Krisen als Chance sehen

Krise, Angst, Sorgen, Stress und Krankheit hängen zusammen. Angst ist ein kreatürliches Grundgefühl. Wenn sie aber unser Denken und Handeln bestimmt, kommt der Mensch unter Dauerstress und wird schlussendlich krank. Diese Zusammenhänge beleuchtet die Ärztin und Psychotherapeutin Hella Walb-Nölke in ihrem Buch. Wir beleuchten die Fragen um Stress- und Krisenbewältigung auch aus christlicher Sicht.

„Sorgt Euch um nichts! Ihr dürft Gott um alles bitten. Sagt ihm, was Euch fehlt, und dankt ihm! Gott wird Euch seinen Frieden schenken...“ ruft Paulus der Gemeinde in Philippi zu (Phil 4,4-7).

Tatsächlich kann man vor lauter Kummer oder Angst sterben. Unter Dauerstress (Distress) bricht das Immunsystem zusammen, vegetative Störungen wie Bluthochdruck, Verdauungsstörungen, Herzbeschwerden und motorische Störungen wie Schmerzen, Erschöpfung, Kopfschmerzen machen sich zuerst als sogenannte „Warnsignale“ des Körpers bemerkbar. Werden sie ignoriert, hat das ernste Folgen, wie die Ärztin und Psychotherapeutin Hella Walb-Nölke in ihrem Buch „Lebenskrise als Chance“ darlegt. Eine gross angelegte Studie hat jetzt gezeigt, was zahlreiche Experten schon immer behauptet haben: Wer anfällig ist für Stress, Angst und Depressionen, ist auch gefährdeter, an Krebs zu erkranken. Eine Studie norwegischer Psychiater an über 60.000 Personen ergab, dass Pessimisten und Sorgengeplagte gefährlich leben.

Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, bis es zum Ausbruch einer Krankheit kommt, konnten die finnischen Wissenschaftler des Institute for Occupational Health unter der Leitung von Mika Kivimaki kürzlich erheben. Demnach war bei den Personen, die massiv unter Stress leiden, das Risiko mehr als doppelt so hoch wie bei anderen Mitarbeitern. Kivimaki meinte, dass die Arbeitgeber auf die Ergebnisse der Untersuchung eigentlich reagieren müssten. (Livenet berichtete zu diesem Thema – siehe unten).

Sorgen und Ängste machen krank

Sorgen lösen Angst aus und Angst verursacht Stress. Kurzfristig sei Stress stimulierend, positiver Stress wird als Eustress bezeichnet. Bei ständiger Reizüberflutung wird das Abwehrsystem des Körpers jedoch geschädigt. Hier spricht man von Distress. Es kann zu chronischen Erkrankungen kommen.

Ängste sollten deshalb nicht verdrängt werden. Häufig kehrten sie als Neurosen wieder zurück und lösen typische Phänomene wie Prüfungsangst, Partnerangst, Sexualangst und Versagensangst aus oder verursachten Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Herzbeschwerden, schreibt Hella Walb-Nölke. Auch ungelöste und verdrängte Konflikte können die Ursache für Krankheiten sein. „Noch vor kurzer Zeit galt es in der Medizin nicht als salonfähig, seelischen Ursachen einen höheren Stellenwert bei der Krankheitsentstehung einzuräumen“, so Walb-Nölke. Krankheit sollte aber in seiner Ganzheit erfasst werden. Sonst bleibe es oft bei reiner Symptombekämpfung. Doch fehle den Ärzten häufig die nötige Zeit, um den seelischen Ursachen für die Erkrankung auf den Grund zu gehen.

Unbewältige Krisen und Konflikte belasten

Krisen und Konflikte müssen bewältigt werden, um Krankheit zu verhindern und die Gesundheit zu fördern. Krisen und Krankheiten stellen nicht selten markante Wendepunkte im Leben dar. An Krisen wächst man innerlich. Die Persönlichkeit reift.

Im deutschen Sprachraum hat das Wort „Krise“ eine eher negative Bedeutung. Nicht so in der chinesischen Sprache: Hier setzt sich das Symbol für Krise aus zwei Zeichen zusammen: Eines steht für Gefahr, das andere für Chance. So erhält die Krise vom Wort her schon einen deutlich positiven Aspekt.

Wenn wir uns dieser Zusammenhänge bewusst werden, können wir Einfluss nehmen auf unsere seelische und körperliche Gesundheit. Was wir verändern können, ist unsere Einstellung dazu. Wenn wir unser Schicksal demütig aus Gottes Hand annehmen, loslassen und unsere Gedanken positiv ausrichten, dann stärkt diese positive Grundhaltung auch den Körper. Im Autogenen Training wird es ganz ähnlich gemacht. Doch nur Gott vermag einen Menschen von Grund auf zu erneuern und neu auszurichten. Der andere Weg ist der der Selbsterlösung und führt in die Leere.

Ablauf einer Krise

Befinden wir uns in einer Krise, fühlen wir uns verunsichert, unzufrieden, verärgert, enttäuscht, wütend und empfinden ausgeprägte Angst. Auf ihrem Höhepunkt kommt dazu noch Ausweglosigkeit und Panik: Unfähig, notwendige und sinnvolle Entscheidungen zu treffen, die der Krise zu einem positiven Verlauf verhelfen, erstarren wir gleichsam, so Walb-Nölke. Aufbrechende Emotionen aus früheren – unbewältigten – Konflikten erschweren diesen Seelenzustand noch. Bisherige Bewältigungsmechanismen reichen nicht mehr aus. Diese Erkenntnis verschlimmere die Angst – man wird initiativlos und handlungsunfähig. Panik und Stillstand sind die Folge, und die daraus entstehende Resignation kann den Zusammenbruch einleiten – ein Teufelskreis.

In der Krise erfährt der Mensch tiefes Leid, und zwar als seelischen Schmerz. Ob Ereignisse in uns krisenhafte Entwicklungen auslösen oder nicht, hängt mit der inhaltlichen Bedeutung zusammen, die wir ihnen beimessen, so Walb-Nölke-Nölke. Für den einen sei dies der Arbeitsplatzverlust, die Untreue des Partners, das Gefühl des Altwerdens. Ein anderer nähme so etwas hin und gerate erst durch Krankheit und Tod eines geliebten Menschen in seelische Not. Welches Ereignisse jemanden in die Krise stürze, hänge auch mit dem individuellen Problembereich „hinter der Krise“ zusammen und sei daher nicht übertragbar.

Wenn wir uns in dieser Situation Gott zuwenden, unsere Sorgen bei ihm abladen und ihm den weiteren Verlauf überlassen, dann löst sich die Erstarrung, positivere Gefühle kommen auf und die Denkblockade schwindet.

Im Lukas-Evangelium, Kapitel 21, Vers 34 sagt Jesus: „Darum sage ich euch: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“

Es braucht sehr viel Seelenkraft in einer Krisensituation den Blick von sich wegzuwenden. In dieser Lage kommt das Gebet mit Danksagung nicht einfach über die Lippen. Doch es aktiviert seinen Segen und seine reinigende, heilende Kraft. Der heilige Geist beginnt in unserer Seele zu wirken und macht uns frei von Angst, Gefangenheit und Bindungen. Wir erleben Befreiung und Freude, Liebe zu Gott, zu den Nächsten und zu uns selbst. Es kommt zum Wendepunkt im Verlauf einer Krise.

Reifung durch Krisen

Krisen gehören unabdingbar zum menschlichen Leben. Stets beinhalten die verschiedenen Lebensabschnitte entwicklungsbedingte Reifungskrisen: die Trotzphase, die Pubertät, die Krise der Lebensmitte, die Alterskrise, um nur die bekanntesten zu nennen. Darüber hinaus sprechen manche Psychologen noch von Anforderungskrisen, Beziehungskrisen, Trauerkrisen, Existenzkrisen und Trennungskrisen. Von christlichem Standpunkt her gibt es auch die Glaubenskrise oder die Versöhnungskrise.

Krisen müssen, wie alles im Leben, reif werden, so Walb-Nölke. Sie können sich auch still und äusserlich unauffällig vollziehen. Der Mensch gehe entweder als Verwandelter daraus hervor oder er unterliege und bleibe der Krise verfallen.

Der Philosoph Karl Jaspers befand, da die Krise ihre Zeit habe, könne man sie nicht vorwegnehmen und nicht überspringen. Die Bibel sagt es ähnlich: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ...weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit... (Prediger 3, Vers 1).

Hilfe in Anspruch nehmen

Was aber geschieht mit nicht bewältigten und nicht anerkannten Krisen? Sie zeigen sich als seelische und körperliche Probleme sowie in krankhafter Ausgestaltung des Lebens, erklärt Walb-Nölke: Sucht, Perversion, Grössenwahn, Rücksichtslosigkeit, Depressionen, in Machtstrukturen und zwanghaftem Verhalten, ebenso als chronische Krankheiten bis hin zur Krebsentstehung.

Wir sollten uns nicht scheuen in einer Krisensituation frühzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei es beim Arzt, Psychiater oder Seelsorger. Vielfach braucht es den Arzt und den Seelsorger. Krisenintervention hat das Ziel, den Betroffenen von seiner panischen Angst zu befreien und den hinter der Krise liegenden Konflikt aufzuspüren, um gesündere Bewältigungsmechanismen zu erarbeiten. Krisenintervention darf aber auf keine Fall Betroffenen die Fähigkeit des Leidens nehmen, denn dadurch verlieren sie die Fähigkeit zum Mitleiden und letztlich die Mitmenschlichkeit. In der Seelsorge geht es nicht darum, Bewältigungsmechanismen zu entwickeln, sondern der Krise auf den Grund zu gehen und Konflikte mit Gottes Hilfe aufzuarbeiten.

Wenn wir uns entschliessen, die Schwierigkeiten zunächst selbst zu meistern, sollten wir uns laut Walb-Nölke fragen, ob wir den Alltag so gestalten und mit unseren Problemen so umgehen können, dass wir, aber auch andere, nicht darunter leiden. Eigene Probleme auf Kosten anderer Menschen zu lösen, sei stets ein ethisch fragwürdiges Vorgehen. Man solle sich erst überlegen, ob man sich in der Krise anderen zumuten kann. Den anderen zu respektieren, heisse ebenso, dessen Gefühle und Würde zu achten.

Krisenbewältigung

Die Art, wie wir Probleme, Konflikte oder unsere Krise zu bewältigen versuchen, ist mit eine Folge früher Erziehungsinhalte. Die meisten Verhaltensnormen – sinnvolle wie sinnlose – werden dem Menschen zu einem Zeitpunkt anerzogen, an dem er vollkommen abhängig ist und alles hinnehmen muss, so Walb-Nölke, nicht zuletzt aus Angst vor drohendem Liebesentzug. In der Jugend, spätestens aber im Erwachsenenalter, stelle sich heraus, ob diese „Grundausstattung“ ausreichende Mittel zur Bewältigung beinhalte oder ob eine Flucht in Alkohol, Tabletten oder Krankheit stattfinde. Der ärztliche Alltag lehre, dass die Grundausstattung in der Mehrzahl der Fälle unzulänglich sei.

Um so wichtiger wird es, sich durch Gottes Geist führen zu lassen. Er führt in die Heilung hinein, in einen Versöhnungsprozess mit sich selbst und anderen, und in die Vergangenheitsbewältigung. Zur Heilung gehört einerseits das Bekennen von Schuld, das Heilen von Gefühlen und die Neuorientierung hin zu Gott.

Freilich dürfen Betroffene nicht erwarten, dass der Gang zum Therapeuten und Seelsorger sofort zu einem Gefühl von Glück verhilft. Lässt man chronisch krisenhaften Entwicklungen jedoch ihren Lauf, erreicht man dieses Glücksgefühl noch weniger, so Walb-Nölke. Lebenslügen hätten die Eigenschaft, sich zu rächen – selbst noch im hohen Alter.

Weitere Artikel zum Thema:
http://www.livenet.ch/index.php/D/article/156/4463/
http://www.livenet.ch/index.php/D/article/324/6985/
http://www.livenet.ch/index.php/D/article/193/9485/

Quellen: Hella Walb-Nölke: „Lebenskrise als Chance“, Ariston-Verlag, 1991, 182 S. – ISBN 3-7205-1637-7 fest geb. € 29. –. / Livenet

Datum: 02.10.2003
Autor: Antoinette Lüchinger

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