Eric-Emmanuel Schmitt

Der Atheist, der Gott begegnete

Der französisch-belgische Schriftsteller, Regisseur und Philosoph Eric-Emmanuel Schmitt hat sich vom Atheismus zum Christentum bekehrt. Ausschlaggebend war ein Erlebnis 1989 in der Wüste Sahara. Erst im letzten Jahr machte er diese religiöse Erfahrung öffentlich. Davon handelt dieses Interview.

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Eric-Emmanuel Schmitt
Warum haben Sie 27 Jahre lang gewartet, um Ihre spirituelle Erfahrung in der Wüste publik zu machen?
Eric-Emmanuel Schmitt: Ich habe lange geglaubt, dies sei eine sehr persönliche und einmalige Erfahrung gewesen, die niemand anderen etwas angeht. Da lag ich falsch. Wenn man das Glück hat, etwas vom Licht zu empfangen, muss man dieses weitergeben, verbreiten.

Ich habe auch Zeit gebraucht, weil ich nicht bereit war, diese spirituelle Erfahrung ins Leben umzusetzen. Ich war ein Atheist, friedlich, aber mit einer vollständig atheistischen Überzeugung. Als ich mich damals in die Sahara begab, suchte ich nichts – auf jeden Fall nicht Gott.

Die Gnade ist also auf mich gefallen, der ich absolut nicht bereit dafür war. Sicher war ich schon irgendwie vorbereitet, denn ich habe mich mit Philosophie und metaphysischen Fragen beschäftigt. Ich habe viel Zeit gebraucht, um dieser Gnade Raum zu geben. Es gab in meinem rationalen und relativistischen Denken etwas, das mich zögern liess. Nur langsam ist diese selbstverliebte Seite, die nach eigener Stärke strebt, gewichen und ich habe die Offenbarung der Gnade akzeptieren können. Es hat also noch Jahre gebraucht, bis ich der gläubige Mensch wurde, der ich nun bin.

Und dann, als ich angefangen habe, darüber zu sprechen, sagte ich nie alles. Ich war sehr langsam. Was mich letztlich in Schwung brachte, war die Gewaltsamkeit der aktuellen Weltsituation. Es ist eine Welt voll Lärm von Dummköpfen, die im Namen Gottes töten, morden und vergewaltigen. Da habe ich mir gesagt, dass es an der Zeit ist, von meinem Glauben zu sprechen, der im Innern wächst und der nichts mit dem Krach rundherum zu tun hat.

Verloren in der Wüste haben Sie eine Nacht in Einsamkeit und Kälte verbracht. Sie sagen, dass Ihr «Sein» in dieser Nacht aus Ihrer menschlichen Hülle herausgetreten sei und Sie zu einer Macht geführt habe, die Sie später Gott genannt haben. Warum sagen Sie, dass Gott Ihnen hier begegnet ist?
Auf die Frage des «Warum» weiss ich keine Antwort. Warum ich, er oder sie? Ich habe keinerlei Verdienst, denn ich habe auch keine Schritte unternommen, die mich zur Offenbarung hingeführt hätten. Das «Wie» kann ich aber beantworten. In dieser Nacht habe ich mich am Fuss des Berges Tahat selbst innerlich von meinem Ego losgelöst. Ich habe aufgehört, alles bestimmen zu wollen und unter Kontrolle zu haben. Ich war ein Intellektueller. Jemand, der alles beherrschen will durch seinen Verstand und der es nicht erträgt, wenn ihm etwas entgeht. Aber dieser Mensch, der alles beherrschen will, war auf der Flucht. Plötzlich war ich unendlich schwach. Ich habe alle Ideale von Beherrschen können und von Vernunft verlassen und den ganzen Platz dieser Erfahrung gelassen. Wenn ich nicht diese Schwäche gehabt hätte, wo hätte dann Gott eintreten können?

Was sind die Reaktionen auf Ihr Buch «Die Nacht des Feuers»? Einige wollten Sie zur Vernunft bringen, indem sie Ihre Erfahrung den besonderen Umständen zuschrieben, in denen Sie sich befanden.
Das habe ich selber auch so gemacht. Ich wollte diese gemachte Erfahrung selber auf ein natürliches oder psychologisches Phänomen reduzieren. Ich habe x-Mal versucht, diese Nacht zu verleugnen und sie nicht als das zu sehen, was sie wirklich war, nämlich ein mystisches Erlebnis, eine Begegnung mit Gott.

Solche Argumente können also meiner Gewissheit nichts anhaben. Keiner dieser Einwände ist haltbar. Chemische oder naturwissenschaftliche Erklärungen genügen nicht. Und die psychologischen Erklärungsversuche stehen auf noch schwächeren Füssen.

Aus Faulheit hätte ich dieses Geschehen lieber auch auf derartige Erklärungen reduziert, um so der überzeugte Atheist zu bleiben. Das war aber nicht mehr möglich. Gewissen Personen, die mir widersprachen, habe ich gesagt: «Ihr wollt nicht zugeben, dass es möglich ist zu glauben? Ihr meint, dass das Leben des Geistes tot ist, dass man im spirituellen Leben keine Überraschungen mehr haben kann. Woher wisst ihr das? Und wenn ihr es nicht wisst, warum haltet ihr euch denn krampfhaft an dieser Illusion fest?» Ich warf also die Frage auf die Fragenden zurück.

Sie sagen auch, dass es das Herz ist, das Gott erkennt, nicht der Verstand...
Der Denker Pascal drückte es so aus: Gott lässt sich erfahren, nicht beweisen. Das hatte ich vergessen, als ich in die Wüste hineinging. Ich hatte den «Fall Gott» gelöst. Gott war in meiner Erfahrung nicht sichtbar, nicht nachvollziehbar in meinen Gedanken. Also konnte er in meinem gedanklichen Universum nicht existieren. Schlussendlich habe ich aber Gott in der Wüste Sahara erfahren.

Wie gesagt: Erfahren ist nicht beweisen. Meine Sprache ist weiterhin die eines Gläubigen und die eines rationalen Denkers. Ich muss da aber gleich hinzufügen, dass Glaube nicht gleichzusetzen ist mit Wissen. Gott erfahren, ihn mit seinem ganzen Sein und seinen Gefühlen kennen, heisst nicht, ihn auf wissenschaftliche Weise auch anderen Menschen zu beweisen. Über eine Erfahrung kann man nur Zeugnis geben. Unsere Gegenwart leidet unter denjenigen, die Glauben und Wissen miteinander vermischen: die atheistischen und die religiösen Fundamentalisten, die mit Gewalt agieren, weil sie meinen, sie besitzen allein die Wahrheit und das Wissen. Es scheint mir sehr wichtig, dass der Glaube und der Verstand demütig sind.

Der Glaube ist nicht ein Mittel, um Wissen anzuhäufen, sondern eine Art, mit dem Unwissen umzugehen, das Geheimnis des Glaubens zu leben. Glauben ist eine grosse, eine ausserordentliche Sache. Aber ich appelliere auch an die Bescheidenheit des Verstandes. Dass man Gott mit dem Verstand nicht erkennen kann, heisst nicht, dass Gott nicht existiert. Wie ich es in meinem Buch ausdrücke: Das Fehlen von Beweisen ist nicht ein Beweis ihrer Abwesenheit.

Wie erklären Sie, dass die Intelligenz und die Worte es nicht erlauben, Gott zu erfassen?
Wir haben die Sprache von endlichen, begrenzten Wesen. Wir können nicht das Unendliche und Unbegrenzte beschreiben. Die Sprache wurde erfunden, um das Gewöhnliche zu beschreiben, nicht das Ungewöhnliche; das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. Jede Annäherung an die göttliche Realität ist lediglich ein Bild. Man kann sich dem Göttlichen durch die Sprache annähern, ausdrücken, was eine Glaubenserfahrung ist.

Inwiefern glauben Sie, dass jeder eine solche Begegnung mit Gott machen kann, wie Sie sie gemacht haben?
Ich denke, dass viele Menschen ausserordentliche Erfahrungen machen; sie legen diese aber beiseite. Viele Menschen sind überwältigt von der Gegenwart einer ausserordentlichen Präsenz in ihrer Nähe. Oder sie erleben blitzartig einen Sinn im Universum. Sie sind ergriffen von der Schönheit und Harmonie, die sie umgibt, oder fasziniert durch ein Lächeln. Alle Menschen erleben Momente, die dem normalen Lauf der Zeit zu entgleiten scheinen, als ob da einen Augenblick lang die Ewigkeit hereinbräche. Und die Menschen verstecken dies dann in ihrer Hosentasche oder verdrängen es an den Rand des Lebens...

Warum eigentlich? Aus Bequemlichkeit, Gewohnheit, weil sie konformistisch denken. Weil sie ihr ganzes gedankliches Haus neu bauen müssten, um das zu integrieren, was geschehen ist. Das Problem mit einer Offenbarung ist, dass es eine Revolution ist. Das Spiel ist zu Ende. Man muss die Karten neu mischen und neu lernen zu spielen. Dafür habe ich Jahre gebraucht. Unser Zeitgeist drängt uns dazu, das zu verschleiern. Die vorherrschende Sprache ist materialistisch, pragmatisch, rational. Sie beruht auf dem intellektuellen Vorurteil, dass der Glaube altmodisch sei. Dass der Fortschritt der Zivilisation darin bestehe, sich der Religion zu entledigen und auf eine wirklich atheistische Gesellschaft hinzusteuern. Diese Philosophie behauptet, dass es ein Zeitalter der Vernunft gegeben habe und dass die Moderne ein Zeitalter des Atheismus sei. Das scheint mir eine vollkommene Dummheit.

Sollten wir uns mehr für Gott interessieren?
Die Frage nach Gott ist für den Menschen immer aktuell. Sie ist nicht nur in einer Epoche zeitgemäss, sondern in allen Epochen. Der Mensch lebt mit der Frage nach Gott. Wenn Gläubige sich begegnen, gibt es nicht zwei, die sich gleichen. Es gibt auch nicht zwei Atheisten, die sich gleichen. Jeder lebt das Geheimnis des Menschseins auf seine Weise, mit seiner eigenen Geschichte, seinem persönlichen Streben, seinen Enttäuschungen, seiner Begeisterung, seinen Begegnungen. Man kann sich weder Gottes noch der Religion entledigen. Es gibt auch keinen Grund, dies zu tun. Es gehört einfach zum Menschsein.

Ist es denn im 21. Jahrhundert nicht schwieriger zu glauben? Mit all den technischen Fortschritten?
Das Problem, das den Menschen seit dem 20. Jahrhundert und noch mehr im 21. Jahrhundert beschäftigt, ist der masslose Stolz. Der Mensch kann sich mit seinen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritten berauschen, mit der Beherrschung des Planeten, dem In-die-Hand-Nehmen seines eigenen Schicksals. Aber dieser Stolz täuscht. Er kann zu einer leeren Selbstverliebtheit führen, die glauben lässt, dass der Mensch über der ganzen Schöpfung steht, über allen Geschöpfen und sogar über einem Schöpfer, wie dieser auch sei. Indem er so denkt, vergisst der Mensch die Bescheidenheit und die Demut, die zu einem menschlichen Leben gehören.

Ja, unsere Zeit macht den Glauben schwierig, aber auch nötig. Das Christentum ist ein Bollwerk gegen eine materialistische Welt, die sich vor allem fürs Geld interessiert. Die Lehre der Evangelien ist eine anspruchsvolle Gegenmacht. Sie ist indessen nötiger als je zuvor.

Wie nähren Sie diesen Glauben im Alltag?
Es ist eher der Glaube, der mich nährt. Der Glaube hat seinen Platz in mir genommen, einen riesengrossen Platz. Er hat meinen Bezug zu den Mitmenschen und zur Welt verändert. Er gibt mir eine ungeheure Energie. Die Freiheit besteht darin, ja zu sagen, nicht nein. Einzuwilligen, zuzustimmen, anzunehmen. Das Leben nötigt mich, zu rennen, an unnütze Dinge zu denken, mich um meine eigenen Interessen zu kümmern. Ich lebe manchmal in Distanz zu meinem Glauben. Dann kehre nicht ich zu ihm zurück, sondern er überwältigt mich. Er ist stärker als ich. Ich bin es nicht, der sich um ihn kümmert, sondern er, der Glaube, kümmert sich um mich.

Dieser Text stammt aus der Verteilzeitung «Viertelstunde für den Glauben».

Die «Viertelstunde für den Glauben» können Sie unter folgender Adresse bestellen:
Schweizerische Evangelische Allianz
Josefstrasse 32
8005 Zürich
043 366 60 83
viertelstunde@each.ch
www.viertelstunde.ch

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Datum: 10.03.2016
Autor: Christian Willi
Quelle: Viertelstunde für den Glauben (SEA)

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