In sich gehen

Ein Trend schafft sich Bahn in der Geschäftswelt

Zoom
Die permanente Vernetzung und Erreichbarkeit ruft nach einem Gegentrend. Die Angestellten von Apple, Yahoo und Facebook gehen in sich. Im Silicon Valley wird meditiert. Auch in der Schweiz.

In den Firmen der High-Tech Branche ist es trendy geworden, offline zu gehen, inne zu halten und den Fokus auf die eigenen Empfindungen auszurichten. «Komisch, alle, die ich kenne, haben begonnen zu meditieren», wird Unternehmer Loïc Le Meur in einem Blogeintrag im Onlinemedium «Huffington Post» zitiert. «Im Silicon Valley ist der gesellschaftliche Druck hoch, zu meditieren.»

Man spricht dort von «achtsamkeitsbasierter Stressreduktion». Google bietet seinen Angestellten Achtsamkeitskurse an, auf Englisch «Mindfulness Based Stress Reduction MBSR». Auch in der Schweiz, konkret im aargauischen Lenzburg, bietet der ehemalige Publizist Jürg Kyburz MBSR-Kurse an, wie die Aargauer Zeitung am 10. April berichtet. Wer schon mal Yoga gemacht habe, fühle sich auch in einem MBSR-Kurs nicht verloren, meint die Autorin Karen Schärer dazu. Zu den Yogaübungen kommen Meditationssequenzen und ein Austausch in der Gruppe. Die Technik geht auf Jon Kabat-Zinn, einen emeritierten Medizinprofessor an der University of Massachusetts Medical School in Worcester/ USA zurück. Er unterrichtet seit über 20 Jahren Achtsamkeitsmeditation, um Menschen zu helfen, besser mit Stress, Angst und Krankheiten umgehen zu können.

Konzentration auf die wesentliche Aufgabe

Wenn Unternehmen ihren Angestellten Achtsamkeitsübungen verordnen, liegt der Gedanke nahe, dass sie sich davon mehr Produktivität versprechen. Das bestätigt zum Beispiel die Medienunternehmerin Arianna Huffington. Man verspricht sich davon eine bessere Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben. Es hat sich gezeigt, dass sich das permanente Multitasking für Angestellte zu einem Fluch entwickelt hat. Wer dagegen gelernt hat, seine Aufmerksamkeit auf eine einzige Aufgabe zu richten, wird produktiver. Das haben auch die Chefs entdeckt. Der Vorteil von MBSR dabei: Die Methode ist salonfähig, weil sie auf jeden religiösen Bezug verzichtet.

Schon Benedikt empfahl Achtsamkeit

Das müsste nicht sein, denn gerade die christliche Tradition weiss um das Geheimnis der Achtsamkeit, von Spiritualität und Inspiration. Für den Ordensgründer Benedikt von Nursia war Unachtsamkeit die Folge von Zerstreuung und innerer Zerrissenheit. «Weil ich nicht ganz präsent bin, werde ich den Menschen und den Dingen nicht gerecht ... Ich werde gleichgültig gegenüber dem Geheimnis des Menschen, gegenüber den Gesetzen der Natur» soll er gesagt haben. Und: «Das Geheimnis in allem entdecke ich erst, wenn die Gottesfurcht mich sensibel macht für Gottes Gegenwart in allen Dingen, wenn sie mich aus meinem Kreisen um mich selbst herausreisst.» Wer in seinem Tun nicht präsent bleibe, dürfe sich nicht wundern, wenn vieles um ihn herum in die Brüche gehe.

Wer im Sturm leiten will...

Kein Wunder, dass sich heute auch christliche Führungskräfte für die spirituelle Seite der Achtsamkeit interessieren. «Wer noch mit sich selbst und seinem Gott in Widerspruch steht, tut sich schwer, konstruktiv zu handeln», warnte der Psychotherapeut und Coach Michael Winkler am Forum christlicher Führungskräfte Ende März in Bern. «Wir könnten 80-90 Prozent der Zukunft gestalten, aber oft verpassen wir dies und reagieren nur noch», sprach er den Teilnehmern ins Gewissen. «Nur Führungskräfte, die sich zurückziehen und besinnen, gestalten wirklich!», so Winkler. Er verwies auf die biblischee Gestalt Daniel, der sich dreimal am Tag nach Jerusalem ausrichtete, um sich auf Gott zu besinnen – und der in der Lage war, eine ihm fremde Welt mitzugestalten und mitzuprägen. Auch der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Gottfried Locher, mahnte die Führungskräfte, immer wieder die Stille aufzusuchen und formulierte einprägsam: «Du lernst in der Stille, wie du leitest im Sturm!»

Zum Thema:
«Sich weniger stressen» – aber wie?
Was ist christliche Spiritualität?
Sehnsucht nach Stille

Datum: 01.05.2014
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige