Afrika: "Die meisten Kinder wollen ihre Heimat verlassen"

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"Ihre Exzellenzen, die Herren Verantwortlichen Europas, an Ihre Solidarität appellieren wir." – Diesen Text kennt kaum jemand. Vom Schicksal der Autoren, Yaguine Koita und Fodé Tounkara, mag man gehört haben: Die Leichen der beiden 15-jährigen Afrikaner wurden 1999 im Frachtraum eines Flugzeugs in Brüssel gefunden. Der guineische Regisseur Gahité Fofana erzählt die "banale" Geschichte der beiden Toten.

Erstaunen löste der Film "Eines morgens früh" ("Un Matin bonne heure") am diesjährigen Filmfestival Freiburg aus, weil er auf ganz unspektakuläre Weise die dramatische Geschichte von Yaguine und Fodé als Spielfilm wiedergibt. Der Regisseur verzichtet auf jede theatralische Steigerung im Film.

"In meiner Heimat wollen die meisten Kinder Afrika verlassen", sagte der Filmemacher gegenüber der Presseagentur Kipa. "Für mich war es wichtig, den Alltag zu zeigen, der die Kinder dazu bringt, das Land zu verlassen. Ich habe auf jede Dramatik im Film über Yaguine und Fodé verzichtet, weil diese Jungen in Afrika keinen speziellen Fall darstellen."

Das Schicksal der beiden Jungen sei nicht ausserordentlich. Täglich kämen Menschen aus Afrika beim Versuch, über das Mittelmeer illegal in Europa einzureisen, ums Leben. Im Unterschied zu diesen haben die beiden Jungen aus Guinea einen Brief an "Ihre Exzellenzen, die Herren Verantwortlichen Europas" verfasst, in welchem sie ihr Handeln rechtfertigen und um Hilfe und Verständnis für Afrika bitten. Der Brief fand sich in Brüssel bei den Körpern der Jungen, die im Frachtraum eines aus Conakry, der Hauptstadt des westafrikanischen Guineas, kommenden Flugzeuges gefunden wurden.

Begabungen ohne Chancen

Viele junge Menschen aus Afrika seien bereit, den "selbstmörderischen Versuch", nach Europa zu gelangen, auf sich zu nehmen. Diese Menschen hätten genug von ihrer Heimat, erklärte Fofana. "Das ist eine Katastrophe. Einer der Jungen ist musisch begabt. Er spielt ausgezeichnet ein traditionelles Instrument. Unter normalen Umständen könnte er mit dieser Begabung seine Zukunft aufbauen. Das Tragische ist: Der Junge denkt gar nicht daran, sondern gibt das Instrument zugunsten seiner Reise nach Europa auf."

Der Film "Eines morgens früh" gebe das Leben vieler jungen Menschen in Conakry wieder. Diese fänden weder in Familie noch Schule Unterstützung. Den lieben langen Tag langweilten sie sich und träumten einer besseren Zukunft in Europa nach. Sportmöglichkeiten und kulturelle Betätigungsfelder fehlten.

Falsche Versprechen und Hoffnungen

In einem Land, das wie Guinea durch Korruption und weitere Probleme geprägt sei, habe die Mehrheit der Jugend, die nicht von den Privilegien einer kleinen Oberschicht profitieren könne, jede Hoffnung an eine Zukunft im Lande verloren. Zudem hätten aufgrund von Werbung und Film in Afrika sehr viele Menschen ein "völlig falsches Bild" von Europa. Ein Problem sei auch die Entwicklungshilfe, denn diese vermittle den Eindruck, Europa wolle Afrika helfen.

Eine Möglichkeit der Verbesserung der Situation in Afrika sieht Gahité Fofana in der Öffnung der Grenzen. "Wenn es für die Afrikaner leichter wäre, zwischen Afrika und Europa hin und her zu reisen, würde dies die Situation vermutlich entschärfen. Afrikaner würden eher wieder in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie wüssten, dass sie gegebenenfalls wieder nach Europa einreisen dürfen", so der in Frankreich geborene Guineer. Heute kehre niemand freiwillig zurück, besonders wenn er für die illegale Einreise grosse Opfer gebracht habe.

Die Visa-Restriktionen für Europa behinderten massiv den freien Handel und den Austausch zwischen den Kontinenten und somit die Entwicklung Afrikas. Ein Bauer in Afrika sei heute abhängig von den Grossunternehmen. Das freie Unternehmertum könne nicht Fuss fassen, so der Regisseur.

Datum: 21.03.2006
Autor: Georges Scherrer
Quelle: Kipa

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