Viele erleben eine Angstkrankheit

Wie mit Ängsten umzugehen ist

In Deutschland leiden nach neuesten Untersuchungen der Technischen Universität Dresden rund 2,3 Millionen Frauen und Männer unter einer Angststörung. In der Schweiz und Österreich dürfte der Anteil nicht geringer sein. 14 Prozent aller Menschen machen im Laufe ihres Lebens eine Angsterkrankung durch. Steht man diesem Phänomen machtlos gegenüber?

Urlaub auf Korsika. Abends, im Dunkeln, Spaziergang auf einem einsamen Weg am Strand entlang. Zwei finster aussehende Männer kommen uns entgegen, gehen an uns vorbei. Auf einmal drehen sie sich um und laufen hinter uns her. Das erscheint höchst bedrohlich. Wir rennen so schnell wir können. Nach wenigen Minuten erreichen wir die belebte, helle Strasse. Die Männer sind verschwunden.

Milliarden Zellen in Aktion

In solchen Momenten werden Menschen von einem einzigen Gefühl beherrscht: Angst. Sie macht uns hellwach und stellt uns die Energie zur Verfügung, um bei einer Bedrohung blitzschnell zu reagieren: zu fliehen oder uns zu wehren. Im Körper passiert dabei ungeheuer viel: Rund 20 Milliarden Nervenzellen setzen Botenstoffe in Gang und lassen elektrische Impulse mit einer Geschwindigkeit von gut 100 Metern pro Sekunde durch die Gehirnwindungen rasen. Der elektrische Hautwiderstand sinkt, Milliarden von Zellreaktionen steigern ihr Tempo. Die Angstsituation wird, elektrisch kodiert, mit allen möglichen gespeicherten Situationen verglichen. Gibt es keine vergleichbare Vorerfahrung, geht eine Information an das Stammhirn: “Situation völlig unbekannt! Sofort Notprogramm einschalten!”

Selbsthilfeprogramm im Körper

Übers Rückenmark blitzt ein Befehl zu den Nebennieren. Dort werden Stresshormone gebildet, die jetzt in hoher Menge in die Blutbahn strömen: Adrenalin, Noradrenalin und Cortison. Dadurch schlägt das Herz schneller. Die Atmung beschleunigt sich. Vermehrt geht Blut in die Muskulatur von Armen und Beinen, so dass sie maximal angespannt sind oder zittern. Organe, die zur Flucht weniger gebraucht werden, müssen ihre Aktivitäten drosseln: Speicheldrüsen arbeiten weniger, der Mund wird trocken. Der Verdauungstrakt wird weniger durchblutet, Übelkeit und Bauchschmerzen können sich einstellen. Die äusseren Wahrnehmungen sind auf die wesentliche Gefahr eingeengt, alles andere verschwimmt vor den Augen. Der ganze Körper ist wach wie nach einer kalten Dusche. Dieses körperliche Soforthilfeprogramm läuft mehr oder weniger stark bei jeder Angstsituation ab. Und das ist überhaupt nicht negativ. Denn: Angst ist ein wichtiges Gefühl, das Menschen schützt.

Wenn Angst zur Krankheit wird

Manchmal kommt es jedoch vor, dass die Angst überhand nimmt. Das Angstprogramm des Körpers wird abgespult in Situationen, die objektiv nicht angsterregend zu sein scheinen: Beim Einkaufen im Supermarkt oder beim Autofahren. Das Wort Angst kommt von Enge: Der Entfaltungsspielraum eines Menschen wird eingeengt, bis dahin, dass jemand sich nicht mehr aus dem Haus traut. In solchen Fällen wird Angst zur Krankheit. Eine Krankheit übrigens, die auch viele Prominente ereilt hat: den Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849) etwa und den Maler Edvard Munch (1863-1944). Regisseur Alfred Hitchcock wird von einem Biografen als “Dompteur seiner Ängste” beschrieben, und der Schauspieler Harald Juhnke hatte nach eigenen Aussagen immer Angst vor dem Versagen.

Der Arzt kann nichts finden

Ein 24jähriger junger Mann berichtet: “Ich lag auf der Couch und spielte ein Computerspiel. Plötzlich wurde mir schwindelig. Ich knipste das Licht aus, doch der Schwindel hörte nicht auf, und ich hatte das Gefühl, als ob ich über Kreuz gucken würde. Ich spürte, wie eine innere Unruhe in mir aufstieg. Ich musste raus, weg, alles wurde mir plötzlich zu eng. Ich bekam Schweissausbrüche und fürchterliches Herzrasen. Zunächst versuchte ich mich zu beruhigen, indem ich auf unserem Flur hin- und her rannte. Doch das Panikgefühl wurde immer schlimmer. Ich dachte, ich müsste sterben. Meine Freundin brachte mich ins Krankenhaus. Der diensthabende Arzt untersuchte mich gründlich. Schliesslich sagte er: ‚Wir finden nichts.’”

Seelsorge oder Psychotherapie?

Solche Panikattacken setzen aus heiterem Himmel ein. Vom Arzt fühlt der Patient sich in seinen Besorgnissen oft nicht ernst genommen, wenn der sagt: “Es ist alles in Ordnung. Sie haben nichts.” Denn der Patient leidet, er leidet unter einer Angststörung. Bei anderen tritt die Panik nur in bestimmten Situationen auf: im Flugzeug, im Tunnel. Ein Patient, ausgerechnet ein junger Maurer, entwickelte Höhenangst. Angst kann eine Krankheit sein wie Diabetes. Davon sind Christen genauso betroffen wie Nichtchristen. Deshalb sind solche Angstkrankheiten nicht in erster Linie ein Thema für die Seelsorge, sondern für die Psychotherapie.

Mein Freund, die Angst

Siegmund Freud (1856-1939), der Erfinder der Psychoanalyse, sah als Quelle der Angst die Furcht vor Trennung an. Tatsächlich kommen viele Angstpatienten in einem Lebensabschnitt zur Psychotherapie, in dem entscheidende Veränderungen anstehen. Oft haben diese etwas mit wachsender Übernahme von Verantwortung zu tun, und es ist ein Abschied und eine Trennung von Vertrautem damit verbunden. Gelingt es dem Menschen nicht, die anstehende Veränderung zu vollziehen, obwohl dieser Reifungsschritt jetzt fällig wäre, gerät er in einen unlösbaren Konflikt: Einerseits möchte er nichts ändern, andererseits spürt er, dass sich etwas ändern sollte – beides geht nicht gleichzeitig. Daraus entsteht dann Angst. Der Körper ist nicht dumm, er entwickelt Symptome nicht ohne Sinn. Das bedeutet: Die Angst ist nicht mein Feind, sie meint es gut. Sie kann beispielsweise zum Anstoss werden, zum Beispiel endlich eine längst fällige Entscheidung zu treffen.

Angst angehen

Bei Ängsten vor bestimmten Situationen oder Objekten, den sogenannten Phobien, hat sich die Konfrontationstherapie bewährt. Lange bevor sie erfunden wurde, heilte Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seine Höhenangst auf genau diese Weise. Er zwang sich, “den höchsten Gipfel des Münsterturms” zu besteigen: “Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward.” Panikanfälle dauern nicht länger als 10 bis 30 Minuten. Goethe stand die Angstattacke auf dem Münsterturm durch, bis sie von alleine abklang. Wenn man sich der angstauslösenden Situation mehrmals bewusst aussetzt und sie durchsteht, wird die Angst jedesmal etwas geringer werden. Nach mehrmaliger Konfrontation lernt der Körper, dass er nicht mehr mit dem Angstprogramm reagieren muss. Also: Wer Angst vor dem Autofahren hat, sollte Autofahren. Allgemein hilfreich für Angstpatienten ist Ausdauertraining, beispielsweise Joggen. Denn beim Sport erleben sie genau die Herz-Kreislauf-Reaktionen als etwas Normales, die sie im Panikanfall als bedrohlich empfinden. Entspannungsübungen können helfen, die individuelle Angstschwelle zu senken.

In Energie verwandelt

Angst ist zwar unangenehm, aber nicht von vorneherein negativ. “Nehmt mir doch meine Angst nicht, sie ist ja mein grösstes Kapital!” Das sagte der Maler Alfred Kubin (1877-1959) in den letzten Jahren seines Lebens zu seinem Freund, einem katholischen Priester. Kubin war zeit seines Lebens ein ängstlicher Mensch. Er schaffte es jedoch, die in der Angst enthaltene Energie kreativ zu nutzen und sie in seinen düster-phantastischen Tuschfederzeichnungen auszudrücken: insgesamt 2.361 Illustrationen zu über 70 Büchern der Weltliteratur, u. a. von E. T. A. Hoffmann und Fjodor Dostojewski.

Trost in Ängsten

Andererseits hatte Kubin einen Gegenpol zu seiner Angst: sein Haus, er nannte es “Arche”, Urbild für eine Zufluchtsstätte. Christen glauben an eine Arche, die noch sicherer ist: “Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter den ewigen Armen” (5. Mose 33,27). Die Bibel beschreibt Ängste, in die auch der Glaubende geraten kann: vor Feinden oder vor dem Tod. Im Umgang mit solchen Ängsten haben es Christen besser als andere Zeitgenossen: "Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich" (Psalm 138, 7). Das bedeutet nicht, dass der Glaube ein angstfreies Leben garantiert. Im Gegenteil: Manchmal führt er geradezu in furchterregende Situationen, etwa in Ländern mit Christenverfolgung. Aber Christen haben einen Halt jenseits aller Ängste: "Dein Stecken und Stab trösten mich" (Psalm 23, 4). Wo Ängste allerdings krankhaft sind, sollten Christen auf ärztliche und psychotherapeutische Hilfe nicht verzichten.

Die Pastorin und Familientherapeutin Luitgardis Parasie (Northeim bei Göttingen) hat mit ihrem Mann, dem Arzt und Psychotherapeuten Jost Wetter-Parasie das Buch “Angst in Kraft verwandeln” (Edition Anker, Stuttgart, 3. Auflage 2001, 135 Seiten, 12,90 EUR) geschrieben.


Autor: Luitgardis Parasie
Quelle: idea Deutschland

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