Zurück zur Gnade

Philip Yancey: «Wir tun uns schwer damit, Gnade zu kommunizieren»

Gnade ist eines der grossen Themen des US-Journalisten und Autors Philip Yancey. In Europa ist er vor allem durch sein Buch «Gnade ist nicht nur ein Wort» bekannt. Sein neues Buch «Zurück zur Gnade» geht der Frage nach, wieso die Botschaft der Gnade vielen Gemeinden abhanden kam. Das Buch ist nun auch auf Deutsch erschienen.
Philip Yancey
Buchcover «Zurück zur Gnade»
Philip Yancey ist ein US-amerikanischer Journalist und Autor.

In den USA erschien das Buch von Philip Yancey bereits Ende 2014 und wirbelte einigen Staub auf. Es heisst «Vanishing Grace. What Ever Happened to the Good News?» – «Verschwindende Gnade. Was ist eigentlich mit der Guten Nachricht passiert?». Dieses Buch ist nun auch auf Deutsch mit dem Titel «Zurück zur Gnade» (SCM Verlag) erschienen. Darin beschreibt der Bestsellerautor die Schwierigkeit der amerikanischen Gemeinden (teils auch der westlichen Gemeinden insgesamt), in einer post-christlichen Zeit Gnade verständlich zu zeigen und zu leben.

Relevant Magazine unterhielt sich mit dem Autor:

Der Titel Ihres neuen Buches «Zurück zur Gnade» klingt nach einem Kontrapunkt zu Ihrem Klassiker «Gnade ist nicht nur ein Wort». Hat sich etwas in Ihrer Wahrnehmung von Gnade geändert?
Philip Yancey: Offensichtlich schwindet Gottes Gnade nicht, aber in unseren Kirchen und Gemeinden tun wir uns schwer damit, sie weiterzugeben. Als ich «Gnade ist nicht nur ein Wort» schrieb, sorgte ich mich wegen der Zunahme der religiösen Rechten, der «Moral Majority» – weniger wegen ihrer Politik, sondern weil viele Leute dachten, dass Amerika dadurch wieder eine christliche Nation werden könnte, was immer das heisst. Ich sah hierfür einfach keinen Auftrag in der Bibel.

Schliesslich strich ich vieles von dem Material, das ich zum Verhältnis von Christen zur Gesellschaft zusammengestellt hatte, wieder heraus aus dem Buch. Später fand ich diese statistischen Angaben: 1996 hatten 85 Prozent der nicht religiösen Menschen eine positive Meinung über Christen. 2010 waren es nur noch 16 Prozent. Wir tun uns schwer damit, Gnade zu kommunizieren.

Denken Sie, dass in unserer Zeit etwas Einzigartiges passiert, was so noch nicht geschehen ist?
Es ist viel geschehen. Wenn Sie heute Nichtchristen interviewen und bitten, etwas über Christen zu sagen, gebrauchen sie Begriffe wie verurteilend, selbstgerecht, heuchlerisch und eine Menge «Anti»-Wörter: «Sie sind gegen Wissenschaft, gegen Schwule, gegen Abtreibung, wahrscheinlich auch gegen Sex.»

Christen sind zur Moral-Polizei der Gesellschaft geworden. Jesus hat man noch angeklagt, weil er mit Sündern herumhing, den Prostituierten und Zöllnern. Man beschuldigte ihn, die ganze Zeit mit den falschen Leuten zusammen zu sein. Irgendwie schrecken wir diese «falschen Leute» ab, die Jesus noch anzog. Irgendwie sagen wir es nicht weiter, dass wir lebendiges Wasser haben, das einen Durst löscht, der unter den Menschen um uns herum absolut vorhanden ist, auch wenn er vielleicht nicht jedem bewusst ist.

Wie kommen wir weg von diesem negativ angesehenen Christsein?
Ich erkenne drei Menschentypen, die besonders effektiv darin sind, Gottes Gnade in einer zunehmend post-christlichen Welt weiterzugeben: Aktivisten, Künstler und Pilger.

Aktivisten handeln mit Taten von Barmherzigkeit. Damit erreichen sie die Herzen von Menschen. Diese öffnen sich für ihre Botschaft. Und irgendwann wollen diese Menschen wissen, warum sie das tun.

Künstler sind auch effektiv darin. Kunst schleicht sich unterbewusst ein. Historisch gesehen war die Kirche immer ein grosser Kunstförder, heute trifft dies auf manche Gemeinden zu, auf andere kaum. Künstler ordnen sich nicht leicht ein, aber sie sind sehr gut darin, das Evangelium einer Gesellschaft zu sagen, die es eigentlich ablehnt.

Die letzte Gruppe sind die Pilger. Wir können sagen: «Hallo, wir sind genauso unterwegs wie du, aber wir wissen etwas vom Ziel, so und so hat uns das im Leben geholfen», statt klarzustellen: «Wir sind drinnen, ihr seid draussen. Ihr seid schlecht. Und ihr geht dafür in die Hölle.»

Sehen Sie sich die Geschichten an, die Jesus erzählt, von verlorenen Menschen, verlorenen Münzen, verlorenen Schafe und dem verlorenen Sohn. Ich betrachte Menschen inzwischen als verloren. Viele sind einfach unterwegs, wissen nicht, warum sie hier sind, wie sie leben können oder Entscheidungen treffen. Als Pilger auf dem gleichen Weg können wir sagen: «Hier ist etwas, was ich gelernt habe, das dir vielleicht auch hilft.»

Wie halten wir als Christen unseren Kurs, sind kulturell relevant und bleiben gleichzeitig unserer Berufung treu?
Jesus gebrauchte dafür den Ausdruck «in der Welt, aber nicht von der Welt» zu sein. Kürzlich hörte ich Amy Sherman sagen, dass Christen meist auf eine von drei Arten mit der Gesellschaft in Beziehung treten - einmauern, entgegenkommen oder beherrschen:

Einmauern
Einige von uns ducken sich. Wir ziehen einen Graben. Wir umgeben uns den ganzen Tag mit Gleichgesinnten. Doch Jesus sagte: «Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe» und nicht in den sicheren Stall.

Entgegenkommen
Die Botschaft verwässern. Jesus tat das sicherlich nicht.

Beherrschen
Die Mentalität «Lass uns Land zurückgewinnen». Damit neigen wir dazu, Menschen zu Feinden zu erklären und sie abzuschrecken.

Meiner Meinung nach sollen wir Vorreiter für Gottes Reich sein und der Welt ein anderes Menschenbild zeigen. Wir sind nicht zum Grossreinemachen der Gesellschaft berufen. Jesus oder Paulus verbrachten ihre Zeit gar nicht damit. Wir werden auch nicht alle in der Welt bekehren. Das wäre schön, aber es wird nicht passieren.

In Hebräer, Kapitel 12, Vers 15 heisst es: «Seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume.» Wenn wir durchs Leben gehen und darauf achten, dass niemand Gottes Gnade verpasst, fallen wir auf. Und zeigen der Welt damit ein besseres Menschenbild.

Zum Buch:
Zurück zur Gnade von
Philip Yancey (Deutschland / Schweiz)


Zur Webseite:
Philip Yancey

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Datum: 08.02.2016
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Relevant Magazine

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