„Die Theologie hat ein krankes Herz“

Würzburg. Der Heidelberger Neutestamentler Prof. Klaus Berger macht die Art und Weise der theologischen Forschung verantwortlich für den “erschreckenden Rückgang” an Theologiestudenten. Zum Studienjahr 2002/03 hätten sich für evangelische Theologie nur 200 Neuanfänger in ganz Deutschland gemeldet. An der traditionsreichen Theologischen Fakultät in Heidelberg gebe es noch 72 Volltheologen im Hauptstudium gegenüber 2.200 vor zwölf Jahren. Da Katholiken und Protestanten gleichermassen unter diesem Rückgang litten, seien dafür weder Zölibat noch Papsttum die Gründe. “Ursachen sind die weitgehende Verdrängung von Seelsorge durch Psychologie und die schwerwiegende Erkrankung des Herzens der Theologie, der Exegese des Neuen Testaments.” Sie müsste, so der Bibelwissenschaftler, den Zugang zu Jesus schaffen, “doch zumeist zerstört sie ohne Hoffnung auf Rückkehr den Glauben”.

Vom Glauben bleibt wenig übrig

Als Beispiel führt er eine Umfrage des evangelischen Theologen Klaus Peter Jörns (Berlin) an. Danach glauben rund 30 Prozent der evangelischen Pfarrer nicht an die Auferstehung Jesu. Berger verweist ferner auf das allgemein für das Erste Theologische Examen gebräuchliche Lehrbuch von Hans Conzelmann und Andreas Lindemann. Danach stammten weder das Vaterunser noch die Bergpredigt von Jesus. “Weder hat er Abendmahl gefeiert, noch die Kirche gestiftet, noch ist er auferstanden. Weder war das Grab leer, noch ist Jesus vom Heiligen Geist empfangen. Von Jesus weiss man fast nichts, vielleicht sind acht, vielleicht sind drei oder 15 Jesusworte ‚echt’, und das Urteil darüber ist je nach Professor unterschiedlich.” Berger will, wie er schreibt, seine Kritik nicht als Verteufelung der kritischen Jesusforschung verstanden wissen. Sie sei legitim, und hinter sie führe kein Schritt zurück.

Leugnung der Wunder

Für “unhaltbar” hält Berger jedoch eine Reihe von Grenzüberschreitungen der liberalen Forschung. So sei “die Leugnung der Wunder inklusive der Auferweckung des Lazarus und der Empfängnis und Auferstehung Jesu nichts weiter als ein modernes weltanschauliches Diktat”. Die Behauptung, Jesus sei nur ein einfacher Mensch gewesen, und erst nach Ostern habe man Dogmen über ihn gebildet, sei ein “plattes Postulat”. Nach Ansicht Bergers sollten Theologen den jeweiligen Bibeltext “nicht zuallererst für ein tendenziöses Produkt urchristlicher Kirchenparteien halten, sondern in die Tiefe gehen und fragen, was er über Gott zu sagen hat”.

Seelsorger als Hobby-Psychologen

Das Herz der Theologie sei deshalb krank, “weil man der Gottesfrage, die jeder Text stellt, ausgewichen ist und das Heil stets in der Deutung des Textes durch sachfremde Kriterien und Massstäbe gesehen hat”. Berger: “In der Seelsorge finde ich haufenweise Hobby-Psychologen – statt dass man eine redliche Aufgabenteilung zwischen Psychologie und Seelsorge anstrebt. Statt sich auf die eigenen Wurzeln der Spiritualität in Bibel zu verlassen, führt man den Zen-Buddhismus ein, als hätten wir auf nichts sehnlicher gewartet.” Das Fremde werde als “neuester Heilsweg angehimmelt” und nicht hinterfragt. So sei es auch in der Bibelauslegung: “Die Humanwissenschaften wie die atheistische Anthropologie Heideggers, die Psychologie und die Soziologie, die Religionstheorie und allerlei Philosophien hat man jeweils als Block der Exegese vorgeschaltet, weil man meinte, so endlich wissenschaftlich und modern zu sein.”

Datum: 21.01.2003
Quelle: idea Deutschland

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