Hoffnung im Tschad

«Ich war ein Kind des Krieges»

Pater LéAndre Mbaydeyo ist ein Priester aus der Erzdiözese N'Djaména im Tschad. Gegenwärtig studiert er durch ein Stipendium von «Kirche in Not» in der Pfarrei Saint Ambrose in Paris. Nun spricht er über den aufwühlenden Alltag in seiner Heimat.

Zoom
Pater LéAndre Mbaydeyo (Bild: joynews.co.za)
Der Tschad befindet sich inmitten der Sahelzone in einer komplizierten und konfliktreichen Situation. Das wirkt sich natürlich auch auf den Alltag der Menschen aus. LéAndre Mbaydeyo: «Schauen wir unsere Nachbarländer an: Libyen, Sudan, Zentralafrikanische Republik, Kamerun und Niger. Sie alle durchleben turbulente Zeiten! Ich selbst bin weit weg vom Heimatdorf meiner Eltern geboren, da sie wegen des Krieges fliehen mussten.»

Und so sei er ein Kind des Krieges, «und es kann gut sein, dass der Krieg mich letztendlich umbringt. Der Tschad ist ein vielfältiges Land; es gibt mehr als 200 unterschiedliche ethnische Gruppen und Sprachen.»

Der alte Konflikt

Es gibt auch einen uralten Konflikt zwischen den muslimischen Hirten des Nordens und den christlichen und animistischen Kleinbauern des Südens. «Es handelt sich um immer wiederkehrende Konflikte, die das tschadische Volk im Allgemeinen in den meisten Fällen lösen konnte.»

Teils arteten die Auseinandersetzungen aber auch in blutige Konflikte aus. «Etwa die Hälfte des Landes ist muslimisch, ein Drittel ist christlich und der Rest sind Anhänger traditioneller animistischer Religionen.»

Präsident Idriss Deby Itno regiert das Land nun seit 30 Jahren und verfügt über eine mächtige Armee. «Die tschadische Armee ist mit der Unterstützung Frankreichs effizient gegen terroristische Gruppen wie Boko Haram vorgegangen, und sie zögert nicht, ihre Feinde auch jenseits ihrer Grenzen anzugreifen.» Deshalb sei der Tschad stabiler als manche Nachbarstaaten.

Islamisten könnten vorrücken

«Wir haben bereits finstere Versuche der Islamisierung gesehen, insbesondere in Libyen von Muammar al Gaddafi», erklärt LéAndre Mbaydeyo. «Vor seinem Tod im Jahr 2011 bauten sie im ganzen Land Moscheen, auch in den christlichen Städten des Südens. Darüber hinaus ermutigten sie junge muslimische Männer, christliche Frauen zu heiraten, um sie zu bekehren und Kinder zu bekommen, die wiederum selbst Muslime sein würden.»

Aber nach dem Sturz des libyschen Regimes hörte dieses Phänomen auf. Dennoch gibt es dort, wo Christen und Muslime nebeneinander leben, immer noch Druck, zum Islam zu konvertieren. «In der Arbeitswelt ist es für Muslime oft einfacher, kommerzielle Verträge abzuschliessen. Andererseits ist es für einen Muslim überaus schwierig, zum Christentum zu konvertieren, und diejenigen, die diesen Schritt tun, werden oft von ihren Familien abgelehnt.»

Terror weniger bedrohlich als bei Nachbarn

Was den Dschihad-Terrorismus betrifft, wie er von Gruppen wie Boko Haram betrieben wird, so bekämpft die Regierung ihn auf ihrem eigenen Territorium mit Unterstützung der französischen Armee wirksam, erklärt LéAndre Mbaydeyo weiter. «Folglich ist der Terrorismus im Tschad weniger bedrohlich als in den umliegenden Ländern.»

Allerdings spiele die Regierung das Christentum herunter. «Zum Beispiel basiert die offizielle Zahl der Christen im Tschad, wie sie von unserer Regierung veröffentlicht wird, auf der Volkszählung von 1983. Sie wollen die Menschen glauben lassen, dass der Tschad ein muslimisches Land ist.»

Die katholische Kirche im Land sei noch keine 100 Jahre alt. «Sie ist jung und dynamisch, mit vielen Taufen. Die tschadischen Christen sind im Allgemeinen Nachkommen der Animisten.»
 
Datum: 21.10.2020
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Joy News / Kirche in Not / Übersetzung: Livenet

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige