die Position sein - "man positioniert sich am freien Markt nicht durch ausgedünntes Sich-Anbiedern an alles Mögliche". Es gelte unverwechselbar präsent zu sein und zugleich zu signalisieren: "Wir sind so stark und so frei, dass wir jede Form der Auseinandersetzung mit uns akzeptieren".

Zulehner sieht eine breite Palette: manche würden sich der Kirche aus "diskreter, beschaulicher Ferne" zuwenden, andere sich in kirchliche Netzwerke hineinbegeben und sich dort engagieren, wieder andere zwischen Annäherung und Entfernung wechseln, so Zulehner.

Datum: 22.10.2002
Quelle: Kipa

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