Das Geschenk der Freude

Die hohe Kunst, im Moment zu sein

Wer kennt nicht die Figur des Clowns! Was Gisella Bächli als Begegnungsclownin macht, hat zwar auch viel mit Freude und Lachen zu tun, stimmt aber nicht mit dem klischeehaften Bild vom Clown überein. Es geht vielmehr um Wertschätzung, Achtung und Würde des Menschen.
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Gisella Bächli versucht die Leute zum Lachen zu bringen. (Bild: Magazin INSIST)
Was ist die Bedeutung des Lachens für Sie?
Gisella Bächli:
Lachen ist das attraktivste Accessoire, das wir tragen können, ein Ausdruck von Freude. Es ist auch die kürzeste Verbindung zwischen Menschen, es hat die Funktion einer Brücke. Dafür muss man nicht einmal die gleiche Sprache sprechen; es ist eine Herz-zu-Herz-Verbindung.

Hatte dieses «attraktivste Accessoire» eines Menschen einen Einfluss auf Ihre Berufswahl?
Mein Beruf hat viel mit Lachen und Freude zu tun. Ich bin ursprünglich Sozialpädagogin und habe lange mit Menschen mit einer Suchtkrankheit gearbeitet. Als ich diese Menschen, die sehr schwierige Lebensumstände hatten, bei einem Theaterprojekt auf der Bühne lachen sah, wurde ich stark davon inspiriert. Ich merkte, dass ein Lachen inmitten der Schwere sehr wertvoll ist. Diesen Menschen ein Lachen zu ermöglichen, heisst, einen Moment zu kreieren, der ihnen gehört und der für sie eine Pause vom schwierigen Alltag ist. Ich wusste, dass das mein Weg war, und habe Weiterbildungen als Theaterpädagogin und Begegnungsclownin gemacht.

Bauen wir zuerst Klischees ab: Haben Sie als Begegnungsclownin den Auftrag, alle zum Lachen zu bringen?
Begegnungsclownin zu sein, ist die hohe Kunst, im Moment zu sein: Ich bringe nicht ein Spektakel und biete keine Aufführung an, sondern ich betrete einen Raum, zum Beispiel in einem Alterszentrum oder Kinderheim, und nehme als erstes die Atmosphäre und jeden einzelnen Menschen wahr. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, ein Moment der Wertschätzung, Achtung und Würde. Das Lachen ist ein Nebeneffekt, eine natürliche Konsequenz der Herz-zu-Herz-Kommunikation. Humor ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen und alle sehnen sich danach, auch wenn sie sich gerade in einer schwierigen Situation befinden. Über eine längere Zeit keine Freude zu empfinden, macht Menschen einsam. Das heisst aber nicht, dass ich mit ihnen nicht ernst sein oder auch mitweinen kann.

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Gisella Bächli
Muss man von Natur aus ein fröhlicher Mensch sein, um ein guter Begegnungsclown zu sein?
Für diesen Beruf braucht man Einfühlsamkeit, Respekt vor dem Gegenüber und Liebe für die Menschen. Der berühmte Schweizer Clown Dimitri brachte es auf den Punkt: «Ohne Liebe funktioniert sowieso nichts.» Authentizität ist auch sehr wichtig; Menschen merken, wenn man etwas vortäuscht, und das kommt nicht gut an. Aber ein immer fröhlicher Mensch muss man dafür nicht sein, das wäre kaum möglich und wahrscheinlich auch sehr anstrengend. Jeder kann einen schlechten Tag haben und jede wird mit persönlichen Problemen konfrontiert. Aber wie in anderen Berufen, in denen man mit Menschen arbeitet, muss man täglich eine Entscheidung treffen, bei der Arbeit einen Schritt zurück machen und den Fokus auf das Gegenüber legen. Ich versuche, meine Situation zu bejahen und begegne auch mir selbst gegenüber empathisch. Ich habe nicht selten erlebt, dass es genau dann oft unvergessliche und humorvolle Begegnungen wurden, wenn es mir nicht so gut ging. Dadurch werde ich selbst beschenkt und gehe mit grösserer Freude wieder nach Hause!

Was ist das Schönste als Begegnungsclownin?
Das Schönste ist, diese Momente der Wertschätzung und Achtung zu kreieren, von denen ich gesprochen habe, und Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist ein achtsames Präsent-Sein, statt bereits an meinen nächsten Schritt zu denken und somit mit mir selber beschäftigt zu sein. Es ist ein inneres Loslassen, um mich auf mein Gegenüber ganz einzulassen. Es braucht Mut, nicht etwas selber produzieren oder machen zu wollen, sondern im Moment entstehen zu lassen.

Was ist auf der anderen Seite eher schwierig?
Was ich lernen musste, ist der Umgang mit Ablehnung: dass ich sie nicht persönlich nehme und auf Abstand gehe, sondern warte. Denn, wie Marshall Rosenberg sagte: «Die Schönheit in einem Menschen zu sehen, ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise kommuniziert, die es am schwierigsten macht, sie zu sehen.» Oft ist die Ablehnung ein Teil der Geschichte der Menschen. Dann geht es darum, geduldig weiter sehen zu wollen als das Vordergründige mir anbietet. Und falls ich die Menschen dennoch nicht erreiche, das auch zu akzeptieren und loszulassen. Doch daran soll man nicht den eigenen Erfolg messen.

Sie haben es schon gesagt: Wir alle haben schlechte Tage. Beeinflusst Ihre Tätigkeit als Begegnungsclownin die eigene Einstellung im positiven Sinn?
Sie beeinflusst mich sehr: Die «Trotzmacht» des Humors ist unabhängig von den Umständen. Ich habe gelernt, dass ich mir eine Oase ermöglichen kann, dass ich mir etwas gönnen kann trotz Schwierigkeiten und Krankheit. Es gibt viel Schönes. Das soll nicht ein billiger Trost sein oder ein Verdrängen, sondern es ist der Versuch, nicht in der Traurigkeit zu versinken. Freude beflügelt im Leiden und ist wie Sauerstoff im Herz: Ohne Sauerstoff funktioniert das Herz nicht.

Was war die überraschendste Reaktion, die Sie je als Begegnungsclownin erlebt haben?
Letztes Jahr war ich fünf Wochen in Israel. Unter anderem besuchte ich ein Zentrum für Kinder mit Autismus. Ich war aufgeregt. Dort traf ich Enosh, ein arabisches autistisches Kind. Wir sahen uns von Weitem und er fing an, in ganz kleinen und langsamen Schritten in meine Richtung zu gehen. Ich machte dasselbe. Bis wir voreinander standen. Dreimal näherte er sich ganz nah an mein Gesicht und schaute mir intensiv und forschend in das rechte Auge hinein. Dreimal fragte er nach meinem Namen. Bis er mich plötzlich umarmte und mit Küssen überschüttete. Er führte mich im Raum herum und wollte, dass ich mich auf seinen Schoss setze. Während dieser Begegnung hatten wir alle Tränen in den Augen. Es war ein sehr besonderer Moment. Enosh zeigte mir den Weg der Herzensbegegnung. Eine Nähe wurde möglich zu jemandem, der wegen seiner Entwicklungsstörung normalerweise Nähe ablehnt.

Was können wir aus Ihrem Beruf lernen?
Freude ist mehr als ein Gefühl, das von einer Situation abhängig ist. Sie ist eine Grundhaltung und ein Erbstück, das wir haben: Gott spricht uns Wert im Alltag zu, er liebt uns und hat Freude an uns. Wenn wir das erfahren und erleben, dann wollen wir es weiterschenken. Dafür muss man kein Begegnungsclown sein; es reicht, wenn wir das Gegenüber wahrnehmen. Egal wo man ist, wir können allen einen freundlichen Blick schenken.

Wieso ist es überhaupt wichtig, den Menschen Freude zu bringen?
Ohne Freude fehlt etwas Wesentliches und Grundsätzliches im Leben. Auch in schwierigen Lebensphasen brauchen wir eine Oase, wo wir uns erlauben können, fröhlich zu sein und bei der besten Tankstelle aufzutanken: bei Gott. Das bedeutet nicht, stecken zu bleiben, sondern das Leid auch zu bejahen und ehrlich zu uns selbst zu sein, damit wir trotz allem Freude erleben dürfen. Letztlich ist es eine Entscheidung. Wir haben viele Gründe, um Freude zu haben, der grösste ist die Hoffnung und Liebe, die wir durch Jesus haben. Wer also soll den Menschen Freude und Wertschätzung bringen, wenn nicht wir? 

Zur Person:

Gisella Bächli ist Begegnungsclownin und Sozial- und Theaterpädagogin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Thun.

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin INSIST.

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Datum: 17.05.2020
Autor: Letizia Melek
Quelle: Magazin INSIST

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