Hauskirchen plötzlich «in»

Weltweit: Corona als «harte Chance für Kirchen und Christen»

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Der Schweizer Bundesrat hat die Schutzmassnahmen gegen den Coronavirus verschärft. Die Frage ist: Gibt's Gottesdienst am nächsten Wochenende oder gibt's ihn nicht? Kirchen und Gemeinden weltweit lösen die Herausforderungen von Corona ganz unterschiedlich – und entdecken urchristliche Muster neu.  

Sieben Personen sind bisher in der Schweiz an den Folgen der Coronavirus-Infektion gestorben. In einer Pressekonferenz gab der Bundesrat heute Nachmittag (13. März) neue Schutzmassnahmen bekannt, die laut Bundesrat Alain Berset «hart sind, weil die Situation ernst ist». Konkret werden Schulen, Hochschulen und andere Ausbildungsstätten bis zum 4. April geschlossen, zudem sind Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen ab sofort verboten. Diese Massnahmen könnten jederzeit verlängert oder gestoppt werden, hiess es.

Was bedeutet das für die Kirchen? Denn spätestens seit der Coronavirus an einer Konferenz in der Gemeinde «Porte Ouverte» in Mulhouse ausgebrochen ist (und Todesopfer gefordert hat), stehen christliche Gottesdienste, wo z.T. Hunderte zusammenkommen und wo herzliche Begrüssungen und Umarmungen normal sind, im Zentrum des Interesses. In Österreich setzen ab nächster Woche die Kirchen und Religionsgemeinschaften ihre Gottesdienste weitgehend aus. In Deutschland gibt es noch kein landesweites Gottesdienstverbot, auch in der Schweiz ist es (bisher noch) den Kirchen und Gemeinden überlassen, in Eigenverantwortung den Vorgaben der Behörden zu folgen. 

Soll man Gottesdienste abhalten oder nicht, sofern diese nicht von mehr als 100 Personen besucht werden? Eine kleine subjektive Auswahl, wie Kirchen und Konfessionen mit der aktuellen Bedrohung umgehen.

Spanien: «Eine harte Gelegenheit für die Evangelisation»

«Wir haben einige Gemeinden, wo der Virus aufgetreten ist, geschlossen, und das wird sich in der kommenden Woche noch verstärken. Diese Woche wird ein wenig hart werden, denn Madrid ist ein Zentrum für Ansteckungen und Todesfälle», erklärte Pastor Enrique Montenegro, Leiter des spanischen Freikirchen-Verbandes «Puedes». «Aber das ist nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine einmalige Chance und Gelegenheit, das Evangelium an Menschen weiterzugeben, die voller Angst und Furcht sind. Es ist hart, aber es ist eine Gelegenheit zur Evangelisation, und wir sollen den Menschen den Grund unserer Hoffnung sagen.» 

Papst Franziskus: «Besucht die Kranken»

Den Petersplatz und den Petersdom hat der Vatikan inzwischen bekanntlich geschlossen. Aber gerade im Corona-geplagten Italien lädt Papst Franziskus zur Offensive ein: Wie immer, wenn Seuchen das Land heimsuchten, sollten Priester «Mut haben und hinausgehen und die Kranken besuchen» und auch Ärzte und medizinisches Personal und Freiwillige in ihrer Arbeit begleiten. Dabei dürften sie aber die Vorsichtsmassnahmen nicht vergessen, mindestens einen Meter Abstand halten und physischen Kontakt vermeiden.

Orthodoxe Kirche: Sakrament ändert sich nicht

Eine Kirche, die die Art ihrer Kommunion nicht ändert, ist die Griechisch-orthodoxe Kirche, jedenfalls die in London. Wie BBC berichtet, wird sie weiterhin die Sakramente weitergeben und nur einen Becher für alle dazu benutzen. Die Heilige Synode der Kirche sagt dazu: «Für Mitglieder der Kirche kann die Heilige Eucharistie sicher nicht der Grund für die Übertragung von Krankheiten sein.» Die Gläubigen wurden aufgerufen, gegen die Verbreitung des tödlichen Virus zu beten.  

Südkorea

In Südkorea war es die Unvorsichtigkeit einer kirchlichen «Randgruppe», der «Shincheonji Church of Jesus», die für über die Hälfte der Ansteckungen im ganzen Land verantwortlich ist. Sie hatte sich geweigert, in ihrer Gottesdienstpraxis – zu der u.a. enges Zusammensitzen gehört – Änderungen vorzunehmen. Die Mitglieder der Kirche kamen aus dem ganzen Land, was zur schnellen Verbreitung des Virus beitrug. Auch weigerten sich die Verantwortlichen, die Namen der Mitglieder und Besucher bekanntzugeben, was die Nachforschung der Infektionswege enorm behinderte.

Verband der Freikirchen: Greif doch mal zum Telefon

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Peter Schneeberger
«Der Staat macht sicher nicht alles richtig, aber wir sollten seine Anweisungen betr. Versammlungen befolgen und solidarisch mit den Risikogruppen sein», erklärt der Präsident des Freikirchenverbandes, Peter Schneeberger, in einem Facebook-Video – «nicht aus Zwang, sondern freiwillig», wie er betont. «Gleichzeitig gibt uns die Hoffnung, die Gott in unser Herz gelegt hat, den Boden gibt für totale Gelassenheit», fährt er fort. «Warum nicht mal zum Hörer greifen und jemanden anrufen, vielleicht aus der Risikogruppe, und mit ihm beten?», wird Schneeberger praktisch. Es sei Zeit, «neue Formen der Gemeinschaft suchen», statt nur in grossen Versammlungen Menschen in Gefahr zu bringen.

Chrischona: Wenn nicht Kirchenhaus, dann Hauskirche

Genau in dieser Richtung konkret wird ein Blogbeitrag von Chrischona Schweiz. Christian Haslebacher, Vorsitzender des Leitungsteams der Freikirche, erklärt, warum Gottesdienstverbote eine Chance sein können: «Wenn wir uns nicht mehr im Grossen treffen können, tun wir das, was die Gemeinde die letzten 2000 Jahre bis heute immer wieder tat: Wir treffen uns in Kleingruppen», so Haslebacher. «Wenn sich die Gemeinde nicht im 'Kirchenhaus' treffen kann, trifft sie sich in 'Hauskirchen'. Wenn sich die Gemeinde nicht zentral zu Gottesdiensten treffen kann, trifft sie sich dezentral zu Gottesdiensten. Dies kann je nach Situation die ganze Gemeinde betreffen oder besonders gefährdete Teile der Gemeinde.» Haslebacher ist überzeugt: «Das ist nicht einfach eine Notlösung, sondern kann viel Positives bewirken!»

Er gibt konkrete Hinweise, wie ein solcher Hausgottesdienst aussehen kann – eine Praxis, die in der Hauskirchebewegung seit 20 Jahren normal ist. In den Häusern würden KleingruppenleiterInnen bevollmächtigt und gefördert, und der Tendenz, «die geistliche Selbstverantwortung an die Gemeinde und den Pastor zu delegieren», werde entgegengewirkt.

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Datum: 14.03.2020
Autor: Reinhold Scharnowski / Rebekka Schmidt
Quelle: Livenet

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