Liebesgebot des Neuen Testaments

Die soziale Herausforderung für die freikirchlichen Christen

Die zunehmende soziale Verelendung immer breiterer Kreise auch in der Schweiz stellt die christlichen Gemeinden und Werke vor die Frage, wie sie das Liebesgebot des Neuen Testaments konkreter in die Tat umsetzen können. Schon die Heilsarmee hat mit ihrer Losung Seife, Suppe, Seelenheil gezeigt, dass oft die praktische Hilfe die Herzen öffnen muss, bis das Evangelium gepredigt werden kann. Markus Meury, Gewerkschaftssekretär und Vorstandsmitglied des Vereins „ChristNet“, richtet einen Appell an die Freikirchen.

Viele Freikirchen sind heute noch eher apolitisch. Politik und gesellschaftliches Engagement wird aus verschiedenen Gründen vernachlässigt:

- Es herrscht die Idee vor, die Welt gehe sowieso bald zugrunde, warum also sich noch um Politik, Gesellschaft und Veränderungen kümmern? Schon immer glaubten die Christen, das Weltende sei nahe. Die zunehmende weltweite Verunsicherung durch die kulturellen Veränderungen verstärken natürlich die Ängste. Doch auch wenn es durch die Erfüllung verschiedener biblischer Prophetien näher gekommen ist, so haben wir keinen Grund, einfach anzunehmen, das Weltende stehe vor der Tür. Wir glauben, dass es uns nicht zusteht, den Zeitpunkt des Weltendes zu kennen oder ihn zu interpretieren.

- Gewisse Kirchen lehren auch, wir seien nicht von dieser Welt. Dies stimmt zwar, aber die Bibel lehrt uns auch, dass wir IN dieser Welt sind. Und sie lehrt uns auch, dass wir unseren Nächsten Gutes tun sollen, ob sie nun Christen sind oder nicht.

- Wir kümmern uns oft nur um das eigene Seelenheil und nicht um unseren biblischen Auftrag der Nächstenliebe. Natürlich ist die Beziehung zu Gott zentral in unserem Glaubensleben, aber die Bibel lehrt uns auch, dass ein Glaube, der keine Werke hervorbringt, tot ist.

- Das gesellschaftliche Engagement hat sich bisher oft auf Diakonie beschränkt. Diakonie ist gut, aber Diakonie alleine genügt nicht. Allzu oft ist Diakonie nur ein Pflästerchen, ohne aber die Ursachen zu beheben. Wir sollten ungerechte Strukturen ändern statt nur den Opfern dieser Strukturen zu helfen.

- Das politische Engagement von Freikirchen hat sich bisher oft auf moralische Themen wie Abtreibung, Homosexualität etc. beschränkt. Die Bibel fordert uns aber auf, weiter zu gehen und das Wohl des Nächsten umfassend zu suchen. Gewisse kirchliche Kreise lehnen dies aber ab, indem sie Theorien des Wohlstandsevangeliums vorschieben. Demnach brauche man nur richtig zu glauben, und man werde materiell gesegnet. Vielleicht sind hier auch noch Calvinistische Vorhersehungstheorien in den Köpfen, nach denen wir durch unseren Arbeitserfolg sehen, ob wir errettet sind oder nicht. Natürlich verspricht uns Gott Segen, aber die Idee, man brauche deshalb keine soziale Gerechtigkeit und keine Unterstützung der Schwachen, steht voll im Widerspruch zur biblischen Lehre.

Die Freikirchen stehen heute also vor verschiedenen Herausforderungen

Über moralische Themen hinaus denken: Das Engagement für moralische Themen ist gut, ab er es genügt nicht. Ebenso haben wir den Auftrag, uns für Gerechtigkeit und für die Schwachen einzusetzen.

Gerechte Strukturen statt nur Diakonie: Aus dem oben Gesagten ist auch ersichtlich, dass es nicht genügt, in diakonischem Engagement Wunden zu pflegen, sondern auch auf politischer und gesetzlicher Ebene die Ursachen zu bekämpfen. Dies kann zum Beispiel heissen:

Mehr Teilen: ist es normal, dass Leute mit vollem Arbeitseinsatz nicht von ihrem Lohn leben können?

Arbeit für Schwache und soziale Sicherheit: Ist es normal, dass Leute, die von keiner Firma engagiert werden weil sie zu wenig Fähigkeiten haben oder psychisch/körperlich angeschlagen sind, in Armut leben müssen?

Chancengleichheit: Ist es normal, dass die Chancengleichheit in der Bildung durch Privatisierungen und Abbau von Stipendien für Kinder einkommensschwacher Eltern mehr und mehr zerstört wird und gewisse Kreise dann behaupten, jeder könne alles selber erreichen?

Macht: Ist es normal, dass Kreise, die viel Geld haben, über Abstimmungs- und Wahlwerbung, über Besitz von Medien und über Lobbying in Parlament und Kommissionen viel Einfluss in der Politik und in der Gesetzgebung haben als die „Geringen und Elenden“?

Vorurteile hinterfragen:

- Gewisse politische Kreise behaupten noch und noch, die Ausländer werden bevorzugt und die Schweizer seien „die Neger“. Ausländer haben im Durchschnitt ein viel tieferes Bildungsniveau, wodurch sie durch Arbeitslosigkeit und nachfolgende Fürsorgeabhängigkeit auch überdurchschnittlich getroffen werden. Das Vorurteil, die Ausländer nützen uns aus, ist schlicht nicht haltbar. Ebenso wenig die Feststellung, Ausländer seien krimineller als Schweizer. Insgesamt sind Ausländer zwar überdurchschnittlich am Total der Straftaten beteiligt, bei näherem Hinsehen wird aber klar, dass dies nur deshalb der Fall ist, weil unter den Ausländern der Anteil von jungen Männern höher ist als unter den Schweizern. Und da Kriminalität in allen Kulturen vor allem auf das Konto von jungen Männern geht, sieht es so aus, als seien die Ausländer krimineller als die Schweizer. Wenn man die Alterskategorien und die Geschlechter einzeln vergleicht, sind die Ausländer nicht krimineller als die Schweizer!

Abnehmen der Eigenverantwortung der Menschen durch den Sozialstaat: Auch hier müssen wir genauer hinschauen, denn es ist nicht damit getan, die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen. Die meisten Arbeitslosen und Fürsorgeabhängigen finden tatsächlich keine Arbeit, und es ist gar nicht anders möglich, als sie zu unterstützen und ihnen so ein würdiges Leben zu ermöglichen. Statt hier abzubauen, bräuchte es zusätzliche Bildungsabgebote und Unterstützung, um diese Menschen wieder zu integrieren.

Wir müssen also bereit sein, genauer hinzusehen und uns für die Menschen wirklich zu interessieren, bevor wir Urteile fällen. Es ist allzu leicht und angenehm, zu sagen, die Nächsten seien an ihrem Schicksal selber schuld, denn dies entlastet uns von unserer Verantwortung und vom Teilen.

Echte Unterstützung statt moralische Imperative: Es genügt nicht, uns zum Beispiel gegen Abtreibung, gegen Kriminalität, für Ehe und Familie, für Eigenverantwortung etc. auszusprechen. Wir müssen auch unseren Teil der Verantwortung übernehmen und diese Postulate überhaupt ermöglichen bzw. die betroffenen Leute dahingehend unterstützen

Abtreibung: wie setzen wir uns ein, dass Leute in finanziellen oder personellen Notlagen nicht abtreiben müssen? Gibt es flächendeckend finanzielle Beihilfen, psychologische Unterstützung und Kinderkrippen? Oder werden solche nötigen Schritte wieder von der Angst abgewürgt, dass gewisse Frauen dies missbrauchen könnten, um vaterlos Kinder aufzuziehen?

Kriminalität: Wie setzen wir uns ein, damit die Ursachen von Kriminalität (grosse soziale Differenzen, Dauerberieselung mit Werbung und gleichzeitiger Chancen- und Aussichtslosigkeit für gewisse Schichten) angegangen werden und nicht nur die Bösen ins Gefängnis kommen (und dann wieder alles gut sein soll)?

Ehe und Familie: Neben aller Freude sind Kinder kostspielig und stürzen Familien in finanzielle Notlagen, vor allem dann, wenn nicht beide Partner arbeiten können. Wie setzen wir uns ein, damit die Löhne genügen, damit Familie überhaupt möglich wird? Es genügt nicht, nur die Steuern für Familien zu senken, vor allem dann, wenn es so gemacht wird, dass die einkommensschwachen Familien praktisch nichts davon haben, wie es das Parlament nun vorsieht. Und wie setzen wir uns ein, wenn die Arbeits- und Ladenöffnungszeiten völlig dereguliert werden und Familien dadurch auseinander gerissen werden?

Eigenverantwortung: Was tun wir, um echte Chancengleichheit herzustellen und die Arbeitslosen und Fürsorgeabhängigen zu starken?

Für die Schweiz, aber nicht auf Kosten der anderen Länder und Menschen: Es ist ja schön, dass wir uns vornehmen, für unser Land zu beten und zu sorgen. Verfallen wir aber nicht der Annahme, dass alles, was für unser Land gut ist, auch vor Gott gut ist. Allzu oft haben wir die Tendenz, Gründe zu finden, dass allgemein gut ist, was für unser Land gut ist. Dies gilt es zu hinterfragen. So müssen wir uns zum Beispiel ehrlich über das Bankgeheimnis, unsere Waffenexporte und über unsere Tendenz, über Ungerechtigkeiten zu Schweigen, um Wirtschaftsbeziehungen nicht zu gefährden, Gedanken machen.

Interessen

- Wir haben die natürliche Tendenz, angenehmen Theorien eher zu glauben als unangenehmen. Wir müssen uns deshalb bewusst werden, welche Eigeninteressen hinter unseren Ansichten stecken könnten. Sind wir bereit, auch gegen unsere eigenen Interessen zu stimmen? Und gegen die Vorteile und Interessen unserer Gemeinde, unseres Kantons oder Landes gegenüber dem Nachbarn (z.B. im „Kampf um reiche Steuerzahler“)

- Achten wir beim Wählen und Abstimmen auch darauf, welche Interessen (meist finanzieller Art) hinter welchen Positionen stehen.

- Alles dem Mammon? Scott Mac Leod’s Prophetie „Missionare der Barmherzigkeit“ (http://www.christnetonline.ch/d/2_5/2002-Missionar-Barmh.shtml) trifft unseres Erachtens ins Schwarze. Wir opfern persönlich und politisch den Interessen des Mammon zu viel, ohne es zu merken: unsere Werte, unsere Familien, unsere Sonntage, unsere Liebe und Solidarität. Geben wir der Macht des Mammons noch mehr Raum? Wir sind aufgefordert, uns entscheiden, wem wir dienen wollen, dem Mammon oder Gott. Wir haben die Chance, als Volk und Kirche von Söldnern des Mammons zu Missionaren der Barmherzigkeit zu werden.

Wir stehen vor grossen Herausforderungen. Aber Gott hilft uns dabei.

Website: www.christnet.ch

Siehe dazu auch den Artikel Was tun Freikirchen in der Sozialhilfe?

Autor: Markus Meury
Quelle: christnetonline

Datum: 15.01.2004

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