Psychodrama im Kino

«Der Unschuldige» oder wie stressig Affen und Kirchen sein können

«Visuell atemberaubend und hypnotisch», titelte die Kinoplattform outnow.ch. Livenet-Redaktor Roland Streit stellt sich hingegen die Frage, wo die differenzierte Bild- und Tonsprache bleibt, wenn man heikle Gesellschaftsthemen angeht. Oder geht's darum, mit bestehenden Klischees zu schockieren? Ein kritischer Kommentar zum aktuellen Streifen.

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Der Film «Der Unschuldige» läuft momentan in Schweizer Kinos.
Eine Wohlfühlstimmung in einer religiösen Gruppierung, Musik im Hintergrund, und die Kamera begleitet eine Frau, die einen sehr angespannten, gestressten Eindruck abgibt. Die Spannung nimmt zu und sie übergibt sich (vermutlich; dies ist eine erste filmische Unklarheit), fällt inmitten der Versammlung zu Boden und wälzt sich.

Krasse Kontraste

Natürlich ist nun der Zuschauer gespannt, was dahintersteckt und der Regisseur fährt so krass weiter. Er braucht das Stilmittel der heftigen Gegensätze, hart geschnitten. Wer den Film «Chrieg» vom Regisseur Simon Jaquemet kennt, weiss, dass er kein Spieler der zarten Saiten ist – im Gegenteil.

Der Zuschauer findet sich mit Ruth, der Mutter einer vierköpfigen christlichen Familie, ungebremst auf einer emotionalen Achterbahn wieder. Die Spannung hält bis zum Schluss. Welcher Schrecken kommt als Nächstes um die Ecke?

Unschuldiges Tier

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Cover «Der Unschuldige»
Etwas sehr Gelungenes ist das Plakat, auf dem man einen wichtigen Geschichtsstrang mit dem Affen und den Tierversuchen sieht. Ist ihr Job im Tierlabor der Hauptauslöser ihres psychischen Ausnahmezustandes?

Jedenfalls folgt im Film schon bald eine Szene, in der sie im Dämmerlicht auf dem Feld mühsam ein Loch gräbt, um darin Fleischstücke zu vergraben. Beim Nachtessen gibt's dann in der Familie mit zwei Teeniegirls ein Vegi-Menü – das Fleisch ist nun ja weg.

Die Aufnahmen sind exemplarisch für den ganzen Film: Düster bedrohliche Kulisse, nur wenig Geräusche und Spannung in der Luft.

Schlussendlich steht Ruth dann im Dilemma, ob sie am leidenden, nur knapp überlebenden Affen im Labor aktive Sterbehilfe leisten, oder weiterhin routinemässig ihren Job erledigen und emotionslos die Maschinen bedienen soll.

So gibt es eine weitere Kontrast-Szene, nämlich als die Hauptdarstellerin ganz persönlich zu ihrem Jesus betet, und man als Nächstes eine Grossaufnahme des leidenden Affen mit angehängten Schläuchen im Laborbett sieht.

Ihr extremer Gemütszustand wird während des Films durch das Umfeld einer religiösen christlichen Gruppierung, die der Regisseur als Freikirche bezeichnet, noch verstärkt, statt zu helfen und beruhigen. Der Kirchenleiter ist extrem manipulativ und unsensibel und meint, er müsse den Teufel aus Ruth austreiben.

Sehr dick aufgetragen

Alles in allem wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit der grossen Kelle angerührt und dick aufgetragen wird. Trotzdem hat der Zuschauer auch mit filmischen Ungereimtheiten zu kämpfen.

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Regisseur Simon Jaquemet
Themenmässig wird eine geballte Ladung Konfliktstoff inszeniert, was nicht unbedingt realistisch ist: Tierversuche, sexuell heftige Ausschweifungen, Exorzismus, öffentlich praktizierter Zungengesang, Wahnvorstellungen, psychische Zusammenbrüche, manipulierender Kirchenführer.

Oder muss zum Beispiel die Mutter Ruth gerade noch halbtot und blutig geschlagen werden, wenn sie die eigene Tochter bei wildem Sex ertappt? Will man zum Nachdenken anregen, kann man dies auch subtiler machen. Hier wird schockiert und auf krasse, nicht alltägliche Szenen gesetzt.

Nichts für schwache Nerven

Interessante Thematiken werden aufgeworfen; zum Beispiel «dass extreme Glaubens-Gruppierungen psychisch Belastete vergeistlicht behandeln, misshandeln können», jedoch werden sie durch die Machart gerade wieder stürmisch weggepustet.

Es stimmt auch nachdenklich, wie viele grosse Medienhäuser den Film unterstützen und promoten. Man fragt sich, was der Film bewirken will – ausser krasse Klischees zu transportieren; und wo zu wirklichem Nachdenken angeregt wird, weil er nicht grad eine plakative Antwort mitliefert?

114 Minuten auf cineastischen Nadeln; nichts für schwache Nerven und auch schwierig für differenziert denkende Zuschauer.

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Datum: 08.11.2018
Autor: Roland Streit
Quelle: Livenet

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