Pfarrer Paul Bernhard Rothen

«Gott hat uns mit Bruder Klaus etwas geheimnisvoll Gutes geschenkt»

Nach 20-jähriger Vorarbeit beschreibt Pfarrer Paul Bernhard Rothen im Buch «Der Name Jesu sei euer Gruss» die Bedeutung von Bruder Klaus, des «Friedensstifters im Herzen Europas». Anlässlich der Vernissage hat idea mit ihm gesprochen.

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Pfarrer Paul Bernhard Rothen
Herr Rothen, Ihr neues Buch soll etwas mit Mani Matter zu tun haben...
Zu meiner Zeit als Maturand erschienen Mani Matters «Sudelhefte». In ihnen las ich, dass er eine «Verteidigung des Christentums» verfassen wollte. Dazu kam es wegen seines frühen Todes nicht. Mir aber gab dieses grosse Vorbild den Anstoss dazu, Theologie zu studieren.

Wie kamen Sie in der Folge dazu, sich näher mit Bruder Klaus zu beschäftigen?
Die Theologie führte mich zu Luther. Von ihm lernte ich das unbedingte Vertrauen zum Bibelwort. Wenn man den Details und dem grossen Spannungsbogen der Bibel beharrlich und präzise nachdenkt, gewinnt man Erkenntnisse, die befreiend und beglückend sind, gerade wenn man sich bescheiden an das hält, was uns damit gegeben ist. Ich suchte dann auch neue Formen der Verkündigung und kam so auf das Kirchenspiel. Als Vorlage für ein Spiel stiess ich auf die Geschichte von Bruder Klaus.

Wieso gerade auf Bruder Klaus?
Diese Persönlichkeit war in meinem Studium nie ein Thema. Nach der Heiligsprechung 1947 entwickelten viele Protestanten eine Abneigung gegen diesen Mann, der die Familie verlassen hatte. Mich interessierte die Verbindung der radikalen Nachfolge Jesu mit dem Engagement für das politische Wohl des Volkes.

In der Zwischenzeit ist er oft politisch vereinnahmt worden.
Es ist legitim, dass sich verschiedene Kreise auf ihn beziehen. Er hat nationale Bedeutung. Die Obwaldner haben bei der Jubiläumsfeier von 2017 denn auch verschiedensten Kreisen das Wort erteilt. Das habe ich geschätzt. Es zeugt von Respekt vor diesem Erbe. Aber natürlich wird Bruder Klaus auch vereinnahmt. Mich stört, dass man sich immer wieder auf das berühmt-berüchtigte Wort «Macht den Zaun nicht zu weit» bezieht. Dieses wurde Niklaus von Flüe erst fünfzig Jahre nach seinem Tod in den Mund gelegt, nämlich in der 1537 gedruckten Lebensbeschreibung des Luzerner Gerichtsschreibers Hans Salat. Dieser war alles andere als ein zuverlässiger Zeuge. Er wurde einige Jahre nach dieser Publikation wegen unsauberer Händel entlassen.

Wie reagierten Sie auf die politische Vereinnahmung?
Ich schrieb deswegen an Christoph Blocher und andere. Die Antwort, die ich darauf von einem Nidwaldner Nationalrat erhielt, war typisch: Auch von Jesus habe man keine zuverlässigen Berichte, meinte er. Deshalb beziehe man sich auf das, was sich von Jesus als zeitlos gültig erwiesen habe. So sei auch das Wort vom Zaun in das kollektive Bewusstsein gedrungen; es formuliere eine Maxime der schweizerischen Politik, sagt Christoph Blocher. Ein solches Verständnis ist bequem: Man nimmt aus der Geschichte, was einem bekannt und lieb ist, und schiesst andere mit seinen Maximen ab. Doch eine Gemeinschaft lebt nicht von maximalen Erkenntnissen, sondern von der Liebe, die sich auf vielfältige Weise einsetzt.

Und wie lautet Ihre Schlussfolgerung daraus?
Mein Buch erzählt, was für einen langen inneren Weg Bruder Klaus zurückgelegt hat und was für grosse persönliche Opfer erbracht werden mussten, so dass er der Eidgenossenschaft ihre erste tragfähige Friedensordnung vermitteln konnte. Damit ist das Buch, wie Antonio Loprieno an der Vernissage gesagt hat, ein Ruf zur Umkehr: Auch wir sind aufgerufen zu lieben, wo nötig Opfer zu bringen – und nicht Maximen zu propagieren. Das dürfte der Grund sein, weshalb Politiker – und auch Pfarrer – lieber nicht zu viel Präzises von Bruder Klaus wissen möchten. Sie fürchten, dass sie sonst umdenken müssten.

Was wollen Sie der Kirche vermitteln?
Ich lege den Schwerpunkt nicht auf die Visionen von Bruder Klaus, sondern halte mich an die zuverlässigen Quellen und interpretiere sein Lebenswerk auf der Grundlage der Bibel. Damit wird Bruder Klaus zu einem herausragenden Beispiel für das, was für die Kirche die einzige Existenzberechtigung bildet: Das Evangelium, wie es zu allen Zeiten verkündigt wurde. Gott ist Mensch geworden, er hat für uns gelitten und ist für uns auferstanden. Deshalb habe ich auch herausgearbeitet, dass Bruder Klaus sein Werk nur mit Hilfe seiner beiden Seelsorger tun konnte. Ohne ihr solides Wissen, ihren persönlichen Ernst und ihr umsichtiges Raten wäre das Friedenswerk von Stans nicht möglich geworden. Bruder Klaus hat sich aber schon damals nicht einfach irgendeinem Pfarrer anvertraut. Ihm war es wichtig, glaubwürdige Begleiter zu haben, Seelsorger, die ihm die Wahrheit sagten, auch wenn sie weh tat. In diesem Sinne können die Amtskirchen auch heute Menschen in eine ernsthafte Nachfolge rufen und damit für die nachfolgenden Generationen segensreich wirken.

Was folgern Sie daraus?
Das Buch will zu einer nüchternen Bescheidenheit mahnen. Mit Bruder Klaus hat Gott dem Schweizer Volk etwas geheimnisvoll Gutes geschenkt. Ich halte es für arrogant, zu erwarten, dass Gott uns alle zwei, drei Tage wieder etwas Ähnliches schenken müsste. Gott darf doch erwarten, dass wir schätzen, was er uns gegeben hat, und davon lernen. Dass wir also zum Beispiel nachvollziehen können, wo genau das Friedenswerk von damals bis in unsere heutige Gesetzgebung weiterwirkt, und was es deshalb zu achten und neu zu stärken gilt.

Lesen Sie das ausführliche Interview im Wochenmagazin ideaSpektrum 23-18. Es geht um Fragen zur Kirche heute, um Kritik an der Pfarrerausbildung und darum, wer der eigentliche Sieger der Geschichte ist.

Pfarrer Dr. Paul Bernhard Rothen (63) hat in Bern, Lund und Heidelberg Theologie studiert und sich in Paris theaterwissenschaftlichen Studien gewidmet. Nach seinem ersten Pfarramt in Zweisimmen BE von 1984 bis 1992 wurde er Basler Münsterpfarrer (1992 bis 2010). Seither ist er Pfarrer in Hundwil AR. Rothen ist Autor zahlreicher Bücher und hat mehrere Kirchenspiele geschrieben, unter anderem auch über Bruder Klaus. Ausserdem ist er Gründer der Stiftung Bruder Klaus und Vizepräsident des Evangelisch-theologischen Pfarrvereins.

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Datum: 13.06.2018
Autor: Fritz Imhof
Quelle: idea Spektrum Schweiz

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