«Mein Vater war alkoholkrank»

Wenn ein Tränenmeer kostbar wird

Eine traumatische Kindheit hinterliess im Leben von Anneliese Ingold ihre Spuren. Sie konnte sich aber mit ihrer Vergangenheit versöhnen und entschied sich, die Sache ans Licht bringen. Heute begleitet sie Angehörige von Alkoholsüchtigen.

Zoom
Anneliese Ingold
Eine leidende Familie. Der Vater ist alkoholkrank, Mutter und Kinder stets auf der Hut und besorgt, den Frieden zu wahren. Konflikten wird ausgewichen, Aussprachen sind unmöglich. Es bleiben gegenseitiges Misstrauen, Enttäuschungen und ungesunde Mechanismen, mit den vielen Verletzungen zurechtzukommen. So ist die Geschichte von Anneliese Ingold und vieler anderer. Während es für Alkoholkranke viele Hilfsangebote gibt, bleiben deren Angehörigen oft sich selbst überlassen, isoliert und voller Scham.

Ein schlechter Start ins Leben

Anneliese erlebte ihre Kindheit so, als würde ein Erdbeben dem anderen folgen. Damals konnte sie das Erleben nicht beschreiben. Heute erklärt sie: «Ich zog mich immer zurück, versteckte mich irgendwo und hoffte, unbemerkt zu bleiben.» Ja, sie zog sich vom Leben selbst zurück. Nicht nur die Emotionen, sondern auch motorische Fähigkeiten verkümmerten. «In der Nacht war ich oft wach und achtete darauf, was vor sich ging.» Aus unerklärlichen Gründen tobte der Vater. Es blieb das Bedürfnis, weit weg zu gehen. «Ich haute tatsächlich ab, wurde aber immer von irgendjemandem wieder zurückgebracht.»

Dem Unterricht konnte sie nicht folgen, die Schulnoten waren unterirdisch. Heute glaubt sie, dass kaum jemand damit rechnete, dass sie ihr Leben jemals meistern würde.

Überforderung

Das Umfeld ist überfordert, stellt fest, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber was kann schon getan werden? Innerhalb der betroffenen Familie entstehen Mechanismen zum Überleben. Kinder übernehmen viel zu früh Verantwortung, dürfen kaum Kind sein. Es fällt schwer, dem anderen zu vertrauen. Oft geraten Angehörige aneinander wegen unausgesprochenen Bedürfnissen.

Familienangehörige von Alkoholkranken lernen nicht, dass Konflikte gelöst werden können. Es wird geschwiegen, Familien zerbrechen, aber über die schlimmen Erfahrungen wird nicht gesprochen.

Der Fluch des Schweigens durchbrechen

«In unserer Familie war eine Sache klar: Über Probleme spricht man nicht!» Doch später wurde es für Anneliese Ingold immer klarer: «Die Sache muss ans Licht kommen, sonst wird es immer schlimmer.» Sie entschied sich, über traumatische Erfahrungen zu sprechen. So kam sie in Kontakt mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und stellte fest, dass das Schweigen viele innerlich zerfrisst.

Angehörige von Alkoholkranken versuchen oft, dem Betrunkenen alles Recht zu machen. «Nur keinen Anlass zur Wut geben, sonst wird alles nur schlimmer.» Dieses Muster nehmen sie mit an ihren Arbeitsplatz, wo sie ausgenutzt werden, bis ihre ohnehin reduzierten Kräfte am Ende sind. Sie verlieren den Job und das Gefühl von Versagen und Wertlosigkeit erstarkt.

Es gibt Hoffnung!

Die eigene Geschichte ans Licht zu bringen ist der Anfang eines meist langen Weges der Heilung. Anneliese ist dankbar für gute Seelsorger, welche sie über viele Jahre hinweg begleitet haben. Sie verarbeitete ihre Erfahrungen auch durch das Niederschreiben und Malen. Einmal malte sie ein Bild mit viel Wasser, das ihre unzähligen Tränen symbolisieren sollte. Während des Malens erinnerte sie sich an Jesus, der über das Wasser ging. Diese Vorstellung hatte eine heilende Wirkung. Gott in den Heilungsprozess einzubeziehen, ist für sie das Wichtigste geworden.

«Wie weit lassen wir uns aufs Kreuz ein und lassen uns von Gott helfen?», fragt sie. «Nur so wird es immer heller, bis Leichtigkeit und Licht ins Leben kommen. Je mehr ich mich aufs Kreuz einlasse, desto mehr echtes Leben erfahre ich.»

Angehörige von Suchtkranken brauchen eine Stimme

Heute ist Anneliese Ingold 62 Jahre alt und schon einen weiten Weg gegangen. Obwohl sie mit der Vergangenheit versöhnt ist, haben die traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit tiefe Spuren hinterlassen. Sie ist beispielsweise noch immer sehr schreckhaft. Trotzdem konzentriert sie sich heute auf Menschen, die in ihrem Weg der Heilung am Anfang stehen. «Angehörige von Alkoholkranken brauchen eine Stimme!»

Für sie war es lange schwierig, ihrer Geschichte etwas Gutes abzugewinnen. Indem sie sich in Menschen mit ähnlichen Erfahrungen investierte, erkannte sie ihre Bedeutung in dieser Welt. «Es gibt einen ganz persönlichen Weg, den Gott mit mir gehen will.» Auf diesem Weg begegnete ihr viel Widerstand. Aber: «Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen.» 1988 führte sie die erste Wohltätigkeitsveranstaltung für Betroffene durch. Das war der Beginn eines langjährigen Engagements. In Gesprächen mit Betroffenen konnte sie schon vielen helfen. Es freut sie auch, dass ihre Bücher bei vielen eine heilende Wirkung erzielen.

Schätze aus dem Leben weitergeben

Heute geht Annelies aufmerksam durchs Leben, hält vieles schriftlich fest. Es soll nicht in Vergessenheit geraten. «Das Leben ist schön», sagt sie immer wieder. «Menschen mit traumatischer Vergangenheit, müssen lernen, ihr Leben zu geniessen.» Oft sind es einfache Erkenntnisse, die im Leben zu echten Perlen werden. So beispielsweise: «Solange du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist du noch weit weg vom Weg zur Weisheit.» Oder: «Was in uns steckt ist viel grösser als unsere Erscheinung.»

Anneliese Ingold ist zwar keine charismatische Rednerin, wurde in den letzten Jahren aber immer wieder eingeladen, aus ihren Büchern vorzulesen und aus ihrem Lebensschatz zu teilen. Dabei ist sie sich der Grenzen ihrer Kräfte bewusst. «Wunder kann ich nicht wirken. Diese Aufgabe darf ich aber demjenigen überlassen, der es tun kann.»

Zum Thema:
Zorn, Schuld – und Vergebung: «Alles, wonach ich mich sehnte, war die Liebe meines Vaters»
Vom Scheich zum Verfolgten: Jesus schützte ihn vor seinem Vater
Verletzlich, aber hoffnungsvoll: «Wir alle hinterlassen Spuren – einige sind gut, andere schlecht»

Datum: 03.11.2019
Autor: Markus Richner-Mai
Quelle: Livenet

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige

RATGEBER

Adventszeit Advent ist, was man daraus macht
Am 1. Dezember begann der Advent – die Zeit von Weihnachtsmärkten und -melodien, von Lebkuchen,...