Kommentar

Der rote Fleck auf meiner weissen Emotions-Weste

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Überfordern uns die Schreckensnachrichten?
Was in Japan geschehen ist, ist schlicht tragisch. So viele Einzelschicksale prasseln via Medien auf mich ein, dass ich einzelne Bilderserien oft mehrfach durchklicken muss, um zu begreifen, was dort wirklich eben geschehen ist. Während ich nun seit Tagen verfolge, was da genau läuft, merk ich, dass ich gar nicht so richtig einordnen kann, was es bei mir wirklich auslöst. Habe ich schon zu viele hollywoodgebastelte Schockerszenarien gesehen, weshalb nun die Realität beinahe als flache Wiederholung daherkommt? Wahrscheinlich liegt es aber an meiner menschlichen Begrenztheit. Mit meinen Augen und Gedanken bin ich bei diesen Menschen, die alles verloren haben – alles, bis hin zu ihren Liebsten. Mein Herz krieg ich irgendwie aber einfach nicht ganz nach Japan. Eben erst hatte ich noch versucht, mit der ganzen Gadaffi-Revolutions-Geschichte mitzugehen, kurz davor war es das Beben in Christchurch, nun ist es Japan. Die News-Welt ist zu schnell, für meine Empathie.

Es gibt ganz viele verschiedene Emotionen, die mich während des ganzen Dramas beschleichen. Resignation ist eine davon. Ich bin resigniert über unsere Gesellschaft – wie viel Macht- und Geldgehabe steckt da bloss dahinter, beim einen schaut man weg, weil man profitiert, beim anderen werden Geld- und Hilfsversprechungen gemacht, von denen ich als Normalbürger nur hoffen kann, dass sie wirklich dort ankommen, wo sie hingehören. Aber trotz allem lässt mich das beklemmende Gefühl nicht los, dass irgendwo hinter dem ganzen politischen Machtapparat immer irgendwo noch ein paar sitzen, denen es nicht nur um die Menschen geht, sondern um Geld. Um ganz viel Geld und Macht. Nur: Ich darf mich hinter dem angenehmen Wort «Gesellschaft» nicht verstecken – den ich selber bin ein Teil davon. Und ich merke, dass ich einerseits schockiert berührt die Berichte lese und höre, nur Minuten später mein grösstes Problem jedoch wieder ist, dass keine Milch mehr im Kühlschrank ist. Nicht, dass ich ignorant wäre – aber es ist einfach dieser grosse, kreisrundrote Fleck auf meiner weissen Emotions-Weste aufgetaucht, den ich nicht richtig zu verarbeiten komme.

Wut ist etwas anderes, dass ich da plötzlich noch entdecke – Wut über all die Berichte, die jetzt auftauchen, von den Leuten «die es ja gesagt haben». Jedes Mal findet man diese Weltverbesserer-Propheten im Nachhinein, als ob solche Dramen einem vorgedruckten Skript folgen. Hätten sie es gewusst und geahnt, was für dramatische und lebensvernichtende Ausmasse das annehmen kann, wieso haben sie nicht all ihre Lebensenergie darauf verwendet, es zu verhindern, anstatt ein Briefchen mit einer Warnung zu schreiben und es dann dabei zu belassen, weil scheinbar «niemand auf sie hören wollte»?

Ernüchterung ist das nächste Gefühl, das sich rund um den neuen, roten Fleck auf meiner Weste bildet. Wer in aller Welt glauben wir denn zu sein? Unangefochtene Herrscher über alles? Leider müssen wir immer wieder schmerzlich wahrhaben, dass unser technischer «Fortschritt» oft auf sehr wackeligen Füssen steht; abhängig ist von Natureinflüssen, die ausser unserem Einflussbereiches liegen. Und wie äussert sich das schweizerische Mitgefühl? Natürlich wird gespendet, da will ich niemandem Unrecht tun… aber die Herzen sind in der Schweiz. Und die Schweizer kommen dann ins Rennen, wenn sie merken, dass sie vielleicht auch von dieser Atomwolke betroffen sein könnten. Dann rennen sie plötzlich wie wild und decken sich mit Haufenweise Jod ein. Eine Katastrophe in Japan, Menschen kämpfen ums Überleben, stehen Schlange für Wasser und Essen … und der Schweizer, am anderen Ende der Welt will sein Jod, damit er mit einer ordentlichen Dosis intus sich sicher fühlend wieder vor den TV platzieren kann, um das dramatische Schauspiel weiter zu verfolgen. Wie peinlich ist das denn.

Berührt bin ich von den Menschen, die ihr Leben opfern, indem sie sich weiterhin verzweifelt bemühen, den Supergau zu verhindern. Anstatt aus dem abstürzenden Flugzeug mit dem Fallschirm abzuspringen, sitzen sie ins Cockpit und versuchen sie, das trudelnde Wrack noch irgendwohin zu steuern, wo es «nicht ganz so viel» Schaden anrichtet. Wobei ich eben aus anderer Quelle erfahre musste, dass viele von diesen Männern gar nicht freiwillig dort sind – was meine Rührung in Entsetzen umschwappen lässt. Und die Frage taucht auf: Dürfen Menschenleben geopfert werden, um andere zu retten? Falls ja: Wie viele Menschenleben sind das Opfer eines Lebens wert?

Bei vielem hab ich genau wie bei meinen Emotionen nicht ganz den Durchblick. Was ich aber weiss: Mein Gott weint! Mein Gott weint, über jedes einzelne menschliche Drama, das sich ereignet hat. Er weint über einen Planeten, der nicht mehr so wunderbar perfekt funktioniert und harmoniert, wie er ihn sich bei der Schöpfung erdacht hat. Und er weint über jede einzelne Person, die ihn auf die Seiten der Schuldigen schiebt, anstatt sich in seine Arme zu werfen, seine Vergebung zu beanspruchen, sich trösten zu lassen und mit ihm mitzuweinen.


Autor: Andreas Boppart
Quelle: Jesus.ch

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