“Kernkompetenz”

“Die Kirche ist viel zu weit weg vom eigenen Auftrag“

Mit der Advents- und Weihnachtszeit naht die Zeit der “Kernkompetenz” der Kirchen. Noch immer strömen viele Schweizer oder auch Deutsche am Heiligen Abend zum Gottesdienst. Doch in diesem Jahr wurden die Kirchen kurz vor dem Advent durch eine Umfrage im Auftrag des Weltwirtschaftsforums aufgeschreckt, wonach das Vertrauen zu den Kirchen dramatisch gering sei. Sowohl in Deutschland als auch der Schweiz stehen die Kirchen unter allen Institutionen in der Vertrauensskala ganz unten, während die religiösen Gruppen und Kirchen international einen Platz im Mittelfeld einnehmen.

Für die Studie wurden vom Juli bis September dieses Jahres 36433 Menschen in 47 Ländern befragt. Tatsächlich wurde in der Umfrage nach “religiösen Gruppen und Kirchen” gefragt – und nicht nach Kirchen allein, wie es fast alle Zeitungen, zumal in einer Zeit, als das Thema sexueller Missbrauch in der katholischen wie evangelischen Kirche in den Medien eine grosse Rolle spielte. Auch war die Zahl der Befragten relativ gering. Das Presseecho war für die Kirchen gleichwohl niederschmetternd: “Die Kirchen kuscheln sich mit Anbiederung ins Abseits” schrieb etwa die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Wir wollten wissen, wie sich prominente Christen und Experten den Vertrauensentzug erklären.

Ursprüngliche Aufgabe vernachlässigt

Für das geringe Vertrauen der Bevölkerung in die Kirchen machen Prominente mehrere Faktoren verantwortlich: Die Kirche ist verweltlicht, sie beschäftigt sich zu sehr mit Gesellschaftspolitik, sie konzentriert sich nicht genug auf die Glaubensverkündigung und das Evangelium. Das ist das Ergebnis einer Befragung, die unter Schriftstellern, Politikern, Wirtschaftsfachleuten und Kirchenverantwortlichen durchgeführt wurde.

Das biblische Wort fällt zu selten

Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann (Darmstadt) hält die Kirchen für verweltlicht. Die Menschen fänden inzwischen Buddhismus und Islam interessanter als die christliche Tradition, und die Kirchen biederten sich an den Zeitgeist an. “Diese Toleranz grenzt an Dummheit”, so die Autorin. Wenn sie in Kirchen eingeladen werde und frage, was sie lesen solle, werde ihr oft gesagt, es müsse nichts Religiöses sein. “Die Kirche”, so Frau Wohmann, “ist viel zu weit weg vom eigenen Auftrag, der Lehre und Verkündigung. Das biblische Wort fällt zu selten.”

Kirche unterliegt Zeittrends

Die Gesellschaft hat sich von jeglicher Bevormundung durch religiöse Autorität emanzipiert. Weder Familie noch Gemeinschaften und Vereine sind noch sinnstiftend, jeder stellt sich sein Weltbild aus Esoterik, Religionen, Medien- und Wellnessangeboten selbst zusammen. Damit wird es auch für die Kirchen immer schwerer, zu den Menschen durchzudringen. Allerdings hat die Kirche zu oft ihre Botschaft und ihr Auftreten den Zeittrends angepasst. Sie verwaltet nur noch christliche Reste und wird von vielen lediglich als sozialer Dienstleistungs-Betrieb akzeptiert. Die Kirchen sind zum grossen Teil nicht mehr unterscheidbar von anderen Angeboten. Das haben die Menschen gemerkt – und ihr deshalb das Vertrauen entzogen, sagt Peter Henning, Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars in Aarau

Kirchen fehlt eindeutiges Profil

Die Bedeutung von Pflicht und Gehorsam nimmt ab; wichtig geworden sind Autonomie, Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung. Das schafft Distanz zu allen gesellschaftlichen Institutionen. Je besser die Ausbildung und je jünger die Bevölkerung, desto kritischer die Einstellung den Kirchen gegenüber. Die Kirche wird als Institution wahrgenommen, die den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben. Wer glaubt, den Erwartungen der Kirche nicht zu entsprechen, rückt von ihr ab. Das Vertrauen der Menschen verteilt sich auf verschiedene religiöse Anbieter, die im Wettbewerb miteinander stehen. Dabei fehlt den Kirchen ein eindeutiges Profil. Ihr angeschlagenes Image beeinträchtigt in hohem Masse die Kommunikation mit den Menschen. Zudem mangelt es ihr an Lebensnähe, meint Alfred Dubach (St. Gallen), Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts.

Kirche nur als Dienstleister

Man kann nicht sagen, dass die Kirche schlecht arbeitet. Aber in der Erlebnisgesellschaft bietet sie nur eine Lebenswelt unter vielen. Die Kirche trägt nicht mehr wie früher die Gesellschaft. Man braucht sie als Dienstleister – und das war’s dann. Das Ergebnis kann der Kirche nicht egal sein. Aber es lässt sich nicht daraus ableiten, wie sie ihre Leistung ändern musser, so Peter Felber Kommunikationsberater aus Basel.

Viele Worte aber zu wenig Wort

Auch der der frühere sächsische Justizminister und ehemalige Oberkirchenrat Steffen Heitmann (CDU) argumentiert in diese Richtung: “Es gibt zu viele Worte und zu wenig Wort.”

Zur Vorsicht bei der Interpretation der Untersuchung rät der Vizepräsident und Theologische Leiter des EKD-Kirchenamts, Hermann Barth (Hannover). Die Kirchen müssten besser werden, sollten sich aber nicht einen “dramatischen Ansehensverlust” einreden lassen. Barth verweist darauf, dass Pfarrer in der Allensbacher Berufsprestige-Skala an zweiter Stelle stehen.

Dieter Haack (Erlangen), früherer SPD-Bundesminister und langjähriger Präsident der bayerischen Landessynode, kann sich das schlechte Abschneiden der Kirchen nicht erklären. Er hätte eher die Politik an letzter Stelle der Vertrauensskala erwartet. In der Glaubensverkündigung gebe es aber oft Defizite, räumt Haack ein.

Zu wenig Kontakt zu den Menschen

Die Krise sei hausgemacht, befindet der Direktor der Unternehmensberatung McKinsey, Peter Barrenstein (München). Die Kirche habe eine einzigartige Botschaft, die sie aber schlecht vermittle. “Leider habe ich das Gefühl, dass sich die Kirchenführer oft gar nicht mehr trauen, von Vergebung und Erlösung zu reden”, so Barrenstein.

Der Unternehmer Karsten Meyer (Hannover) beklagt den geringen Kontakt der Kirche zu den Menschen. Es sei zu wenig, wenn nur drei bis fünf Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder den Gottesdienst besuchten und die meisten den Pastor nur bei Trauungen und Beerdigungen erlebten. Nötig sei ein Gemeindeleben, das fasziniere und die Kraft des Evangeliums spürbar mache.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Nach Ansicht der Vorsitzenden der Vereinigung “Christen in der Wirtschaft”, Ulrike Jooss (Gerstetten bei Ulm), klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Die Kirche habe ihre Führung und ihre Energiequelle demontiert – “die Bibel als gültiger Wille Gottes, der alleinige Herrschaftsanspruch Jesu Christi und die Kraft des Heiligen Geistes”. Übrig blieben “leere Formen, Worte ohne Sinn und Repräsentanten ohne Hoffnung”. Erfreulich sei, dass sich zahlreiche Gemeinden dieser Entwicklung verweigert hätten.

Nach Ansicht des Leiters der Evangelistischen Zentrale des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands, Jürgen Mette (Marburg), treffen die Kirchen nicht mehr den Nerv der Menschen.

Text überarbeitet durch Livenet

Datum: 04.12.2002
Quelle: idea Deutschland

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