Der erste Adventskranz

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Der Adventskranz
Der erste Adventskranz leuchtete vor 170 Jahren. Sein Erfinder war der 30-jährige Johann Hinrich Wichern. An Hamburgs Stadtrand sammelte er mit grosser Leidenschaft und Geduld eine Handvoll verwahrloster Jungs. Sie waren – wie heute die Jugend in den Pariser Vororten – auf die Schattenseite des Lebens geraten.

Mit diesen Hoffnungslosen bezog Wichern mit seiner Mutter und seiner Schwester auf einer grünen Wiese eine niedere Strohdach-Hütte, das so genannte «Rauhe Haus». Und sein Motto? «Der Geist, der jenen entarteten Familien fehlt, soll hier herrschen, der Geist des Glaubens an Christus, der in der Liebe sich tätig erweist. Mit dieser Liebe wollen wir jedem einzelnen Kind gleich entgegentreten mit dem freimachenden Wort: Mein Kind, dir ist alles vergeben. Sieh hier das Haus, in das du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer und kein Riegel. Nur mit einer schweren Kette binden wir dich, die heisst Liebe, und ihr Mass ist Geduld.»

Vergebung und Annahme

Im Eigenbau entstand ein Familienhäuschen nach dem andern, beispielsweise das «Schweizerhaus», die «Grüne Tanne», die «Schwalbennester» für die Mädchen. Wichern gab jeder Familie einen Garten, jedem Kind ein Beet. Hier lernten sie Ordnung und Fleiss. Er schaffte ihnen Arbeit im Schnitzen von Holzschuhen, im Bauen neuer Häuser.

Vier grosse und 20 kleine Kerzen

Sein Frohmut machte die Kinder fröhlich durch Sang und Klang, durch allerlei Feste, die sie feierten. So bastelte er mit seinen Jungs den ersten Adventskranz und bestückte ihn mit vier grossen und 20 kleinen Kerzen. Um diesen leuchtenden Kranz erlebten die Verwahrlosten und in ihrer Seele Verkümmerten Licht, Wärme und Gemeinschaft. Die kalten Hamburger Nächte mit ihren Versuchungen griffen nun vergeblich nach ihnen. Das «Rauhe Haus» war ein Rettungshaus, beschützt von Gottes Engel-Wacht.

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Johann Hinrich Wichern.

«…als wäre er in einer anderen Welt»

Der Theologe Wichern war, wie Pestalozzi, ein geborener Erzieher. Er schreibt: «Heute wurde Paul angenommen. Gottfried und Matthias führten ihn in einen Betsaal, Karl und Jakob trugen Milch und Brot. Ich sagte einige Worte über den Spruch: «Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt mich auf». Ich fragte Paul, ob er einen Wunsch habe. Er sagte, dass er Durst habe. So erhielt er Milch und Brot, griff zu, ass und trank, während wir für ihn beteten und ein Lied anstimmten. Dann gab ich ihm einen Kuss und führte ihn zu meiner Frau und zu meiner Mutter, die ihm die Hand reichten. Der Junge wusste sich kaum zu fassen. Ihm war, als wäre er in einer anderen Welt. Er war auch in einer anderen Welt.»

Kranz mit Dornen

Wenn auch dieses Jahr dem Adventskranz in unserer Kirche ausser dem Tannenreisig noch einzelne Dornen beigewunden sind, so soll dies zeigen, dass Christus, der König des Lichts, als Menschensohn für unsere Rettung gekämpft und gelitten hat. Ein Heer von «Verwahrlosten der kalten Nächte» breitet sich vor uns aus. Die Innere Mission und Diakonie der Kirche drohen unter einem Geflecht von Gesetzen, Verordnungen und kühl-offiziellen Korrektheiten selbst zu erfrieren. Doch das Adventslicht ist stärker als die Finsternis. Ora et labora, bete und handle!

Autor: Armin Sierszyn ist Pfarrer in Bauma ZH und Professor für Kirchengeschichte an der STH Basel
Quelle: Chilezyt Bauma, Dezember 2005, Bearbeitung Livenet


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