Mit Medizin gegen Gewalt

Israelisches Krankenhaus behandelt auch die Feinde

Nur 35 Kilometer vor der Grenze zu Syrien steht das Ziv Medical Center, ein israelisches Krankenhaus. Hier wird jeder behandelt, egal, woher er kommt und welchen politischen Hintergrund er hat. Insbesondere schwerverletzte Syrer – offizielle Feinde Israels – werden hier behandelt, auf Kosten der israelischen Regierung.

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Rivka Ziv Medical Center
Die jüdischen Ärzte bieten nicht nur körperliche, sondern auch psychologische Hilfe, zudem können Bedürftige hier Kleidung, Zahnbürsten und andere Hygieneartikel erhalten. Zur Therapie besuchen Clowns die Kinder und es gibt sogar Lehrer, die den Kindern Unterricht geben, damit diese in der Schule nicht hinterherhinken, sobald sie das Krankenhaus wieder verlassen. 550 Syrier wurden bereits behandelt – auf Kosten der israelischen Regierung. Laut CBN-Bericht entspricht dies einer Summe von über fünf Millionen US-Dollar.

Juden, Muslime und Christen in einem Zimmer

Bereits seit Jahrzehnten bestehen keine diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Dennoch erteilte die israelische Regierung die Erlaubnis, syrische Verletzte zu behandeln. Zunächst wurde ein mobiles Krankenhaus direkt an der Grenze errichtet, das auch weiterhin dort fungiert. Doch schwerer Verletzte, die nicht direkt behandelt werden können, werden per Krankenwagen oder Hubschrauber nach Safed ins Ziv Medical Center gebracht, das mit 331 Betten ein recht kleines Krankenhaus ist. Da in jedem Zimmer vier Betten stehen, liegen häufig Juden, Muslime und Christen bunt gemischt in einem Zimmer. Auch unter den Angestellten befinden sich sowohl Juden als auch Araber.

«Mir ist egal, wer gut und wer böse ist»

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Israelische Ärzte bei einer Operation
Wenn syrische Verletzte ins Krankenhaus kommen, werden sie grundsätzlich nicht gefragt, ob sie Regierungsbeamte, Rebellen oder gar ISIS-Terroristen sind – ein Verletzter wird sofort behandelt und nicht erst befragt. Ob man also gerade einen Erzfeind behandelt, ist für keinen der Angestellten ein Thema. «Ich nehme keine politische Stellung ein», erklärt hierzu Dr. Alejandro Roisentul, Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie. «Mir ist egal, wer der Gute und wer der Böse ist. Als Ärzte und Chirurgen behandeln wir jeden Verletzten als wäre er ein israelischer Patient oder irgendein Patient mit Krankenversicherung. Sie werden operiert oder erhalten die notwendige Behandlung.» Im Anschluss bleiben die Patienten durchschnittlich zwei Wochen im Krankenhaus, manche aber auch ein bis zwei Monate, da die Behandelten durch den Konflikt nicht zurück in die Heimat und später zur Nachuntersuchung wieder nach Israel kommen können. Deshalb bleiben sie vor Ort, bis die gesamte Behandlung abgeschlossen ist.

Was im Anschluss mit den Patienten geschieht, ist unklar. «Nicht alle Patienten wollen darüber sprechen, aber einige erzählen uns, dass sie Familie in Syrien haben und deshalb zurückkehren wollen», erklärt Joseph Farris, Sozialarbeiter und Übersetzer im Krankenhaus. «Andere wollen nicht nach Syrien zurück, weil sie Angst haben. Aber letztlich wissen wir nicht, was mit ihnen geschieht, sobald die Behandlung abgeschlossen ist.»

Falsches Bild korrigieren

Obwohl der Konflikt zwischen Syrien und Israel ständig präsent ist, herrscht innerhalb der Krankenhausmauern relativer Frieden. «Bisher hat kein Patient versucht, einen Arzt oder einen Angestellten anzugreifen», berichtet Roisentul. «Vereinzelt haben sich Patienten schlecht benommen oder negative Kommentare gemacht. Aber insgesamt haben wir ein gutes Verhältnis zu ihnen. Die grosse Mehrheit ist dankbar für die Versorgung.»

Seine Hoffnung ist, dass die Syrer durch die Behandlung ihr falsches Bild vom jüdischen Volk korrigieren. «Die Syrer wachsen im Glauben auf, dass Israelis böse sind. Von klein auf flösst man ihnen ein, dass Israel der 'Grosse Satan' ist, das Schlimmste überhaupt. Deshalb wollen sie uns töten und von der Weltkarte löschen. So wachsen leider die syrischen Kinder auf. Können Sie sich da vorstellen, wie ein Mensch, der dies glaubt, plötzlich auf der anderen Seite der Grenze in einem Krankenhaus landet und dort von israelischen Ärzten behandelt wird? Es ist eine äusserst seltsame Situation für sie, aber auch für uns.» Dennoch oder vielleicht gerade deshalb arbeitet Roisentul bereits über 15 Jahre am Ziv Medical Center.

Durch Medizin gegen Gewalt

Und so ist die Hoffnung, dass der medizinische Einsatz auch positiven Einfluss auf die Gewalt zwischen den beiden Völkern haben kann. «Für sie ist Israel der Feind, aber durch die medizinische Hilfe retten wir ihre Leben – und wir hoffen, dass der Respekt, den wir ihnen damit entgegenbringen, einen Eindruck in ihnen hinterlässt. Damit sie ihre Denkweise verändern, braucht es natürlich viel mehr als ein paar Tage gute Behandlung. Aber wir hoffen, dass sie das ein wenig zum Nachdenken bringt», drückt Dr. Roisentul seine Hoffnung aus.

Laut Roisentul, der vor 26 Jahren aus Argentinien nach Israel einwanderte, haben 70 Prozent der Ärzte Syriens ihr Heimatland verlassen, so dass es derzeit kaum noch medizinisches Personal vor Ort gebe. Krankenhäuser seien bombardiert worden, so dass für viele der Weg nach Israel die einzige Überlebenschance biete.

«Israel kann nicht 'Nein' sagen»

Aufgrund der aktuellen Situation sagen viele Juden, dass die Lösung des Konflikts nicht in den Waffen, sondern vielmehr in einem besseren Dialog zwischen den Konfliktparteien liege, wie CBN berichtet. Und genau in diese Kerbe schlägt auch die Arbeit des Ziv Medical Centers. Alejandro Roisentul: «Das Volk Israel weiss, was es bedeutet, wenn die Welt einem den Rücken zudreht und niemand da ist, der einen behandelt oder einen rettet. Wenn also jemand verletzt zu uns kommt oder Hilfe braucht, kann Israel nicht 'Nein' sagen. Das ist etwas, das tief im Geist der Israelis liegt.»

Aus diesem Grund beschwert sich auch niemand darüber, dass die Regierung des Landes grosse Teile der Steuern für die Behandlung von Syrern ausgibt. Sie sehen es vielmehr als Investition in den Frieden. Dies empfindet auch der Sozialarbeiter Farris: «Wenn man inmitten dieser feindseligen Stimmung das Lächeln eines Kindes sieht oder einer anderen Person, die wir behandeln, dann gibt uns das die Kraft daran zu glauben, dass das, was wir tun, gute Früchte bringen wird.»

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Datum: 21.05.2016
Autor: Rebekka Schmidt
Quelle: Livenet / CBN

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