Galileo-Moderator Stefan Gödde

«Es ist ein Gewinn, biblische Stätten zu besuchen, die Jesus sah»

Stefan Gödde ist hunderttausenden TV-Zuschauern als Moderator des ProSieben-Wissensmagazins «Galileo» bekannt. In seinem Buch «Nice to meet you, Jerusalem» nimmt er den Leser mit auf Entdeckungstour. Im Interview erklärt der Katholik, warum jeder Gläubige einmal in diese Stadt reisen sollte, was die Besuche mit seinem Glauben machen und was er nachts in der Grabeskirche erlebte.
Stefan Gödde (Bild: Instagram)

Jerusalem ist – neben Rom – Ihre Lieblingsstadt. Über die israelische Stadt haben Sie ein Buch geschrieben. Woher kommt Ihre Faszination für Jerusalem? Was beeindruckt Sie an der Stadt?
Stefan Gödde:
Ich kenne keine andere Stadt auf der Welt, in der sich verschiedene Kulturen, Nationen, Religionen und Weltanschauungen so sehr verdichten wie in der Altstadt von Jerusalem. Ein unglaublich faszinierender Ort. Und obwohl ich schon viele Male dort war, entdecke ich immer wieder etwas Neues, lerne spannende Menschen kennen, die mir ihre Geschichten erzählen. Jerusalem ist eine Schatzkammer. Und ich finde, jeder sollte zumindest einmal im Leben dort gewesen sein, um das ganz spezielle Lebensgefühl aufzusaugen. Und um diese besondere Spannung zu erleben, die in der Luft liegt.

Und was fasziniert Sie an Rom?
Ähnlich wie Jerusalem ist Rom randvoll mit den Themen Geschichte und Religion. Und doch gibt es natürlich Unterschiede: Während im Heiligen Land nur noch rund zwei Prozent der Bevölkerung Christen sind, ist Rom sozusagen das Epizentrum des Katholizismus, mit dem Vatikan als Hauptquartier von 1,2 Milliarden Katholiken weltweit. Das prägt natürlich eine Stadt auf eine beispiellose Art und Weise. Und ganz nebenbei ist Rom natürlich auch eine der schönsten Städte der Welt. Deshalb freue ich mich sehr, bald häufiger dort sein zu können – aktuell arbeite ich an einem Buch über die Ewige Stadt.

Gab es für Sie einen konkreten Anlass oder Erlebnis, in dem sich Ihre Begeisterung für Jerusalem und Israel gründet?
Als Jugendlicher habe ich in einem amerikanisch-jüdischen Feriencamp als Kinderbetreuer gearbeitet – in der Nähe von New York. Dort habe ich viele Israelis kennengelernt, mich mit ihnen angefreundet und habe sie danach in ihrer Heimat besucht. Seitdem war ich schon viele Male in Israel – ein Land, das flächenmässig nur so gross ist wie Hessen, aber unglaublich viel zu bieten hat: unterschiedlichste Landschaften, freundliche Menschen, tolles Essen, Beach-Life, faszinierende Städte. Als Tourist kann man auf engsten Raum extrem spannende Kontraste erleben.

Viele Touristen machen einen Bogen um Israel, sie befürchten eine Gefahrensituation vor Ort. Wie erleben Sie die Sicherheitslage im Land bei Ihren Besuchen?
Als Tourist muss man sich darauf einstellen, auf der Strasse bewaffnete Menschen zu sehen – das gehört in dieser Region der Welt einfach dazu. Mich persönlich beunruhigt das nicht. Und Freunde vor Ort haben mich in meiner Einschätzung immer wieder bestätigt: dass man als Tourist nicht Teil des Konfliktes ist. Das heisst, niemand im Land hat ein Interesse daran, dass Touristen zwischen die Fronten geraten oder sich bedroht fühlen.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel?
Es war für mich persönlich ein extrem berührendes Erlebnis – damals in dem amerikanischen Ferienlager –, dass ich als junger Deutscher von den Israelis so herzlich aufgenommen wurde. Denn historisch belasteter und damit potentiell komplizierter könnte ein Verhältnis zweier Länder ja nicht sein. Und doch habe ich den Eindruck, dass die junge Generation einen Weg der Versöhnung gefunden hat. Das ist ein grosses Geschenk.

In Ihrem Buch «Nice to meet you, Jerusalem» teilen Sie verschiedene Erlebnisse mit Ihren Lesern: etwa ein Schabbat-Dinner im Haus eines orthodoxen Rabbiners. Was war an diesem Erlebnis besonders für Sie?
Ganz generell war es für mich als Christ sehr spannend, an einem traditionellen Schabbat-Dinner teilzunehmen zu dürfen, die alten Lieder mitzusingen, uralte Rituale kennenzulernen und diese ganz besondere Atmosphäre am Schabbat-Tisch zu spüren. Besonders berührend fand ich den Augenblick, als der Rabbi und seine Frau ihre acht Kinder segneten. Das war ein ganz besonderer, ein sehr intimer Moment.

Sie haben auch einen nächtlichen Ausflug in die Grabeskirche gemacht. Wie haben Sie das erlebt?
Wer jemals zur Hauptsaison in der Grabeskirche war, der wird mir Recht geben: Es geht dort oft zu wie auf einem geschwätzigen Basar, wortwörtlich. So viele Touristen und Pilger drängen sich dann durch die heiligen Hallen. Aber während der Nacht bekommt der heiligste Ort der Christenheit seine Würde zurück, denn dann feiern die verschiedenen christlichen Konfessionen ihre heiligen Messen. Und es ist faszinierend, diese Liturgien mitzuerleben – den Rhythmus der verschiedenen Sprachen und Traditionen auf sich wirken zu lassen.

In Jerusalem gibt es das Studio «Razzouk Tattoo» mit einer langen Familientradition. Sie haben sich bei dem christlichen Tätowierer Wassim Razzouk ein Tattoo stechen lassen und auch mit der Frage auseinander gesetzt, ob man aus der Bibel ein Tattoo-Verbot für Gläubige ableiten kann – Sie sind selbst Katholik. Warum haben Sie sich für ein Tattoo entschieden? Wie haben Sie das Motiv ausgewählt?
Ja, tatsächlich wirbt «Razzouk Tattoo» in Jerusalem mit der längsten Tattoo-Tradition der Welt, ununterbrochen seit dem Jahr 1300, mittlerweile in der 27. Generation. Aber nicht nur die Tradition ist uralt, sondern auch die Olivenholz-«Stempel», mit denen die Tattoo-Motive auf die Haut aufgebracht und dann mit einer modernen Tätowiermaschine eingestochen werden. Der älteste Stempel ist 500 Jahre alt, also ein halbes Jahrtausend. Er zeigt das traditionelle Jerusalem-Kreuz. Genau dieses Motiv habe ich mir stechen lassen und mich damit in die Jahrhunderte alte Pilgertradition im Heiligen Land eingereiht. Das ist für mich etwas sehr Wertvolles und ein bleibendes Andenken an Jerusalem.

Inwieweit machen die Besuche der Stadt und ihrer Stätten etwas mit Ihrem Glauben?
Ich denke, dass es für jeden Gläubigen ein Gewinn ist, selbst einmal an den Stätten zu sein, die in der Bibel beschrieben werden. Also zum Beispiel mit eigenen Augen den See Genezareth zu sehen, den auch Jesus und seine Jünger damals gesehen haben. Das kann den eigenen Glauben vertiefen und helfen, die Schrift besser zu verstehen.

Sie waren in Ihrer Kindheit Messdiener und Pfadfinder. Später wurde der Glaube schwächer, doch er gewann im Rahmen einer lebensgefährlichen Krankheit wieder an Bedeutung. Können Sie diese Entwicklung etwas genauer schildern?
Tatsächlich ist mir vor einigen Jahren plötzlich eine Ader eingerissen, eine sogenannte «Dissektion». Das war kurzfristig sehr gefährlich, und doch hat es mich langfristig geprägt. Denn wenn man in relativ jungen Jahren mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert wird, dann ändert das grundsätzlich den Blick auf die Dinge. Wir leben ja in einer Welt, in der Krankheiten, Leid und Tod gerne mal verdrängt werden. Und doch ist es wichtig, jeden Tag als Geschenk zu betrachten. Und dankbar dafür zu sein. Denn Dankbarkeit ist ein sehr wichtiger Schlüssel zum Lebensglück.

Noch ein anderes Thema: Sie sind Botschafter des christlichen Hilfswerks World Vision. Warum?
Ich bin vom Leben beschenkt worden mit vielen guten Dingen – privat und auch beruflich. Und wenn ich ein bisschen von diesem Lebensglück weitergeben kann an ein Kind in Afrika – und als Botschafter für diesen guten Zweck auch noch werben darf –, dann macht mich das sehr froh.

Zum Originalartikel auf PRO

Zum Thema:
Virtuelle Reise durch Jerusalem: Ostern 2020 findet in Israel trotz Corona statt
Strom aus Biomasse: Israel und USA gewinnen Energie aus Müll
Sie sind positiv überrascht: Arabische Journalisten besuchen Israel

Datum: 22.04.2020
Quelle: PRO Medienmagazin | www.pro-medienmagazin.de

Werbung
Livenet Service
Werbung